Im Jahr 1962 fand Georg Ossegg in einem Wald im Spessart, wonach er lange gesucht hatte: die Fundamente von vier Backöfen und in einem davon die Überreste eines weiblichen Skeletts. Daneben, in einer Truhe, ein Lebkuchenrezept. Es war unglaublich. Ossegg, Studienrat aus Aschaffenburg, hatte etwas getan, das vor ihm niemandem eingefallen war: Er hatte das Märchen Hänsel und Gretel als einen Tatsachenbericht gelesen und sich auf die Suche nach dem Ort des Geschehens gemacht. Doch was er fand, machte aus dem Kindermärchen einen Kriminalfall. Hänsel sei ein erwachsener Bäcker gewesen und neidisch auf eine Frau, die an allen Bauernhöfen der Umgebung für ihre Lebkuchen berühmt war. Deshalb habe er sie als Hexe angezeigt und schließlich gemeinsam mit seiner Schwester aufgesucht und in ihrem Ofen verbrannt.

So steht es in dem Buch Die Wahrheit über Hänsel und Gretel von Hans Traxler. Er zeichnet darin Georg Osseggs Suche so genau nach, dass der Text, als er 1963 erschien, für riesige Aufregung sorgte. Schulklassen pilgerten in den Spessart, "überzeugend" fand die Frankfurter Rundschau den "wissenschaftlichen Apparat", und erschütterte Leser schrieben Traxler Zeilen wie: "Ich bitte Sie, ich flehe Sie an: Sagen Sie mir, was stimmt."

Schließlich sah sich der Autor genötigt, zu erklären, seine Dokumentation sei von A bis Z erfunden, Georg Ossegg gebe es nicht. Traxler, der später das Satiremagazin Titanic mitgründete, hatte eine Parodie auf das damals grassierende Archäologiefieber verfasst, und fast alle waren darauf hereingefallen.

Wie war das möglich? "Mithilfe eines ganzen Arsenals an Plausibilisierungs- und Suggestionsstrategien", schreibt der Literaturwissenschaftler Thomas Strässle in seinem Buch Fake und Fiktion. Dazu gehört etwa, dass Traxler immer wieder betont, wie erstaunlich das alles sei, und sich als kritische Instanz inszeniert, sodass die Leser sich von dieser Aufgabe entlastet glauben.

Das, was nicht wahr ist, glaubhaft zu erzählen, das ist das Geschäft der Fiktion. Und wie sie das macht, weiß die Literaturwissenschaft. Daher ist es so hilfreich, wenn sie sich endlich in die Diskussion um Fakes einmischt. Nicht jede Fiktion ist ein Fake, aber jeder Fake enthält zumindest Teile von Fiktion. Und von der unsicheren Grenze, die diese beiden trennt, handelt dieser wunderbar zugängliche Crashkurs in Erzähltheorie, der jeden, der nicht zufällig Literaturwissenschaft studiert hat, zu einem mündigeren Leser macht.

Zugleich erfährt man, wie schwer sich die Erzähltheorie damit tut, eindeutig zwischen einer fiktionalen und einer faktualen Erzählung zu unterscheiden. "Das liegt auch daran, dass sie sich lange nicht dafür interessiert hat", sagt Strässle und kritisiert zu Recht, dass sie sich mit faktualen Texten – also solchen, die wahr sein wollen – nur selten auseinandersetzt. Allerdings fordert Strässle hier etwas, das er leider selbst nicht einlöst: Auch er wagt sich kaum an Sachbücher oder Reportagen und ihren Flirt mit fiktionalen Erzählweisen.

Man bekommt hier also keinen Werkzeugkasten, um in Zukunft jede Fälschung zu entlarven. Aber Strässle sensibilisiert für ihre Macharten und für die Wahrheiten, die sich "faketionalem Erzählen", wie er es nennt, dadurch entlocken lassen: Wahrheiten über die Intention derjenigen, die den Fake in die Welt setzen, über die Techniken, mit denen wir Informationen prüfen, und wo ebendiese Techniken scheitern, wie bei den Reportagen von Claas Relotius, oder schlicht Wahrheiten über die Sehnsüchte des Publikums. Wie etwa die, dass es Wahrheit in Geschichten gibt, dass sogar Märchenfiguren wirklich gelebt haben könnten.

Thomas Strässle: Fake und Fiktion. Über die Erfindung von Wahrheit; Hanser, München 2019; 96 S., 18,– €