Auf Tuchfühlung

Befinden sich deutsche Universitäten im Griff intoleranter Studi-Gruppen, die unliebsame Wissenschaftler mit Meinungsverboten keulen? So warnte vor einigen Wochen der Deutsche Hochschulverband, und vielen scheint dieser Brandbrief spätestens seit vergangener Woche bestätigt, als eine Gruppe von Studierenden die Erklärung durch das Internet jagte, die Frankfurter Professorin Susanne Schröter sei eine Rassistin. Qualifiziert für dieses Schmähsiegel habe sich Schröter, Leiterin der Forschungsstelle Globaler Islam, dadurch, dass sie eine Tagung organisiert, die am kommenden Mittwoch das Kopftuch auf den Seziertisch legt. Womit sie muslimfeindliche Diskriminierung anfache: Angesichts des zunehmenden Rassismus brauche es nicht noch eine "angeblich akademische Begründung dafür, dass der Islam eine Bedrohung darstelle".

Abgesagt wurde die Veranstaltung daraufhin freilich nicht. Stattdessen schwappte eine Welle der Solidarität über Schröter: Die Universitätsleitung verurteilte den kursierenden Hashtag "#Schroeter_raus" als inakzeptablen Angriff einer "Diskurspolizei", und der linksradikale Frankfurter Asta bekundete gar, dass ihm die Kopftuchkritik von Schröter zu kompromissbereit sei – habe sie mit der muslimischen Journalistin Khola Maryam Hübsch doch sogar eine Verschleierungs-Apologetin zu ihrer Tagung eingeladen.

Wie es sich aktuell für eine zünftige Debatte gehört, ist also auch diese in kurzer Zeit ordentlich hochgeköchelt, und dem vernehmbaren Warnschrei, man könne ja nichts mehr sagen, ließe sich leicht entgegenhalten, dass der Griff zum Hashtag ja womöglich sogar zivilisatorischen Fortschritt anzeigt – gehörte es an deutschen Universitäten doch früher quasi zum Alltag, die Älteren werden sich erinnern, unerwünschte Vorlesungen auch ganz handfest und analog zu sprengen. Neu jedenfalls, und hier werden sich auch die Jüngeren erinnern, ist die Kontroverse um das Kopftuch natürlich nicht.

So ringen Gerichte seit Jahrzehnten um die Frage, ob bekopftuchte Frauen in Schulen auch unterrichten oder nur das Klo putzen dürfen; und politisch schlägt der Kopftuchstreit sowieso tiefe Schneisen quer durch alle politischen Lager. Zum Beispiel in feministischen Debatten, in denen die Kopftuchkritikerin Alice Schwarzer als Vertreterin des Siebzigerjahre-Feminismus, der noch in jeglicher Pornografie etwas obszön Frauenfeindliches sah, auf jüngere Aktivistinnen trifft, die das Kopftuch als Zeichen der Selbstbestimmung muslimischer Frauen lesen wollen.

Nun wäre es wohl unlauter, den Aktivisten der Studi-Gruppe, die sich "Kein Platz für antimuslimischen Rassismus" nennt, vorzuwerfen, sie wüssten nichts über die unangenehmen Ecken islamischer Lebenswelten, organisierten sie in der Vergangenheit doch auch Workshops zur Frage, wie sich Homosexualität und Islam vereinen ließen. Und dennoch fällt auf: In ihrer aktuellen Kampagne schweigen sie laut zu dem Thema, um das es auf der Tagung ja eigentlich geht, dem Islam.

Das hängt auch mit ihrer Verwendung des Begriffs des "antimuslimischen Rassismus" zusammen, der seit einigen Jahren in der akademischen Debatte genauso präsent ist wie in Flugblatt-Texten und auf Demonstrationen gegen Rassismus. Falsch ist der Gedanke ja nicht: Natürlich stoßen Muslime in Deutschland auf Feindschaft, wofür die etwa 239 Moscheen nur ein Beispiel sind, die im Jahr 2017 mit Steinen, Brandsätzen, Sprühfarbe angegriffen wurden. Doch was genau ist das spezifisch "Antimuslimische", das hier dem klassischen Rassismus zur Seite springt? Hat etwa, um ein Beispiel aus Berliner Lokalzeitungen zu wählen, der Mann, der kürzlich in Marzahn zwei syrischen Mädchen, 15 und 16 Jahre alt, mehrfach wegen ihrer Kopftücher ins Gesicht schlug, nicht als gewöhnlicher Rassist gehandelt, sondern eine abstrakte Kritik an Suren und Hadithen artikuliert? Wer vom antimuslimischen Rassismus redet, kann das wohl kaum meinen. Ein weiterer Kategorienfehler: Wenn antimuslimischer Rassismus bedeuten soll, dass Personen aufgrund äußerer Merkmale unter Absehung von ihrer Individualität einer Gruppe zugeschlagen werden, außer Acht lassend, ob die Person nun tatsächlich gläubig ist oder nicht, ob alevitisch oder sunnitisch, koranfest oder religiös unbeleckt – müsste man dann nicht eher von einem "islamisierenden Rassismus" sprechen?

