Dieser Artikel liegt in einer Langfassung vor.

Die Unternehmerin

Der alte Zirkuswagen steht noch. Das Holz verwittert, die Scheiben trüb. Er sei funktionstüchtig, sagt Jana Bauroth. "Wir könnten damit sofort wieder wegfahren, wenn wir wollten." Doch sie will ja bleiben. Sie lacht und stapft hinüber zu ihrem großen Obstgarten.

Jana Bauroth, 47 Jahre alt, eine Frau mit kurzen blonden Haaren, lebt seit zwei Jahrzehnten hier, am Ortsrand von Haxthausen, einem kleinen Dorf, das zur Stadt Freising gehört. 1992 verließen sie und ihr Mann Björn den Osten. Das Abitur war absolviert, der Beruf gelernt und Neuseeland mit dem Fahrrad durchfahren. Jetzt, da sie ein gemeinsames Leben beginnen wollten, gab es keine Stelle für eine Bauzeichnerin in Brandenburg oder einen Klempner in Thüringen. Die Arbeitslosenquote in ihrer Heimat lag bei 20 Prozent.

Deshalb gingen die Bauroths den Weg, den viele nahmen. Nach Süden.

Die Region um die beiden Städte Erding und Freising im Münchner Norden ist, im Verhältnis zur Einwohnerzahl, jene mit den meisten Zuzügen aus Ostdeutschland, vor allem aus Sachsen. Das ergibt sich aus den Zahlen, die ZEIT ONLINE analysiert hat. 27.000 Umzüge gab es aus den neuen Bundesländern dorthin, um etwa sechs Prozent sind Erding und Freising durch die ostdeutschen Migranten jeweils gewachsen – und den Grund dafür kann man sehen, wenn man in Jana Bauroths Garten steht und zum Himmel blickt.

Dort dröhnt es, immer wieder. Flugzeuge setzen zur Landung an. Der Münchner Großflughafen, nach Franz-Josef Strauß benannt, liegt nur gut fünf Kilometer entfernt, gleich hinter der Autobahn 92. Die Luft, sagt Jana Bauroth, fühle sich ständig so an, als ob sie in Bewegung sei, als ob sie vibriere. "So etwas wie Stille gibt es nicht."

Als der Flughafen 1992 eröffnet wurde, begann im Münchner Umland, wo die Wirtschaft ohnehin schon stark war, eine Art Boom auf Speed. Allein in den 1990er-Jahren wuchs der Landkreis Freising um etwa 30.000 Einwohner, das entspricht einem Anstieg um 20 Prozent. Der Landkreis Erding gewann 38 Prozent hinzu, das war bayerischer Rekord.

Auch die Bauroths profitierten von diesem Boom. Dabei war ihr Anfang im Westen nicht leicht. Zuerst brachte ihr Trabant sie nach Heidelberg. Björn Bauroth konnte als Klempner arbeiten, also in seinem Beruf. Jana Bauroth musste sich ungelernt in der Altenpflege verdingen. Richtig willkommen fühlte das Paar sich nicht. "Es war für uns Ossis zum Beispiel schwer, eine Wohnung zu bekommen", sagt sie.

Als gelernte DDR-Bürger, die um die Welt gereist waren, improvisierten sie. Sie kauften aus den Hinterlassenschaften eines Zirkus den Wohnwagen, der noch heute in ihrem Garten steht, und richteten ihn als Bleibe ein. Nach zwei Jahren zogen sie weiter nach Süden, bis es sie über Bekannte nach Freising-Haxthausen verschlug. Ein Bauer ließ sie ihren Zirkuswagen auf seiner Wiese parken. "Er achtete uns als Menschen, unabhängig von der Herkunft", sagt Jana Bauroth. "Und wir achteten ihn." Später mieteten sie sich ins Bauernhaus ein, gründeten eine Firma für Baumschnitt und Baumgutachten, studierten nebenbei ökologischen Landbau (sie) und Landschaftsarchitektur (er), stellten Mitarbeiter ein. Bald kamen die Kinder, ein Sohn und eine Tochter.

