Zwei nicht mehr ganz so junge Menschen im Frühling in Berlin. Sie heißt Ira und macht irgendwelchen "Computerkram" in Peshawar, wo sie ab und an hinmuss. VPN einrichten und so was, damit ein Angestellter des Goethe-Instituts mit seiner Liebsten telefonieren kann. Ein Goethe-Institut in Pakistan gibt es aber nur in Karatschi, ungefähr 1.350 Kilometer entfernt. Er, Lenz, ist zu verpeilt, um das ernsthaft nachzuprüfen. Er macht eigentlich nichts beziehungsweise nur das, worauf er gerade Lust hat; dem Vater teilt er etwas von höchst wichtigen Sitzungen mit, schwer zu sagen, ob irgendjemand bei diesen Gesprächen wirklich glaubt, was da behauptet wird.

Im Nachgang irgendeines Festes lernen Lenz und Ira sich kennen. MDMA ist im Spiel, und die Party- und Kuscheldroge wird den Rhythmus mindestens des ersten Teils der Geschichte vorgeben, den Wechsel von Euphorie und Erschöpfung, Halluzinationen inklusive. Bald lebt man zusammen, und da geht es nicht mehr allein um Liebe, sondern auch um Zähneputzen, Pinkeln und ein Grundrecht an den eigenen Socken. Dass Ira immer wieder nach Peshawar aufbrechen muss, perforiert die Beziehung nicht wirklich, auch wenn sich Kriegshelden und andere Gespenster in Lenzens lockere Wahrnehmung der Welt schieben. Es ist das Jahr der Suche nach Osama bin Laden, es ist das Jahr, in dem die Malaysia-Airlines-Maschine beim Flug MH370 spurlos verschwindet, es ist das Jahr, in dem der Kapitän der Costa Concordia sein sinkendes Kreuzfahrtschiff verlässt. Alles das verbindet sich mit Lenzens leicht vernebeltem Alltag zur Suche nach (Anti-)Helden des Verschwindens. In einer wirklich schönen Einstellung sehen wir die Costa Concordia in der Spree untergehen.

Kinder kriegen ist wie in eine Vorstadt ziehen

Das Leben könnte so weitergehen. Der Sommer ist sanft, Berlin zeigt sich von seiner freundlichsten Seite, es ist schön, verliebt zu sein. Aber da kommt Ira mit der Idee vom Kinderkriegen, so jung ist sie schließlich auch nicht mehr, und Lenz schiebt Panik. Er ist noch nicht so weit, er hat ja noch so viel vor, wenn er auch nicht genau weiß, was, und Kinder kriegen ist wie in eine Vorstadt im Osten ziehen. Es kommt zur Trennung, besonders toll verhalten sich da beide nicht, und Lenz nimmt sein altes Leben in der WG wieder auf: Drogen, Sex, Kopfweh. Aber klar, es ist ja eine Liebesgeschichte, und mit einem Anruf von Ira ist alles wieder gut. Mehr oder weniger. Als sie beschließen, Lenzens Vater einen Besuch abzustatten, der einen Sturz hinter sich hat, erklärt Ira ihm, dass sie schwanger ist. Das ist kein Spoiler, denn erstens hat es dieser Film ohnehin nicht auf plot points und Spannungsbögen abgesehen, und zweitens hat uns schon die Eingangssequenz auf das eher unabänderlich Kommende hingewiesen.

Zwei Menschen, die weder besonders sympathisch noch besonders interessant sind, aber natürlich auch nicht wirklich unsympathisch, und ach, uninteressant ist ja eigentlich kaum ein Mensch auf der Welt. Es kommt nur auf die Perspektive an. Und genau darum geht es in diesem Film. Eine Liebesgeschichte, basierend auf der Erkenntnis, dass auch die Kinder von MDMA und VPN irgendwann erwachsen, oder vielleicht gleich: alt werden müssen, Vertreter der Generation Y (die auf die verlorene Generation X folgte und nun gerade der Generation Z den Platz räumt) auf dem Weg von der Suche nach Kicks und Likes zur Suche nach Kita-Plätzen und bezahlbarem Wohnraum. Weltbewegend ist das nicht, es ist nicht einmal besonders genau. Wovon finanziert Lenz sein Leben? Was wird aus Iras mehr oder weniger geheimnisvoller Arbeit am anderen Ende der Welt? Und wohin wird das Taxi die beiden mit dem neugeborenen Mädchen bringen, während ein Straßenmusikant die Abspannmelodie einleitet?

Um all das aber geht es gar nicht. Die Geschichte von Ira und Lenz als "romantische Komödie", als Melodram, als "Problemfilm", als soziale Studie, das wäre vermutlich irgendetwas zwischen langweilig und unerträglich. Stattdessen aber findet der Film von Emma Rosa Simon und Robert Bohrer zu einer unangestrengten Augenblicklichkeit. Die ganze Geschichte setzt sich aus Kleinigkeiten zusammen, aus Episoden rund um das Drama, das nicht stattfindet, und um die große Debatte, die nicht geführt wird. Man fühlt sich an die Anfänge der Nouvelle Vague und sogar des Neuen Deutschen Films erinnert, wo Filmen einfach nur eine Fortsetzung des Lebens war, so wie das Leben vorher eine Fortsetzung des Kinos oder, wie hier, der grotesken Geschichten, die man sich erzählt, um die großen Worte zu sparen.

Geschichten wie die von der Liebe einer Frau zu einem Affen im Zoo, der ausbricht und sie entführt. Nach ihrer Befreiung wird der Affe in einen anderen Zoo verlegt, während sich die Frau von ihren Verletzungen erholen muss. Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, sucht sie den Affen und zieht seinetwegen nach Berlin. Der würdigt sie keines Blickes mehr. Hier kreuzt sich die absurde Geschichte mit Lenzens Alltag. Sein WG-Kumpel nämlich ist eine Art Therapeut, der wunderliche – nein, nicht Patienten – "Klienten" betreut. Sehr zu Recht hält Ira diese Geschichte für "bescheuert", denn vielleicht geht es gar nicht allein darum, "erwachsen" zu werden, "Verantwortung" zu übernehmen, sondern auch darum, sich auf einer Grenzlinie zwischen poetischem Wahn und rauer Wirklichkeit zu entscheiden.

Liebesfilm ist eine Abschiedsfeier, der man beides anmerkt: den großen Spaß, den alle Beteiligten daran hatten, und die kleine Trauer über den Abschied. Es ist ein Film über das Verschwinden, über das Sich-aus-dem-Staub-Machen; am Ende ist sogar Lenzens Vater gegangen. Warum ist eigentlich nicht alles verschwunden?, fragt Jean Baudrillard in seinem letzten Text. Eine Antwort wäre (vielleicht tröstlich, vielleicht grotesk): Wegen der Liebe möglicherweise.