Da sitzen sie am See und streiten, die Kommissköppe und Kommerzienräte, "die Alten und die Echten". Die Zeit ist aus den Fugen und die Welt in Aufruhr. Nur eine Frauengestalt ragt aus der Männerwelt heraus. Melusine heißt sie, und sie liebt den See mehr als die Gesellschaft.

Melusine ist eine Heldin aus Fontanes Roman Der Stechlin, und wie man aus dem Nachlass des Dichters weiß, hat sie noch eine literarische Schwester, Oceane mit Namen und schwer von Einsamkeit umweht. Oceane von Parceval ist die Schlüsselfigur in dem gleichnamigen Novellenfragment, das Fontane 1882 geschrieben hat und das der Komponist Detlev Glanert und der Librettist Hans-Ulrich Treichel für die Deutsche Oper Berlin in ein Musiktheaterwerk verwandelt haben. Im Fontane-Jubiläumsjahr passt das perfekt, doch leider handelt es sich um einen ziemlich toxischen Stoff. Am Mythengeschlecht der Undinen und Melusinen klebt nämlich der ganze schwülstige Kitsch des Kaiserreichs; die Nymphen und Nixen lockten die Männerfantasie mit verbotener Lust, und wenn sie unerlöst wieder in den Fluten verschwanden, dann war die Begierde besiegt, und der strebsame wilhelminische Mann durfte so bleiben, wie er war.

Der kanadische Regisseur Robert Carsen kennt diese Falle, und deshalb hat er die Uhr vorsichtshalber vorgedreht. Seine Oceane spielt nun am Vorabend des Ersten Weltkriegs, die Euphorie der Gründerzeit ist vorbei, und der Hochkapitalismus steckt allen tief in den Knochen. In dem Ostseebad Heringsdorf feiert eine vornehme Gesellschaft den späten Sommer, der Chefkellner hängt Lampions auf, traurig sehen die Dinger aus, ramponiert wie alles hier. Es könnte das letzte Fest sein, klagt Madame Louise (Doris Soffel), denn ihr Strandhotel schimmelt vor sich hin, sie muss dringend modernisieren, eine Dampfheizung ist fällig, auch Klosetts in jeder Etage. Doch die Banken geben keinen Kredit. "Wir brauchen Geld! Wir brauchen Geld!" Dann trifft die Festgesellschaft ein, vorneweg im kalten Licht der kalten Sonne Pastor Baltzer, der aufrechte Verteidiger von Sitte, Gott und Vaterland. Das Meer im Hintergrund ist grau, die Wolken sind grau, die Menschen sind grau. Graue Schuhe, graue Kleider, graue Hüte (Kostüme: Dorothea Katzer). Alle müssten nun recht fröhlich sein, ruft die Madame. Amüsiert euch! Eine schottische Polka erklingt, und die Sommergäste bewegen sich wie Aufziehpuppen. Sie tanzen durchs Leben wie Tote. Die Musik klingt aschfahl und sehr, sehr müde.

Das ist, was sonst, ein Requiem auf das Kaiserreich, die Gesellschaft hat ihr Kapital aufgebraucht, die wehrhafte protestantische Seele redet nur noch vom Geld, von Aufwärtsheirat, von der guten Partie und Sekurität. Pastor Baltzer (Albert Pesendorfer) ist hier die zentrale Figur, ein kleiner Großinquisitor, der Jesus sofort verhaften ließe, wenn er ihm über den Weg liefe. Die Hohe Geistlichkeit, wie man ihn nennt, vertröstet die Irdischen auf den Himmel, denn er weiß: Sie leben auf Kredit, sie haben sich nicht nur bei einer Bank verschuldet, sondern beim Leben selbst. Nun warten die Unglücklichen auf Rettung – sie warten auf Oceane von Parceval, den geheimnisvollen Gast, die Traumfigur für die Traumlosen. Sie bringt die Sehnsucht und das Leben. Und das Geld, zwitschert Madame Louise, das bringe sie auch.

