Wenn der österreichische Fernsehmoderator Armin Wolf in der Hauptnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Senders ORF einen Studiogast zum Gespräch begrüßt, erwartet das TV-Publikum Krawall.

Dabei ist sein Ton stets sachlich, er ist meist blendend vorbereitet, hat alle Zahlen parat und erkundigt sich in seiner Sendung Zeit im Bild 2, dem Pendant zu den deutschen tagesthemen, akribisch nach Details. Wolf wird fast immer seinem Ruf gerecht: Er lässt sich nicht mit Plattitüden und blumigem Politikerdeutsch abspeisen, sondern er stellt bohrende Nachfragen. Journalistisches Handwerk, könnte man meinen.

So auch im jüngsten Fall, der seit Tagen die Öffentlichkeit beschäftigt und nicht nur in Österreich breiten Widerhall in den Medien fand und befürchten lässt, die Medienfreiheit im Land sei ein Stück weiter in die Richtung des ungarischen Modells gerückt. Zu Gast im Nachrichtenstudio war am Dienstag nach Ostern der freiheitliche Spitzenkandidat für die Wahlen zum Europäischen Parlament, Harald Vilimsky, der gerade emsig damit beschäftigt ist, an einer europaweiten Koordination der Rechtspopulisten zu basteln. Wolf provozierte den rechten Frontmann mit einem Flugblatt der steirischen Jugendorganisation der FPÖ, auf dem unter dem Slogan "Tradition schlägt Migration" ein blondes Trachtenpärchen zu sehen ist, das "von dunklen, bösartigen, offenbar fremdländischen Fratzen bedroht wird", wie der Moderator im Nachhinein in einem ausführlichen Blog-Eintrag erläuterte.

Da sein Interviewpartner versuchte, die rassistische Darstellung zu verharmlosen, griff Wolf zur Brechstange. Die Redaktion stellte eine Zeichnung aus dem antisemitischen NS-Kampfblatt Der Stürmer daneben. Vilimsky sollte darlegen, was die beiden Abbildungen voneinander unterscheide. Der FPÖ-Politiker, durchaus ein Mann fürs Grobe, schäumte. Das Gespräch sei "ein Skandal der Sonderklasse", wütete er und drohte, das werde "nicht ohne Folge bleiben".

In den nächsten Tagen hagelten vom freiheitlichen Parteichef und Vizekanzler abwärts verbale Attacken auf den Moderator, die sich alle der klassischen Methode der Opfer-Täter-Umkehr bedienten. Das Interview sei "widerlich" und "pervers", der "selbst ernannte Medieninquisitor" sei "untragbar", er agiere wie ein Nazi-Richter am "Volksgerichtshof", er möge eine "Auszeit" nehmen und sich "neu erfinden". Vilimsky selbst, der den Sturm der Empörung ausgelöst hatte, erklärte in einem Zeitungsinterview unverblümt: "Ich würde Wolf vor die Tür setzen."

Vor der Kulisse des schwelenden Konflikts zwischen der Regierungskoalition aus Volkspartei und Freiheitlichen und dem ORF ist der Fernsehstar und Twitter-König (Wolf hat eine Gefolgschaft von 412.000 Followern und damit so viel wie die Topmoderatoren von tagesthemen und heute-journal zusammen) erneut seiner Rolle gerecht geworden, die sein Publikum von ihm erwartet: jener des härtesten Interviewers des Landes, der keine Kontroverse scheut und mit seinen Fragen in offenen Wunden bohrt. Spätestens jetzt hat der kalte Krieg zwischen Regierung und ORF ein Gesicht und einen Namen.

Es ist eine Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert scheint. Der ehrgeizige Moderator hat sie, allen Rückschlägen zum Trotz, in den vergangenen 17 Jahren in einer eigenen Mischung aus "Besessenheit und Akribie" perfektioniert. "Ich kenne niemanden, der seine Interviewpartner mit einem derartigen Detailwissen aus der Reserve locken kann", sagt ein ehemaliger Mitstreiter.

Noch lieber nervt Wolf aber seine Gesprächspartner im Live-Studio

Wolf, dem neben seinem Talent auch ein starker Hang zur Besserwisserei nachgesagt wird, wirkt auf manche wie eine heillose Nervensäge. "Er fordert von sich selbst immer 120 Prozent und erwartet das auch von den anderen", beschreibt ein anderer Kollege den unbändigen Eifer: "Wer nicht wie er denkt, den hält er für einen Idioten."

