Der Eros war für die Kirche schon immer das Gefährliche, das wird in der Rezeptionsgeschichte des Hohelieds besonders deutlich. In ihrer krampfhaften Anstrengung, dem "Lied der Lieder", wie es auf Hebräisch (Schir ha-Shirim), Griechisch (ásma asmáton) und Lateinisch (Canticum Canticorum) heißt, das Sexuelle auszutreiben, ist es zu herrlichen Missverständnissen gekommen, die sich bis heute in der Kulturgeschichte fortschreiben.

So heißt es im Hohelied über die Geliebte:

Ein Lustgarten sprosst aus dir,
Granatbäume mit köstlichen Früchten,
Hennadolden, Nardenblüten,
Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt,
alle Weihrauchbäume,
Myrrhe und Aloe,
allerbester Balsam:
Die Quelle des Gartens bist du,
ein Brunnen lebendigen Wassers,
Wasser vom Libanon.

Im Vers darauf spricht die Geliebte selbst:

Nordwind, erwache! Südwind, herbei!
Durchweht meinen Garten,
lasst strömen die Balsamdüfte!
Mein Geliebter komme in seinen Garten
und esse von den köstlichen Früchten.

Was würden Sie sagen, worum handelt es sich bei diesem Garten? a) um den Körper der Geliebten mit all seinen Attraktionen oder b) um ein Bild für die reine Jungfräulichkeit Mariens? Sagen Sie b), spricht aus Ihnen Mater Ecclesia, sagen Sie a), haben Sie die gesamte abendländische Lyrik auf Ihrer Seite, in der es immer dann zur Sache geht, wenn von Gärten und Blumenbrechen gesprochen wird.

Die Kirche freilich entschied sich für b) und leitet aus dem Hohelied ein Bildmotiv ab, das des Hortus conclusus, des verschlossenen Gartens, ein Sinnbild für Marias Unschuld. Einen solchen Garten findet man auf vielen Mariendarstellungen. Er kommt direkt aus dem Hohelied und stellt den Versuch dar, die erotische Konnotation zu kontrollieren.

Auch ein Kontrollzwang ist eine Obsession. Auf dem Hohelied klebt ein großer Aufkleber: "Dies ist keine erotische Lyrik!!!" Dabei bedarf es keines literaturwissenschaftlichen Studiums, um die Anspielungen fröhlich zur Kenntnis zu nehmen.

Schönere Kirchenerotik als die des spanischen Mystikers Johannes vom Kreuz gab es nie. Es ist geradezu irrwitzig, wie sexuell flirrend dieser Mönch im 17. Jahrhundert geschrieben hat und wie zahm er das verstanden wissen wollte.

Sein Hauptwerk, die Dunkle Nacht der Seele, hat er im Kerker verfasst. Dorthin haben ihn Mitbrüder gebracht, als im Karmelitenorden ein Flügelkampf um das richtige, gottgefällige Leben tobte und er zwischen die Fronten geriet. Dort also, in stiller Einsamkeit, diese Verse:

Es war in dunkler Nacht,
Ich brannt von Liebeswehen,
– O Glück, das selig macht! –
Und ließ mein Haus in Ruhe stehen.

Die Seele – so Johannes im Kommentar – macht sich während der schweren, traurigen Nacht, im Kerker also, auf die Suche nach Gott. Und sie findet.

Mit ihm fand sich’rer ich
Als in des Mittags Schimmer
Ihn, der geharrt auf mich,
Den ich geliebt schon immer.
Ein ander Gut traf ich dort nimmer.

Und nachdem man sich mal gefunden hat:

Als schon der Morgenwind
Begann sein Haar zu spreiten,
Um meinen Nacken lind
Ließ er die Rechte gleiten;
Mir schmolz das Herz in Seligkeiten.

Ich gab, ergab mich ganz,
Das Haupt am Leib geborgen.
Es schwand der Dinge Glanz.
Vergessen war mein Sorgen,
Da ich in Lilienduft geborgen.

Dass die Seele sich auf erotische Art und Weise dem Herrgott nähern könnte, das klingt heute befremdlich. Wir können den Text als Liebeslyrik im hohen Ton lesen. Ein Mystiker des 16. Jahrhunderts tat das offenbar nicht. Johannes vom Kreuz suchte nach einer Sprache, die das Wunder eines Treffens mit Gott adäquat beschreibt, und er griff zurück auf die sprachlichen Mittel des erotischen Gedichts. Nur diese schienen stark genug, die Unio mystica, die Vereinigung der Seele mit Gott, beschreiben zu können. Die beste der deutschen Übersetzungen, eine herrlich verzückte, hingerissene Variante, hat denn auch ein Kardinal besorgt.

In anderen Gedichten des Johannes vom Kreuz geht es noch derber zu, einzelne sexuelle Praktiken werden ins Spiel gebracht. Die Kirche schätzt das pornografische Sprechen also durchaus. Aber als ein Mittel zum Zweck. Wie unzüchtig eigentlich, pornografische Paraphrase zur Beschreibung einer Gottesvereinigung zu instrumentalisieren! Und wie lustvoll! Wie sehnsüchtig! Bei dieser Sprachverwendung ist es kein Wunder, dass die Mystiker ordentlich argumentierenden, vernunftgeleiteten Theologen schon immer sehr suspekt waren. Sinnesfreuden innerhalb der kirchlichen Sexualmoral, wo kämen wir denn da hin!