Löst sich die gesellschaftliche Mitte auf? "Verlorene Mitte – feindselige Zustände" lautet der Titel einer Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, die massiv in die Kritik geraten ist. Hauptautor ist der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick, der die Untersuchung seit Jahren begleitet. Er war schon an Vorgängerbefragungen beteiligt, die seit 2002 veröffentlicht wurden. Haben er und seine Co-Autoren durch suggestive Fragen rechtspopulistische Tendenzen gemessen, wo gar keine sind? Hat die Studie massive methodische Schwächen?

DIE ZEIT: Haben Sie damit gerechnet, dass Ihre Arbeit so viel Aufsehen erregen würde? Dass sie im heute-journal diskutiert, in der Bild-Zeitung auf einer ganzen Seite ausgebreitet würde?

Andreas Zick: Damit haben wir nicht gerechnet. Die Studie versucht, komplexe Zusammenhänge aufzuzeigen, die Bild-Zeitung ist aber nur auf die Einstellungen zu Asylsuchenden eingestiegen und hat die Studie eine "Asyl-Studie" genannt – was sie nicht ist. Uns geht es um die Frage, wie stabil eine gesellschaftliche Mitte ist, zu der alle gehören können. Dabei beschreiben wir, dass die Fokussierung auf das Thema Asyl und die aufgeheizte Debatte darüber gerade Probleme für die Stabilität der Mitte sind. Insofern passiert mit der Studie etwas, was darin selbst beschrieben wird.

ZEIT: Sie haben in der Studie auch die Zustimmung zu Verschwörungsmythen gemessen. Gibt es da einen Zusammenhang?

Zick: In der Studie bestätigen 50 Prozent der Befragten: "Ich vertraue meinen Gefühlen mehr als sogenannten Experten." Da wankt das Bild der aufgeklärten Gesellschaft. Es geht uns ja selbst so: Wir sehen, dass die Studie von allen möglichen Seiten zur Selbstinszenierung verwendet wird. Ergebnisse, die politisch nicht opportun sind, haben sofort Anlass gegeben, uns, die Forschenden, infrage zu stellen. Das fördert eine Wissenschaftsfeindlichkeit, die letztlich Rechtspopulisten zugute kommt.

ZEIT: Die Kritik kommt aber nicht nur von rechts, sondern unter anderem auch von Sigmar Gabriel, der Ihnen im Tagesspiegel Alarmismus vorwarf. Eigentlich zeichne die Studie ein erfreuliches Bild, der Titel Verlorene Mitte sei völlig übertrieben, argumentierte Gabriel. Er befürchtet, dass ein Großteil der Bevölkerung pathologisiert und zur "verlorenen Mitte" erklärt wird – nur weil sie eine gesunde Skepsis gegenüber der aktuellen Politik hat.

Zick: In der Studie wird sowohl eine gesunde Skepsis der Befragten sichtbar als auch ein – in Teilen – illiberales Demokratieverständnis. So stimmen 93 Prozent der Aussage zu: "In einer Demokratie sollten Würde und Gleichheit an erster Stelle stehen." Zugleich aber meint rund ein Drittel, die Demokratie führe eher zu faulen Kompromissen. Und 36 Prozent sagen: "Im nationalen Interesse können wir nicht allen die gleichen Rechte gewähren." Da werden Widersprüche sichtbar, die zeigen: Das Bild einer stabilen Mitte ist irreführend. Diese Widersprüche müssen wir analysieren.

ZEIT: Der Titel Ihrer Studie klingt aber tatsächlich düster. Ist die Mitte verloren?

Zick: Nein, auch wenn der Titel offenbar für viele provozierend ist. 60 Prozent unserer Befragten bezeichnen ihre politischen Ansichten als "genau in der Mitte", und manche verstehen den Titel nun so, als ob wir konstatierten, sie seien verloren. Es geht uns aber um die Mitte als demokratische Gemeinschaft, die fähig ist, Konflikte, Interessen, Werte und Identitäten auszuhandeln. Die Grundthese der Studie ist, dass mit einer Zunahme antidemokratischer Einstellungen diese Art von Mitte ausgehöhlt wird.

ZEIT: Aber Ihre Umfrage liefert ja keine Hinweise auf eine zunehmende Aushöhlung. Rechtsextreme Ansichten nehmen ihr zufolge nicht zu, sondern ab. Und rechtspopulistische Einstellungen sind der Studie zufolge "stabil" – woraus Sie schließen, diese seien "in der Mitte normaler geworden". Wieso?

Zick: Viele schauen in unserer Studie nur, ob Einstellungen steigen oder sinken. Normalitäten verschieben sich aber auch dann, wenn Stereotype, Stigmatisierungen und Abwertungen stabil sind. Denken wir an die immer klarer dokumentierten Hasstaten gegen Jüdinnen und Juden. Ist es "normal", wenn sie konstant hoch sind?