"Freiheit ist universal"

Die Studi-Gruppe stellt sich diese Frage nicht, lieber will sie Äußerungen über den Islam an der Sprechposition messen – wer im Westen kritisch über den Islam spricht, so klingt es an, tue das aus der Position der Bevölkerungsmehrheit und stehe damit zwangsläufig gegen die unterprivilegierte Minderheit. Jedes Urteil über den Islam kann durch diese Brille nur noch als projektives Vorurteil wahrgenommen werden, das nichts über den Islam und umso mehr über den Sprecher aussagt. Wer trotzdem Frauenunterdrückung in islamischen Gesellschaften thematisiert, siedelt so beinahe zwangsläufig in der Nähe westlichen Überlegenheitsdünkels. Die bekannte Genderforscherin Christina von Braun schrieb einmal, dass sich die Kritik am Kopftuch zur "Komplizin des westlichen Entschleierungsdiskurses" mache, und man muss an Schwedens Regierung denken, deren Ministerinnen sich feministische Politik ins Portfolio schreiben und beim iranischen Staatsbesuch trotzdem das Kopftuch anlegen – während sich in den Straßen von Teheran und Isfahan iranische Frauen bei Protesten die Verschleierung vom Kopf reißen und damit Kerker riskieren oder den Tod.

Hinter den identitätspolitischen Vorstellungen, die Politik nur noch als semiotisches Spiel verstehen, in dem es um frei flottierende Zeichen und ihre Umgruppierung geht, verschwinden gesellschaftliche Strukturen und der Blick auf das Gewordensein des Kopftuchs – für das es im Islam bekanntermaßen kaum Vorschriften gibt, die seine Anwendung regeln oder überhaupt erwähnen. Die wenigen Suren und Überlieferungen bleiben, wie könnte es anders sein, eine Frage der Deutung und also der Machtverhältnisse; noch vor einigen Jahrzehnten löste die Forderung der Muslimbrüder nach einem Schleierzwang großes Gelächter aus in Ägypten, und es ist auch noch nicht lange her, dass sich das iranische Mullah-Regime den schwarzen Tschador ausdachte – nach dessen Einführung 1979 Hunderttausende Frauen unter der Parole "Freiheit ist nicht östlich oder westlich, sondern universal" auf die Barrikaden stürmten.

Eine klare Position zu den reaktionären Auslegungen des Islams hört man in Teilen der feministischen Debatte sicher auch deshalb häufig nur hinter vorgehaltener Hand, weil viele fürchten, sich neben extrem rechten Marktschreiern wiederzufinden. Dabei ist diese Angst vollkommen unberechtigt: Wer verfolgt, wie in der AfD und rechts davon über Muslime geredet wird, hört zwar zweifelsohne viel Verachtung über "Musels" und "Kopftuchmädchen" – was sich jedoch leicht auch als narzisstische Kränkung und heimliche Bewunderung verstehen lässt. Während das eigene Volk in Nihilismus und Dekadenz wühle, hielten die Muslime immerhin zu ihren Traditionen und Werten, die Barrikaden bildeten gegen die liberale Zersetzung der Gesellschaft und "gleichmacherische Globalisten". Nur hierzulande natürlich hätten die Minarette und Hidschabs nichts zu suchen.

Vor einigen Jahren frohlockte der ehemalige Journalist und heutige AfD-Referent Michael Klonovsky in einem Aphorismusbändchen: "Die muslimische Invasion Europas würde nicht nur Nachteile bringen; Feminismus, Gender Studies und Regietheater würden immerhin verschwinden", und man gäbe der Frankfurter Studi-Gruppe gerne solche Bekenntnisse zur Lektüre.

Doch wer wie diese meint, sich im Schützengraben einbuddeln zu müssen, kann die Front eben nicht mehr sehen.