Martin Prinz hat sich ganz nach hinten gesetzt, an den Rand der zweiten Zuschauerreihe von Verhandlungssaal 214 am Innsbrucker Landesgericht. Ausdruckslos blickt der Schriftsteller auf den Mann, der in den vergangenen Jahren sein Projektpartner, sogar sein Freund war und der ihn am Ende verraten hat: Johannes Dürr, der ehemalige Skilangläufer, der beim Doping erwischt wurde, sich reuig zeigte, geläutert zurückkehren wollte und wieder Blutdoping betrieb. An diesem Montag wehrt er sich gegen eine Unterlassungsklage des Österreichischen Skiverbands.

Nur ein kurzes, verzagtes Mal blickt Dürr in den 150 Prozessminuten hinüber zu Martin Prinz. Seit 55 Tagen herrschte Funkstille zwischen dem Ex-Sportler und dem Autor, der Dürr mit einem gemeinsamen Buch- und Sportprojekt beim letztlich erfolglosen Comeback unterstützte – und damit selbst zu einer tragischen Figur in einer kafkaesken Szenerie geworden ist.

Gescheitert auf dem Weg zurück

Vier Jahre Arbeit stecken in Prinz’ jüngstem Buch Der Weg zurück – verfasst über und mit Johannes Dürr, dem bei den Winterspielen von Sotschi 2014 positiv auf das Hormon Epo getesteten Athleten. Und dem Auslöser der grenzüberschreitenden Ermittlungen, die zur Operation Aderlass und der Razzia am 27. Februar bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld führten.

Denn ohne Der Weg zurück wäre keine ARD-Doku über Dürr und das Doping entstanden. Dort gesteht er, vor den Spielen in Sotschi auch Eigenblutdoping betrieben zu haben. Der Film war Ausgangspunkt für internationale Ermittlungen. Telefone wurden abgehört, Sportler observiert und Wohnungen überwacht. Am Ende flog bei der Operation Aderlass das Dopingnetzwerk rund um den Erfurter Mediziner Mark Schmidt auf. Es flog aber auch auf, dass Johannes Dürr selbst weiter Blutdoping betrieben hatte.

Diese Lawine hat Martin Prinz überrollt. Sein Freund und Weggefährte, den der Autor bei den Vorbereitungen zum gemeinsamen Projekt auch finanziell unterstützt hatte, hat ihn betrogen. Sein Buch ist aus den Geschäften verschwunden und von der Homepage des Verlages, der Suhrkamp-Tochter Insel. Dazu kommt für Prinz nun die Frage: Wie weiterschreiben, was und wann? Der Autor, seit seinem Debütroman Der Räuber 2002 eine geachtete literarische Stimme, ist gebrandmarkt.

Die Schizophrenie des Systems Hochleistungssport

Eigentlich wollte Prinz mit diesem Langzeitprojekt eine Diskussion anregen über die Schizophrenie des Systems Hochleistungssport, in dem nicht nur Johannes Dürr zu illegalen Mitteln greift, sondern Doping allgegenwärtig ist. Und er wollte vom gemeinsamen Vorhaben erzählen: Der Langläufer sollte vom Sport Abschied nehmen, indem er noch ein letztes Mal versuchte, bei einer Weltmeisterschaft teilzunehmen.

Doch in einem wesentlichen Punkt hatte Prinz sich verschätzt: in dem Glauben, dass mit einem niedrig gesteckten Ziel – Dürr arbeitete nur auf eine WM-Teilnahme als Staffelläufer hin, nicht auf eine Rückkehr an die Spitze – Doping einfach kein Thema mehr sein würde.

Seit dem 5. März, als Dürr kurzzeitig verhaftet wurde, ist klar: Er hat es wieder getan. Mitten in den Vorbereitungen auf das erhoffte Comeback bei der WM in Seefeld, mitten in den Arbeiten an den letzten Buchkapiteln, mitten in den Dreharbeiten zur ARD-Doku.