Ein gebrochenes Ineinander aus Dur und Moll präludiert ihren Auftritt, plötzlich steht Oceane auf der Veranda, dunkel fasziniert weicht die Gesellschaft vor ihr zurück und erstarrt. Maria Bengtsson gibt der Frau aus der Fremde eine wunderbar klare kalte Aura, ihre Stimme klingt entrückt und doch präsent. Schließlich stürzt der fesche Jungunternehmer Martin (Nikolai Schukoff) auf sie zu, ihm fehlt es nicht an Geld, ihm fehlt es an Liebe. Er bittet zum Tanz, aber Oceane löst sich aus seinen Armen, sie tanzt wild und ungebärdig und verfällt in eine ekstatische Trance. "Einschreiten! Einschreiten!", ruft der Gottesmann, und es scheint, als ob erst der tiefe Hass die toten Seelen wieder lebendig macht. Wie eine Aussätzige behandeln sie die Fremde, die ihnen jäh die eigene Entfremdung vor Augen führt. Später, in einer grandios furchterregenden Szene, rottet sich der Chor zum schwarzgrauen Mob zusammen, auch die Musik ist nun höllische Gewalt, aufgetürmt wie eine Mauer, die über der Delinquentin zusammenstürzt. Das ist nicht spätes Kaiserreich, das ist früher Faschismus.

Wer unbedingt will, könnte Carsen zwei Sünden vorhalten, eine kleine und eine große. Nicht nur, dass seine Inszenierung konventionell geraten ist, sondern auch, dass er am Ende doch ein Musterexemplar imaginierter Weiblichkeit auf die Bühne zerrt: die Frau als Markenbotschafterin der Natur, die schaumgeborene Jungfrau, die unter den Platzhirschen der männlichen Gesellschaft keinen Ort findet und dorthin zurückmuss, wo sie herkommt – ins Wasser.

Tatsächlich trägt Oceane ein Paillettenkleid in Echtsilber-Imitation, damit sie schön leuchtet im Trauerzug der Schattenmenschen. Doch ihr Glitzerglamour führt das Publikum in die Irre; Carsens Oceane ist nicht die strahlende Verheißung, nicht das Andere der Gesellschaft, sondern bloß deren Abspaltung – sie verkörpert all das ungelebte Leben, das dem Bürger versagt geblieben ist. Oceane ist die Chiffre des Lebendigen, aber sie hat nicht das bessere Leben, sondern ist genauso à part, genauso geteilt und zerrissen, genauso unglücklich wie die Gesellschaft der ökonomischen Menschen. Ihre Freiheit ist nur Negation; sie weigert sich, den versteinerten Bürgern Tribut zu zollen – und versteinert selbst in leerer Sehnsucht. "Ich bin so reich wie die Kiesel am Strand."

Man darf also beruhigt sein. Carsen inszeniert keine Männerfantasie, sondern konfrontiert eine leblose Gesellschaft mit dem gesellschaftslos Lebendigen, mit Oceane. Falsch ist beides. Als der Körper eines toten Fischers an Land gespült wird, schwadroniert Baltzer blasiert und bläsergestützt vom höheren Willen des Herrn, während Oceane davon singt, dass jeder Tod bloß ein Bildnis der Natur sei. Damit ist sie des Pastors Spiegelbild: Auch sie kann nicht trauern, für sie ist alles nur ein Werden und Vergehen im kosmischen Schauspiel der Evolution. Nicht im Namen Gottes, sondern im Namen der Natur.

Unter der musikalischen Leitung von Donald Runnicles spielt Glanerts Komposition das aus, was eben nur die Oper kann, und nur sie ganz allein: Die Musik übersteigt das Bühnenspiel und nimmt Partei für das Ganze und für die Gerechtigkeit, auch wenn man es nicht sieht und vielleicht nicht einmal hört. All die Spalttöne und spätromantischen Zitate, die Oceanes Auftritt begleiten, haben etwas Unwahres, genauso wie die saturierte Tonalität, mit der Glanert die Bürgerseelen in Szene setzt. Doch in der Partitur einer gelingenden Gesellschaft, so verspricht seine Musik, gehören das Lebendige und das Soziale zusammen – die Gesellschaft müsse nur, wie Martin sagt, neu anfangen. Aber dafür ist es zu spät, es kommt kein neuer Anfang, es kommt der Krieg. Das Publikum applaudiert begeistert.