© Illustration: Kati Szilágyi

Die Kirche, so Paulus, ist die Braut Christi. Man stellt sich das heutzutage als ein keusches Verhältnis vor, aber so nimmt es sich nicht unbedingt aus. Christus ist der Bräutigam, die Kirche seine Braut – von dieser Hochzeitsidee aus betrachtet ist der Katholizismus von Vereinigung geradezu besessen, ist er eine einziger großer Vereinigungswunsch.

Nirgends wird das deutlicher als im katholischen Abendmahlsgedanken, dieser leiblichen Einswerdung der Gläubigen mit Christus. Man denke auch an den ganzen argumentatorischen Aufwand dafür, dass es sich bei Brot und Wein tatsächlich um den Leib Christi handelt und nicht mehr um Brot und Wein. Wer glaubt, die Kirche sei immer leibfeindlich gewesen, der irrt. Sie hat Dichter und Theologen hervorgebracht, die, ausgehend vom Brautgedanken, die weltschönsten Vereinigungsverse geschrieben haben, deren Brisanz die Kirche mühsam wieder einfangen musste.

Ein Beispiel:

An meiner sel’gen Brust,
Die ihm allein zu eige
Und ich: mich liebend zu ihm neigen,
Ihm Kühlung weh’n mit Zedernzweigen

Die Eleganz der Verse berührt, die erotische Aufladung ist eindeutig. Glauben wir weltlichen Leser. Die kirchlichen Deuter dieser Zeilen, ja der Autor selbst, haben auffällig großen Wert darauf gelegt, dass hier niemand irgendetwas erotisch verstehen möge. Übersetzt aus dem Spanisch des Mystikers Johannes vom Kreuz hat den Text ein treuer katholischer Priester. So ist denn laut reiner Interpretationslehre Jesus jener "Er", und das Ich, das ist die liebende Seele, die die keusche Vereinigung mit Christus sucht. Und nichts Unkeusches geht hier vonstatten! Gar nicht, so die amtliche Auslegung, wird auf zwischenmenschliche, gar verfängliche Vorkommnisse angespielt.

Ein weiteres Beispiel für diese entschärfende Vorgehensweise stammt aus antiker Zeit:

Schön bist du, meine Freundin,
ja, du bist schön.
Hinter dem Schleier
deine Augen wie Tauben.
Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen,
die herabzieht von Gileads Bergen.
Deine Zähne sind wie eine Herde
frisch geschorener Schafe,
die aus der Schwemme steigen.
Jeder Zahn hat sein Gegenstück,
keinem fehlt es.
Rote Bänder sind deine Lippen;
lieblich ist dein Mund.

Dem Riss eines Granatapfels gleicht deine Schläfe hinter dem Schleier.

Gepriesen wird hier natürlich laut offizieller Lesart keine schöne Frau, sondern die Braut Christi, die Kirche selbst. Wäre das so, folgte man dieser jahrhundertealten keuschen Auslegung, würden ein paar Verse später auch noch die Brüste der Kirche gerühmt. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt wird es unangenehm mit der berühmten allegorischen Auslegung des Hohelieds, die sich strikt weigert, in den sinnlichen Versen heterosexuelle Liebeslyrik zu sehen.

Die Kirche hat ein paar der heißesten erotischen Zeilen, die in der gehobenen Liebeslyrik je geschrieben worden sind, in ihrem Textkorpus. Sie hat sich große Mühe gegeben, das wegzuinterpretieren. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das berühmteste Beispiel für dieses Verfahren ist das oben zitierte Hohelied. Verfasst wurde es vermutlich um 600 vor Christus in Palästina. Es war schon Teil der hebräischen Bibel, des Tanachs, bevor es als christliches Buch im Alten Testament kanonisiert wurde.

Manche Interpreten glauben, König Salomon sei der Urheber des Gedichts, das ist aber nicht mehr verifizierbar. Es handelt sich um einen Dialog: Eine Frau und ein Mann preisen in dramatischer direkter Rede gegenseitig die Vorzüge des anderen, sie vergehen vor Sehnsucht, und wenn sie das nicht tun, dann schwelgen sie in der Erfüllung ihrer Wünsche, um kurze Zeit später wieder in Sehnsucht zu entbrennen. Wohlgemerkt handelt es sich nicht nur um einen männlichen Blick des Begehrens, der sich im Hohelied artikuliert, nein, die Frau ist genauso handelndes und begehrendes Subjekt wie ihr männliches Pendant.

Das Hohelied hat, stilistisch betrachtet, mit ägyptischer oder griechischer Liebeslyrik mehr gemein als mit irgendeinem anderen Buch der Bibel. Als Leser kann man sich dem melodiösen Sog dieses Zwiegesprächs nicht entziehen, auch die Kirchenväter konnten das nicht, jedoch haben sie sich gerade deshalb, so steht zu vermuten, standhaft geweigert, den erotischen Charakter der Verse anzuerkennen. Stattdessen: Braut Christi.