Warum der Brexit eine Chance für die deutsche Wissenschaft ist

Professor

Was immer kommen mag, die Stimmung an den britischen Universitäten ist so schlecht wie nie. Der Brexit gefährdet das Geschäftsmodell der zwangsweise auf ihre finanzielle Lage sehr bedachten englischen Hochschulen und hat die Liebesaffäre, die viele herausragende europäische Forscherinnen und Forscher mit dem akademischen Leben auf der Insel hatten, auf nachhaltige Weise beschädigt. Das ist bedauerlich, müsste Bundesforschungsministerin Anja Karliczek aber noch nicht interessieren – wäre die Forschungslandschaft im Vereinigten Königreich der in Deutschland nicht in vielen Disziplinen weit überlegen.

Diese Überlegenheit zeigt sich etwa in den prestigereichen, durch den European Research Council (ERC) finanzierten Forschungsprojekten. Hier liegt Deutschland zwar auf einem guten zweiten Platz, das Fördervolumen ist allerdings ein Drittel niedriger als das des Vereinigten Königreichs. In den Sozialwissenschaften, zumal der Ökonomie, ist Deutschland weit abgeschlagen. So hat die ökonomische Fakultät am University College London seit Bestehen des ERC-Wettbewerbs über 30 ERC-grants eingeworben, ein Drittel mehr als die gesamte Humboldt-Universität zu Berlin.

Diese Konstellation bietet der deutschen Wissenschaft eine große Chance. In gewisser Weise ähnelt sie jener, die sich amerikanischen Universitäten in den 1930er-Jahren bot und die diese genutzt haben, um eine bis heute andauernde Dominanz in den Wissenschaften zu erzielen. Es gibt zahllose Professorinnen und Professoren in Großbritannien, darunter auch viele Deutsche, die augenblicklich nichts lieber täten, als auf einen gut ausgestatteten Lehrstuhl in Deutschland zu wechseln. Sie würden ihre ERC-Projekte mitnehmen, die ihr Gehalt für eine Dauer von bis zu fünf Jahren zur Hälfte finanzieren.

Damit ist nicht gemeint, dass die deutsche Wissenschaftspolitik an den ausländischen Lehrstühlen "shoppen" gehen oder gar eine Art Beutefeldzug starten sollte.

Vielmehr gilt es, die politische Situation zu nutzen, um Wissenschaftsallianzen zwischen britischen und deutschen Universitäten aufzubauen und zu festigen. Berlin hat das im Dezember 2017 vorgemacht, mit Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters und des Wissenschaftssenats. Die Freie Universität, die Humboldt-Universität, die Technische Universität und die Charité haben sich zusammengetan. Geschmiedet wurde eine enge Kooperation mit der Universität Oxford. Weitere Institutionen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz unterstützen diese Zusammenarbeit. Fördergelder wurden ausgeschrieben, gezielt für Forschungsbrücken zwischen Kontinent und Insel: Projekte, Lehre, Austauschprogramme. Nun kommen die außeruniversitären Einrichtungen hinzu. Ein Berlin House in Oxford ist ebenso in Vorbereitung wie ein Oxford-Haus in Berlin. Obere Repräsentanten der englischen Universität leben in Berlin und sind Teil der Stadtkultur geworden.

Mittlerweile haben weitere Universitäten nachgezogen. Die Ludwig-Maximilians-Universität München kooperiert mit der Cambridge University, die Technische Universität München mit dem Imperial College London, die Universität Dresden mit dem Kings College London, die Universität Frankfurt mit der Universität Birmingham. Jede dieser Brücken trägt und hält zum Wohle der Wissenschaft, von Forschung und Lehre.

Finanziert werden die Verbünde aus dem Etat der beteiligten Einrichtungen, aus kommunalen und Landesmitteln. Der Bund dagegen hält sich zurück. Eine Förderung der bilateralen Kooperationen mit dem Vereinigten Königreich ist vonseiten des Bundesforschungsministeriums (BMBF) nicht vorgesehen.

Dies ist strategisch unklug. Das BMBF sollte sich sichtbar für die Kooperation einsetzen und sie mit finanziellen Mitteln unterstützen. Denn Brücken brauchen Pflege, auch müssen sie vielspurig ausgebaut werden. Kleine Pfade tun es nicht. Machen wir die Rechnung auf: Würde man nur zehn Prozent des letztjährigen Haushaltsüberschusses des Bundes nachhaltig in Forschungs- und Bildungsimporte aus dem Vereinigten Königreich investieren, könnte man damit rund 240 neue Brückenprofessuren schaffen, allesamt besetzt mit Spitzenforscherinnen und -forschern. Damit hätten zum Beispiel die elf deutschen Eliteuniversitäten jeweils Mittel für fast 22 Brückenprofessuren, was ihnen im wichtigen internationalen Wettbewerb nicht nur einen enormen Schub verschaffen, sondern auch die Qualität der Lehre und Doktorandenausbildung auf ein neues Niveau heben würde. Unter diesen Vorzeichen wäre vielleicht sogar der Bundesfinanzminister bereit, die dem BMBF drohende Mittelkürzung von etwa einer halben Milliarde Euro zurückzunehmen.

Die Chance ist da, und es ist eine, die sich so nicht wieder bieten wird. Würde man sie nutzen, könnte man die Schäden, die auch für die deutsche Wirtschaft durch einen Brexit zu erwarten sind, mehr als nur kompensieren.