Deutschland im Jahr 2050: Maschinen machen unsere Arbeit, backen Brötchen, liefern Pakete aus, sitten Babys, betreuen Senioren und Haustiere, und weil alles automatisiert überwacht wird, fällt auch nirgendwo mehr ein Sack Reis um, den jemand wieder hinstellen müsste. Im Deutschland des Jahres 2050 hat kein Mensch mehr was zu tun – das ist die eine große Sorge, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht.

Der Mensch als Job-Chamäleon

Die andere: Es gibt noch Arbeit, sie funktioniert nur anders im Schatten der Maschinen. Der Mensch ist ein Job-Chamäleon und hangelt sich von einem Auftrag zum nächsten – mal als Uber-Fahrer, mal als Übersetzer, mal als Produkttester. Keiner dieser Kleinstjobs ist auf Dauer, bezahlt wird nur der jeweilige kurze Auftritt als Dienstleister, der "Gig", wie das in der sogenannten Gig-Economy heißt. Weil das Arbeitsleben mehr und mehr ins Internet verlagert wird, können viele Aufträge online bearbeitet werden. Hier ein Kontaktformular testen, da ein Logo entwerfen, mal von der Couch aus, mal vom Schreibtisch. Für ein paar Euro pro Auftrag. Maximale Flexibilität also. Oder, wie Kritiker sagen: maximale Ausbeutung. So entstehe ein digitales Prekariat.

Häufigste Tätigkeiten

bei Plattformarbeit in Prozent*

Quelle: Bertelsmann Stiftung © ZEIT-GRAFIK: Jelka Lerche

Doch diese zweite Entwicklung scheint bisher weniger verbreitet als befürchtet. Das belegt eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung, die der ZEIT vorliegt. Mehr als 700 sogenannte Plattformarbeiter wurden zu ihrer Motivation, Bezahlung und Zufriedenheit befragt. Das Ergebnis: Die Klickarbeiter-Klischees müssen wohl überdacht werden. Denn sie sind ziemlich überzeichnet.

Für jedes Bedürfnis eine Plattform

Aber was genau sind Plattformarbeiter eigentlich? Gefühlt sind sie schon überall. Lieferando, Uber, Airbnb, Helpling – es gibt zahllose verschiedene Plattformen und eine große Bandbreite unterschiedlicher Jobs: Pizzalieferanten, die mit ihren Fahrrädern oder Autos Bestellungen ausfahren. Programmierer, die Websites aufbauen oder anhand von Bildern Produkte für Online-Shops kategorisieren. Ist das ein Winterstiefel? Oder ein Westernstiefel? Oder ein Gummistiefel? Für einen Algorithmus ist der Unterschied (noch) schwer auszumachen, darum bessern Menschen im blinden Fleck der Maschinen nach. Und dann gibt es natürlich noch Wohnungsbesitzer, die häufig verreisen und ihre Zimmer hübsch herrichten, damit sie auf Airbnb vermietet werden können.

Gerade weil es für jedes Bedürfnis eine Plattform zu geben scheint, wirkt es häufig so, als wäre die Gig-Economy die Zukunft der Arbeit. Die Forscher der Bertelsmann Stiftung fanden nun heraus, dass gerade mal drei Prozent der deutschen Internetnutzer auf einer Gig-Plattform registriert sind, also als Klickarbeiter gelten. Grundlage ist die Datenbank des Forschungsinstituts Kantar, in der mehr als 100.000 Internetnutzer angemeldet sind. Von den 700 ausgewählten Personen gaben lediglich zwei Prozent an, in den letzten zwölf Monaten einen Job über eine Internetplattform oder App angenommen zu haben. Klickarbeiter sind also ein Randphänomen. Noch dazu eines, dass bisher zumindest nicht zu wachsen scheint. Frühere Studien wie zum Beispiel vom Institute of Labor Economics schätzten den Anteil der Plattformarbeiter schon 2017 in Deutschland auf fünf Prozent.

Überraschend ist auch der Altersdurchschnitt der befragten Klickarbeiter. So jung, wie manche Lieferando-Fahrer auf der Straße wirken, sind sie offenbar nicht. 41 Jahre alt ist der durchschnittliche Klickarbeiter, er ist männlich, verheiratet und höher gebildet. Das ist insofern überraschend, als bisherige Studien den Klickarbeiter als ledigen Studenten Mitte 20 charakterisierten, der viel Freizeit hat, aber wenig Geld.

Plattformarbeit als Nebenjob

Interessanterweise scheint Geld bei den befragten Klickarbeitern keine allzu große Rolle zu spielen, das ist vielleicht die größte Überraschung. Fast alle Befragten gaben an, Plattformarbeit als Nebenberuf auszuüben. Es mache ihnen Spaß, sich in ihrer Freizeit mit Digitalthemen zu beschäftigen und flexibel noch etwas dazuzuverdienen.