Die Central European University in Budapest wurde zum Symbol für die Freiheit der Wissenschaft. Nun muss sie Ungarn verlassen und zieht nach Wien. Ein Besuch am alten und am neuen Standort.

Der zweite Abschluss

Hierhin also wird bald das Zentrum Europas verlegt. Nach Wien, in den 14. Bezirk, in einen Park voll schönster Jugendstilbauten, in denen heute noch eine Klinik untergebracht ist: das Otto-Wagner-Spital. In vier Jahren, ab 2023, wird dies ein Campus sein. Junge Studierende und alte Denker werden hier flanieren, Richtung Horizont, wo sich die Berge staffeln. Das wird eine Universität – wie aus dem Bilderbuch.

Doch werden die Menschen, die hier studieren, forschen und lehren, im Jahr 2023 unbeschwert sein, glücklich, frei? Oder wird ihnen an diesem weiten Ort das Herz klein und hart in der Brust, vor lauter Sehnsucht nach der alten Heimat? Denn das Zentrum Europas, liegt bislang in Ungarn: in Budapest. Dort steht seit fast drei Jahrzehnten die Universität, die Europa im Namen trägt und die der Herzschlag dieses Kontinents sein will: die Central European University (CEU). 1300 Studierende, 400 Professoren, das Fächerspektrum geistes- und sozialwissenschaftlich.

Nun plant die CEU ihren Umzug nach Wien, der mehr ist als ein Umzug. Eine Vertreibung, sagen manche. Und auch ein Symbol dafür, was in Europa derzeit auf dem Spiel steht: die Freiheit der Wissenschaft. In der Türkei, in Russland, in Polen – überall versuchen Regierungen die Forschung einzuschränken und setzen Wissenschaftler unter Druck. Die CEU ist das prominenteste und auch emotionalste Opfer dieser Entwicklung.

Zwei Jahre ist es her, als Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán eine Gesetzesnovelle erließ, die "Lex CEU". Sie sieht vor, dass ausländische Universitäten nur dann in Ungarn ansässig sein und akademische Grade verleihen dürfen, wenn sie auch in ihrem Heimatland einen Lehrbetrieb führen. Die CEU hat bislang nur einen Campus, jenen in Budapest. Zu den renommiertesten Universitäten Europas gehört sie aber auch deswegen, weil sie außerdem in den USA akkreditiert ist und also amerikanische Diplome verleihen darf.

Das neue Hochschulgesetz war wie maßgefertigt dafür, die CEU zu treffen. Die "Soros-Uni", wie Viktor Orbán sie abschätzig nennt. 1991 wurde die CEU von einer Gruppe Intellektueller gegründet, darunter George Soros, Jahrgang 1930, geboren in Ungarn. Ein Jude, der sich in seiner Kindheit vor den Nazis versteckte, dann in die USA auswanderte, wo er Immobilienmilliardär wurde. Die Open Society Foundation , der Soros sein Vermögen überschrieben hat, ist mit rund 18 Milliarden US-Dollar Stiftungskapital die zweitgrößte Stiftung der Welt. Das Geld fließt bis heute in die CEU: in Gebäude, Lehrpersonal und Stipendien. Die Universität ist unabhängig, darauf beharrt sie: Formal rechenschaftspflichtig ist sie gegenüber einem Kuratorium.

Zweieinhalb Stunden Zugfahrt liegen zwischen altem und neuem Campus

Zweieinhalb Stunden Zugfahrt liegen zwischen altem und neuem Campus

© ZEIT-Grafik

Die CEU liegt im Zentrum Budapests, inmitten opulenter Straßenzüge, wie sie sich in den Metropolen Europas erheben, etwa Paris, Berlin, Wien. Wenige Fußminuten östlich ragt das wuchtige Portal der St.-Stephans-Basilika auf; in das Straßenpflaster sind goldene Stolpersteine eingelassen und erinnern an die Vertriebenen, die Toten. Drumherum: Cafés mit kräftigem Espresso. Ein veganes Eisgeschäft. Ein Buchladen. Ein paar Schritte westlich fließt die Donau. Selfies vor glitzerndem Wasser, zwei Männer halten Händchen.

Die Universität wohnt in zwei Jahrhundertwendebauten und einem Neubau aus Glas, in dem sich der Fassadenstuck der umliegenden Häuser spiegelt. In der Bibliothek tippen Studierende auf Tastaturen, die Hausarbeiten sind fällig. Im Seminarraum leuchtet Kunstlicht, es geht um Jürgen Habermas. Normales Uni-Leben – wären da nicht die Banner, die an die Balkone der Universität geknotet sind. In weißer Schrift auf türkisfarbenem Grund steht darauf: "#aCEUvalvagyok", "#IstandwithCEU" – hier sind alle für die CEU. Steigt man hinauf in den siebten Stock, auf die Dachterrasse, sieht man den Regierungssitz Viktor Orbáns.

Im April 2017 demonstrierten in Budapest 60.000 Menschen für den Erhalt der Universität. Wissenschaftsorganisationen in Europa schrieben Unterstützerbriefe. Die Vereinigung der europäischen Hochschulrektoren formulierte damals, sie sei "extrem geschockt und besorgt" über diese Einschüchterung der Wissenschaftler in Ungarn. Eine Sprecherin von Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, Deutschland werde die Hochschullandschaft in Ungarn "sehr aufmerksam beobachten".