Die Arbeitsvermittlerin

Jede Auswanderungsgeschichte ist anders, eigen, besonders. Aber eines eint die Geschichten der Ostdeutschen im Südwesten: Sie nahmen die Jobs, die es gab. Sie arbeiteten in Biergärten, fingen als Fleischereiverkäuferin an, wurden S-Bahn-Fahrer. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in München beim Metzger den Leberkäs in breitem Sächsisch angeboten bekam, war vor allem in den Neunzigerjahren hoch. Sogar die Ansagen in der Münchner S-Bahn erklangen immer mal wieder auf Sächsisch. Nächster Halt: "Mohrienplohtz".

Das lag auch daran, dass die Menschen regelrecht in den Süden geholt wurden. Man kann Heike Weißbach von der Freisinger Arbeitsagentur danach fragen. Ihr Haus pflegte damals sogar eine Kooperation mit dem Osten – mit dem Arbeitsamt in Bautzen. "In der Oberlausitz lag die Arbeitslosigkeit noch zehn Jahre nach der Wende bei 25 Prozent", sagt Weißbach. In Freising dagegen: 1,6 Prozent. Handwerk, Firmen, Konzerne hätten damals verzweifelt Leute gesucht. Sie, Heike Weißbach und ihre Kollegen, seien deshalb noch im Jahr 2000 mit zehn Unternehmen, darunter auch der Flughafengesellschaft, eines Sommertags nach Bautzen gefahren. "Wir hatten vielleicht mit 200 Bewerbern gerechnet", sagt sie. "Dann standen da plötzlich 1000." In den folgenden drei Jahren vermittelten die beiden Arbeitsämter 650 Menschen einen Job in Freising und Umgebung. Für die Pendler wurde ein Shuttlebus betrieben, die Umzugswilligen bekamen eine Prämie von 5000 D-Mark und Mietzuschuss. Heike Weißbach wusste dabei nur zu gut, wie es den Menschen erging. Sie selbst war Anfang der 1990er-Jahre von Dresden ins Münchner Umland gezogen, weil ihr Mann, ein Ingenieur, daheim keine Stelle fand. Jetzt sorgte sie dafür, dass Hunderte Sachsen als Büroangestellte, Lageristen, Stewardessen, Kraftfahrer oder Kellner Arbeit bekamen.

Der Flughafen-Schichtleiter

Wer durch die Gegend um Erding und Freising fährt, findet viele solcher Menschen. Erst recht am Flughafen selbst natürlich: Dort, wo Männer wie Jens Ludwig arbeiten, der daheim in Sachsen, in Annaberg-Buchholz, nach seiner Ausbildung zum Autolackierer 1991 vergeblich einen Job suchte. Als er erfuhr, dass am neuen Flughafen bei München auch Ungelernte gesucht würden, bewarb er sich – und wurde sofort eingestellt. Als Schichtleiter ist er heute für das Innere der riesigen Terminals verantwortlich, muss sich um die Airlines, Geschäfte, Passagiere kümmern. Er befindet sich immer im Stress. Kurz darf man ihn sprechen, am Telefon.

Anfangs, sagt Ludwig, habe er Koffer und alle möglichen Güter in die Flugzeuge gepackt oder aus ihnen ausgeladen. Parallel machte er, bei der Münchner IHK, eine Ausbildung zum Flugzeugabfertiger. Und übernahm immer mehr Aufgaben in der großen Maschine, die so ein Flughafen ist.

Er ist also angekommen im Raum München. Und doch ist er Pendler geblieben. Seit 28 Jahren fährt Ludwig an den freien Tagen nach Hause ins Erzgebirge, zu seiner Frau und den beiden Kindern, vier Stunden hin, vier Stunden zurück – wenn wenig Verkehr ist. "Ich dachte am Anfang, das mache ich höchstens drei Jahre", sagt er. "Aber da habe ich mich wohl geirrt." Wenn etwas zur Geschichte der Ostdeutschen nach 1990 gehört, ist es das Pendeln. Im Jahr 2005, das hatten damals sächsische Landesstatistiker errechnet, fuhren 29.000 Menschen Woche für Woche aus Sachsen zur Arbeit allein nach Bayern.