DIE ZEIT: Herr Rübel, Sie leiten seit 28 Jahren den Zoo Zürich. Könnte es sein, dass Sie in all den Jahren einem Irrglauben aufgesessen sind?

Alex Rübel: Hmmm. Wir versuchen eigentlich, den Glauben draußen zu halten. Unser Zoo ist wissenschaftlich geführt.

ZEIT: Sie glauben aber, dass ein Zooaufenthalt Menschen zu Natur- und Tierschützern macht.

Rübel: Das ist so! Claude Martin, der ehemalige WWF-Chef, sagt von sich, dass er hier im Zoo Zürich den Naturschutz entdeckt hat. Dem weltberühmten Tierschützer Gerald Durrell wird nachgesagt, dass er als Kind als Erstes das Wort "Zoo" sagen konnte. Interessant ist auch eine Studie von Andrew Moss, Eric Jensen und Markus Gusset. Die drei haben Leute vor und nach dem Zoobesuch befragt und kommen zum Schluss, dass sich ein Aufenthalt in einem Zoo langfristig positiv auswirken kann, etwa was das Wissen zur biologischen Vielfalt betrifft.

ZEIT: Richard David Precht schreibt im Buch Tiere denken, dass man, statistisch gesehen, weniger als eine Minute vor einem Gehege verweilt.

Rübel: Das kommt auf das Gehege an. Das zeigen auch unsere eigenen Beobachtungen. Meine Mitarbeitenden folgen manchmal Besuchern ...

ZEIT: ... und die wissen davon?

Rübel: (lacht) ... natürlich nicht! Sie folgen ihnen diskret und notieren, wer welche Wege geht und wo stehen bleibt.

ZEIT: Und?

Rübel: Im Exortarium, wo wir viele Fische, aber auch die Krokodile und Königspinguine haben, gibt es auf beiden Seiten des Weges Gehege. Die meisten schauen sich nur die Hälfte der Tiere an, weil sie einer Seite zugewandt sind. Manche verweilen tatsächlich nur eine Minute. Andere lassen sich faszinieren.

ZEIT: Warum darf ein Zoo nicht einfach sein, was er ist? Ein Ort des Konsums, wo man sich fremde Tiere anschaut, die man im Wald nicht antrifft.

Rübel: Natürlich darf man zu uns kommen, um sich einfach zu erholen. Aber noch mehr freut uns, wenn jemand ein Erlebnis hat, das ihn bleibend berührt. Weil er merkt: Oha, diese Tiere sind Teil unserer Welt.

ZEIT: Sind im Zoo echte Begegnungen möglich?

Rübel: Warum sagen Sie "echte" Begegnung?

ZEIT: Weil eine Glasscheibe zwischen dem Tier und dem Menschen ist, man sich nicht berühren kann und einander nicht ausgesetzt ist.

Rübel: Wenn ich bei den Bären bin, staune ich immer wieder, wie die Kinder drei, vier Schritte zurückweichen, wenn die Tiere in ihre Richtung kommen. Obwohl ein Graben zwischen ihnen liegt.

ZEIT: Dann spielt es für Sie keine Rolle, ob ich im Wald einem Reh beim Fressen zuschaue oder im Zoo den Pinguinen?

Rübel: Es ist nicht dasselbe, aber vom Gefühl her gleichwertig.

ZEIT: In Basel wird heftig über ein neues Ozeanium diskutiert, das der Zolli für 100 Millionen Franken bauen will. Am 19. Mai wird darüber abgestimmt. Die Grünen, Greenpeace und Tierschutzorganisationen bekämpfen das Projekt. Wie sehen Sie das?

Rübel: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man Tiere aus unserer Welt verbannt. Genau das wollen die radikalen Tierschützer. Doch damit würden sie das Gegenteil dessen bewirken, was ihnen und auch mir wichtig ist. Weil wir uns damit von der Natur entkoppeln würden. Das wäre ein riesiger Verlust. Je städtischer und digitalisierter wird sind, desto wichtiger sind Orte, an denen man eine gewisse Echtheit an Natur erleben kann.

ZEIT: Die Gegner des Basler Ozeaniums sagen, die meisten Fische, die dort gezeigt würden, könnte man nicht züchten. Man müsste sie also in den bedrohten Korallenriffen einfangen.

Rübel: Das ist so. Die holt man aus dem Meer. Und zwar etwa so viele, wie in der Stadt Basel an einem Mittag auf den Tellern der Menschen landen.

ZEIT: Wie muss man sich die Jagd vorstellen?

Rübel: In den guten Zoos der Welt will man heute den Weg jedes Tieres nachvollziehen können, das aus der Wildnis stammt. Dafür gibt es gute und weniger gute Anbieter.

ZEIT: Wie groß ist das Risiko, dass ein Fisch den langen Transport nicht überlebt?

Rübel: Einige werden sterben, das ist leider so. Aber nicht 80 Prozent, wie die Gegner behaupten. Wenn im Gegenzug nur ein Prozent der 700.000 Besucher, die man erwartet, für den Tierschutz sensibilisiert werden, dann hat es sich gelohnt.

ZEIT: Wie kann man Tiere artgerecht in einem Zoo halten?

Rübel: Artgerecht ist ein schwieriges Wort. Das würde ja bedingen, dass Löwen Zebras jagen könnten. Das möchte das Publikum aber nicht sehen, und das wollen wir auch nicht zeigen. Auch darum nicht, weil wir die Würde des Beutetiers wahren wollen. Zoos und Aquarien sind gemacht von Menschen für Menschen. Wir sind Kulturinstitutionen, wir sind nicht Natur.