Noch lieber nervt Wolf aber seine Gesprächspartner im Live-Studio. Ob verschmitzt oder unerbittlich nachfragend, der Mann mit dem spitzbübischen Lächeln fühlt sich erst dann in seinem Element, wenn ihm, wie er einmal erzählte, die "feine Gratwanderung zwischen Inhalt und Form" gelingt: "Fad soll es jedenfalls nicht sein." Die Tugend des Perfektionisten trieb er so weit, dass ihn einer seiner früheren Chefredakteure einen "journalistischen Fundamentalisten" titulierte.

Seine einzigartige Rolle hat sich der 53-jährige Politikwissenschaftler aus Tirol zäh erarbeitet. Seit 1985 beim ORF – zunächst in Innsbruck, später USA-Korrespondent und von 1997 an beim Fernsehen –, kletterte das emsige Arbeitstier die Karriereleiter zügig nach oben. Er raucht nicht. Er trinkt keinen Alkohol. Rollenmodell: wenig Schmäh, viel intellektueller Ernst. Noch heute kontrolliert er die Aufzeichnung jedes seiner Auftritte.

Jeder Fehler quält ihn tagelang. "Wirklich zufrieden", gestand er ein, sei er noch nie mit seiner Leistung gewesen.

Eigentlich strebte Wolf eine Karriere als Magazinjournalist an: "Irgendwann beim Spiegel, das war mein Traum." Geblieben ist ein exzessiver Konsum von Printmedien, am liebsten vormittags in Innenstadtcafés – mit einem Kopfhörer im Ohr, aus dem das mittägliche Informationsmagazin des Radiosenders Ö1 den aktuellen Stand der Dinge berichtet. Den Spiegel liest er jetzt nebenbei.

In seinem Elternhaus in einer Innsbrucker Sozialwohnbausiedlung – sein Vater war Hauswart und Christgewerkschafter, seine Mutter Verkäuferin in einem Supermarkt – war das Hamburger Nachrichtenmagazin neben der Tiroler Tageszeitung abonniert. Ein erstes Fenster zur Welt, die sich dem ehemaligen Klassensprecher und Mitglied der Jungen ÖVP erst erschloss, als ihm der Hörfunk einen Job als Auslandsredakteur anbot: "Bis zu meiner Matura war ich ja in keinem anderen Land als in Italien gewesen."

Nach dem Abitur ging er auf Distanz zu dem "schwarzen Biotop", in dem er groß geworden war. Ohne sich gleichzeitig anderswo anzubiedern. Sein Meisterstück als öffentlicher Akteur lieferte er bereits an einem heißen Mai-Tag 2006. Anlässlich einer Preisverleihung griff er in einer zwölf Minuten langen Brandrede die damalige ORF-Spitze frontal an und warf ihr vor, der damaligen ersten schwarz-blauen Regierung hörig zu sein. "Mit jedem Satz", erinnerte sich Wolf, "ist es im Saal leiser geworden. Irgendwann war die Stille fast mit der Hand zu greifen." Sogar das damals anwesende Staatsoberhaupt befand: "Es haben viele gesagt, es sei heiß hier herinnen. Aber einigen dürfte es heute besonders heiß geworden sein." Das zornige und kompromisslose Bekenntnis zu einem journalistischen Reinheitsgebot löste damals unter anderem den Sturz der Generaldirektorin aus.

Die kritische Distanz bewahrte ihn nicht davor, schnell das Etikett des Aufsässigen verpasst zu bekommen und mehrmals aus Sendeformaten abgezogen zu werden. Vor allem für die Freiheitlichen ist der Einzelgänger ein liebevoll gepflegtes Feindbild, dessen Kopf gegenwärtig recht unverhohlen gefordert wird. Für die Regierungspartei FPÖ scheint der Anchorman derzeit die kostbarste Trophäe zu sein, die es in ganz Österreich zu ergattern gibt.

Einerseits als Symbol eines unabhängigen ORF verehrt, anderseits als "altlinke Zelle" diffamiert (so ein ehemaliger FPÖ-Generalsekretär), könnte bei der angekündigten Rundfunkreform der Regierung Wolfs Name nun leicht auf eine Abschussliste gelangen. Doch diesmal, so ein ORF-Mann, werde es nicht so leicht: "Wird Wolf geopfert, dann könnte es sogar Streik geben."