Die Angriffe auf die akademische Freiheit durch die ungarische Regierung haben System. Lanciert werden sie durch juristische Winkelzüge, durch spitzfindige Gesetzesnovellen und Bürokratismen, die nicht nur der CEU gelten, sondern auch den staatlichen Universitäten, sogar einzelnen Fachgebieten wie etwa der Geschlechterforschung. Die Genderstudies , hieß es vonseiten der Regierung, untergrüben die Werte der christlichen Familie, seien ökonomischer Unfug. Ein Erlass, der wiederum vor allem die CEU traf; sie bietet das Fach als eine von zwei Universitäten in Ungarn an.

Auch die Ungarische Akademie der Wissenschaften , gegründet 1825, steckt im Würgegriff. Die Regierung hat sich die Entscheidungsgewalt über Ausrichtung und Budget der dort ansässigen Forschung verschafft. "Die Einschränkungen sind mit dem Prinzip der Wissenschaftsfreiheit nicht vereinbar", schrieben die deutschen Forschungsorganisationen vor wenigen Wochen in ihrem Brief.

"Ich stehe zur CEU", #IstandwithCEU, das ist in den letzten zwei Jahren so etwas wie ein Schlachtruf der akademischen Freiheitskämpfer geworden. Die türkisfarbenen Schilder sieht man in Budapest in der Uni, aber auch in Cafés und Kneipen.

Der Rektor der CEU läuft täglich daran vorbei, Michael Ignatieff. Ein Mann von souveräner Gestalt. Das Haar grau, die Brille vorn auf der Nase, die Stimme sanft. In seinem Büro hängt über der Seidentapete ein Foto, das ihn mit Barack Obama zeigt. Ignatieff, 71, ist ein Weltbürger. Väterlicherseits russischer Adel, mütterlicherseits schottische Intelligenz, geboren in Kanada. Ignatieff war Politiker, Autor, Professor, er hat in Harvard und Oxford gelehrt, seit drei Jahren leitet er die CEU. Diese Universität, sagt er, sei Heimat. "Familie." Allerlei Tand steht in seinem Büro: eine kleine Sigmund-Freud-Puppe, rote Boxhandschuhe, ein Globus. Und ein Schild mit den Worten "Keep it simple".

Was aber ist einfach, wenn einem die Regierung das Leben schwer macht? Ignatieff war kaum im Amt, da erließ Viktor Orbán die Gesetzesnovelle. "Wir haben einen zweijährigen Kampf hinter uns", sagt Ignatieff. Ermüdend seien die Auseinandersetzungen, aber natürlich unvermeidbar: "Hier haben Menschen eine akademische Ausbildung erhalten, die für sie nirgendwo sonst möglich gewesen wäre. Flüchtlinge, Migranten, Roma." Die Absolventen der CEU seien hoch qualifiziert, begehrt auf dem Arbeitsmarkt, ein wirtschaftliches Kraftwerk für Ungarn. "Wissen Sie, was ich wirklich denke", sagt Ignatieff, "ich denke, das hier ist völlig absurd. Ein irrationaler, ideologischer Kampf Viktor Orbáns gegen sein eigenes Land."

Zwei konkrete Bleibevorschläge für die CEU hat Ignatieff vorgelegt. Eine Partnerschaft mit dem amerikanischen Bard College im Bundesstaat New York, mit der die CEU den neuen rechtlichen Vorgaben entsprochen hätte. Viktor Orbán hat diese Vorlage nicht ratifiziert. Auch auf eine geplante Kooperation mit der TU München hat er bislang nicht reagiert. Der Vorschlag beinhaltet zwei gemeinsame Professuren im Bereich Politikwissenschaft. Ende März wurde dieser Plan mit Unterstützung Manfred Webers eingefädelt, des Vorsitzenden der Europäischen Volkspartei (EVP). Die EVP hat Orbáns nationalkonservative Partei Fidesz Anfang April aus dem Parteienverbund suspendiert. Eine künftige Mitgliedschaft knüpft die EVP auch daran, dass die CEU in Ungarn bleiben kann. "Wir sind jetzt an einem Ende angekommen", sagt Ignatieff.

Er reibt sich sichtlich auf. Daran, dass seine Universität, ein genuin akademischer Ort, von Orbán zu einem Politikum erklärt wurde. "Wir machen hier so revolutionäre Dinge, wie mittelalterliche Literatur zu lesen", sagt er, mit schneidender Ironie. Viktor Orbán zwinge ihm einen Kampf auf, der völlig verzerre, was die Aufgabe von Wissenschaftlern sei: "Wir sind keine politische Bewegung, keine Partei, auch keine Opposition. Wir sind eine Universität." Ignatieff war selbst Politiker: Von 2008 bis 2011 war er Vorsitzender der Liberalen Partei Kanadas. Die Auseinandersetzung mit der ungarischen Regierung zwinge ihn jetzt, seine Rolle zu schärfen: "Ich musste lernen, eine unpolitische Art der Politik zu machen. Ich bin nicht Herrn Orbáns Gegenspieler und auch kein Partisan. Wir kämpfen nur um unsere Freiheit."