Damit ihr es gleich wisst: Ich heiße Mattis Hansen. Ich bin acht Jahre alt. Und meine Mutter glaubt, ich werde ein Schwerverbrecher. Ja, genau! Erst habe ich auch gedacht, ich höre nicht richtig. Aber meine Ohren sind gut. Wir waren gerade neulich erst beim Ohrenarzt. Davor hat Mama immer gesagt: "Kannst du nicht wenigstens ein Mal hören?" Jetzt weiß sie, dass ich es kann.

Also tatsächlich ein Schwerverbrecher. Wisst ihr, was das ist? Ich habe gleich Jonathan gefragt. Das ist mein großer Bruder. Der kennt sich aus. Er sagte: "Bewaffneter Überfall auf eine Bank mit Geiselnahme. Oder dreifacher Mord an einem Abend mit anschließender Verspeisung der Leichen. Wer so was macht, ist ein Schwerverbrecher." Da wurde mir ganz schlecht. Zwar hatte ich geahnt, dass es was Schlimmes ist. Aber so schlimm?!

Doch jetzt erzähle ich euch erst mal, woher ich das überhaupt weiß, das mit dem Schwerverbrecher: Es war gestern Abend. Ich wollte nur schnell was aus der Küche holen. Die Tür war angelehnt. Mamas und Papas Stimmen waren dahinter zu hören. Da blieb ich vor der Tür stehen. Wo sonst erfährt man besser Dinge, die man immer schon mal wissen wollte?

"Aber irgendwas müssen wir doch tun. Wenn das so weitergeht ... Und all diese Briefe ..." Es war Mama, die das sagte. Und gleich hinterher stöhnte sie. Völlig erschöpft klang das. Da wusste ich sofort, was das für Briefe waren: Meine Eltern wurden erpresst. "Keine Sorge, Heike. Das wächst sich aus." Das war Papa. Er ist ein Optimist. Das sind diese Leute, die immer daran glauben, dass alles gut ausgeht. Aber was konnte gut daran sein, wenn diese Erpressungsgeschichte sich auswuchs? Ich verstand das nicht.

"Woher willst du das wissen? Andauernd sagt er, dass er sich ändern wolle. Aber nichts ändert sich. Nichts!" – "Natürlich nicht!", hätte ich am liebsten in die Küche hineingerufen. Der Erpresser will Geld haben. Warum sollte sich daran was ändern?

"Sieh es doch mal so", Papa hatte noch immer diesen beruhigenden Ton drauf. "Es gibt Menschen, die später wirklich erfolgreich werden und die Welt bewegen. Und diese Menschen gehören als Kinder garantiert nicht zu denen, die jede Regel brav befolgen." – "Die, die mal Schwerverbrecher werden und im Gefängnis landen, sicher auch nicht."

Da war ich komplett durcheinander: Was sollte das mit den erfolgreichen Menschen? Was war mit den Kindern? Und wieso Gefängnis? Kaum gedacht, erhielt ich die Antwort auf meine Fragen. Papa war es, der den Knaller brachte: "Ach, Heike, lass Mattis einfach größer werden. Spätestens in zehn Jahren lachst du über all das hier." Mama schwieg. Und ich begriff: Es gab gar keinen Erpresser. Mama und Papa hatten die ganze Zeit von mir geredet.

Die Briefe kamen aus der Schule. Mama sammelt sie in einem großen schwarzen Ordner. Hielt ich bisher für einen schweren Fehler. Wer bewahrt denn auf, was er doof findet? Aber jetzt fand ich Mamas Aufbewahrungstick doch ganz gut. Weil ich wissen musste, was in den Briefen stand. Was mir Schlimmes vorgeworfen wurde. Blitzschnell holte ich den Ordner aus Mamas Büro. Und begann zu lesen. Bereits nach dem dritten Brief war mir schlecht: Erstunken und erlogen war alles, was da stand. Und natürlich hatte ich das auch jedes Mal gesagt. Aber irgendwie schien mir niemand zu glauben – oder auch nur zuzuhören.

Und das war der Moment, in dem ich etwas Wichtiges beschloss: Ich würde die Wahrheit aufschreiben! Damit alle sie lesen können. Damit Mama sie erfährt und an eine andere Zukunft für mich glaubt. Los geht’s. Hier kommt der erste Brief aus Mamas Ordner. Er ist von Herrn Storm. Das ist unser Klassenlehrer. Lest mal, was er schreibt:

4. September

Sehr geehrte Frau Hansen,
sehr geehrter Herr Hansen,
leider kann ich Sie telefonisch nicht erreichen. Wie kann das sein? Sie müssen telefonisch erreichbar sein, falls mal was ist. Jetzt ist was! Ich gebe Mattis diesen Brief mit. Mattis hat heute mutwillig das Klassenzimmer zerstört, mehrere Mitschüler verletzt und auch sonst noch manches beschädigt. Geregelter Unterricht war so nicht mehr möglich. Kommen Sie bitte umgehend in meine Sprechstunde!
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Storm (Klassenleitung der 3c)

Puh, toll klingt das nicht. Doch was hatte es mit mir zu tun? Ich weiß, was ich am 4. September gemacht habe. Haargenau. Das war der Tag, an dem Jonathan beim Frühstück sein Toastbrot mit Honig urplötzlich aus der Hand und auf den Tisch fallen ließ. Mit der leckeren Seite nach unten. Mama sprang auf und rief: "Das pappt ja alles fest!" Und genau in dem Moment hatte ich die Idee. Da war es richtig gut, dass Papa am Wochenende eine Großpackung Sekundenkleber gekauft hatte. Um unser Haus zu reparieren. Ganze sechs Tuben. Nur eine einzige hatte er bisher verbraucht.

In der Schule erklärte ich Kathi meine Idee. Sie war sofort einverstanden. Die Sache ist nämlich die: Kathi ist eine echte Akrobatin. Manchmal springt sie mitten im Unterricht auf. Dann macht sie einen Handstand. Oder läuft auf den Händen zwischen den Tischen einmal ganz nach hinten und wieder zurück. Niemand sonst aus unserer Klasse kann das. Also finden wir es toll. Echt alle. Also alle bis auf Herrn Storm.