"Ich sende, also bin ich!" – mit diesem bequemen Selbstverständnis einer einst erfolgsverwöhnten TV-Branche ist es längst vorbei, auch für die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD und ZDF. Deutschland ist ein stark umkämpfter Markt für unterschiedliche Inhalteanbieter geworden. Sender, Netzbetreiber und Technologie- oder Streaming-Plattformen haben ein enormes mediales Angebot geschaffen. Zuschauer kämpfen vor dem Bildschirm um Orientierung, mobile Nutzer mithilfe von Apps und zahllosen Plattform-Passwörtern im Kopf um die bestmögliche Auswahl. Sie erwarten im Gegenzug, dass Inhalte auf den unterschiedlichsten Geräten nutzungsgerecht abrufbar sind. So treiben Nutzer und Inhalteanbieter die Fragmentierung der Medienwelt, sich wechselseitig Impulse gebend, voran und ebnen den Weg in die permanente Verfügbarkeit von Informationen.

Für ARD und ZDF ist das eine besondere Herausforderung. Denn es bleibt unser öffentlich-rechtlicher Auftrag, möglichst die ganze Gesellschaft zu erreichen – die Jungen, die Alten, die Serienjunkies und die Doku-Liebhaber, die Sportfans, die an Nachrichten, Kultur, Unterhaltung und Fiktion Interessierten. Diese Genrevielfalt sollen und wollen wir in einem Gesamtzusammenhang vermitteln. Wer sich bei einem spannenden Themenabend im Ersten aufgehalten hat, möge nachfolgend die Tagesthemen mitnehmen, und in der Fußballpause im ZDF informiert das heute-journal. In der TV-Linearität sind kluge Programmplaner die Komponisten. Im Netz, wo jeder Zuschauer und Nutzer zeitsouverän, vagabundierend und frei agiert, ist das bedeutend schwieriger. Hier dominieren Playlists, sorgsam kuratierte Mediatheken, Links und vor allem ausgefeilte Such- und Empfehlungssysteme.

Wie geht das öffentlich-rechtlich?

Zum Beispiel durch eine engere Vernetzung von ARD- und ZDF-Inhalten. Um Missverständnisse zu vermeiden: Wir konkurrieren natürlich publizistisch miteinander. Das treibt uns beide an. Und es schafft Vielfalt und Qualität. Aber uns verbindet der gleiche Auftrag, der gleiche Anspruch an Qualität. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ist bei aller Kritik eine Erfolgsgeschichte, die weltweit ihresgleichen sucht. Den Auftrag ins Digitale zu übersetzen, werden wir gemeinsam versuchen, wo immer es strategisch sinnvoll und rechtlich zulässig ist und der Pluralität öffentlich-rechtlicher Angebote nicht schadet.

Auf dieser Grundlage sollten die Menschen künftig das Öffentlich-Rechtliche im Internet als einen großen, durchlässigen und intelligenten Kosmos erleben können. Einen Kosmos, in dem sie sich leicht und schrankenlos bewegen können – wie gewohnt ohne Werbung und unter Wahrung strenger Datenschutzgesetze. Mit einem Satz: Das Öffentlich-Rechtliche sollte als großes Online-Netzwerk erfahrbar werden.

Bei den Mediatheken als den digitalen Herzstücken von ARD und ZDF fängt das an. Beide Angebote spiegeln aktuell den Übergang sich verändernder Nutzungsbedürfnisse. Noch kommen vor allem Nutzer dahin, die eine Sendung "verpasst" haben – also dem linearen Programm noch verbunden sind. Sender und ihre Mediatheken gehören deshalb zusammen und stärken sich gegenseitig. Von dieser Symbiose können Netflix und Co. nur träumen. Aber zugleich wächst auch die Zahl der freien Stöberer und selbstbewusst wählerischen Nutzer. Für sie ist es irrelevant, was wann in welchem Fernsehprogramm ausgestrahlt wurde. Die ARD Mediathek beantwortet das mit unterschiedlichen Kanälen, welche die regionale Vielfalt ihrer Sender abbilden und mit genreorientierten Angeboten zusammenführen.

Die ZDFmediathek orientiert sich in der Grundstruktur dagegen primär an Genres. Zudem bietet sie Orientierung für Nutzer, die in der Logik klassischer Fernsehprogramme denken. Beide Modelle spiegeln die Vielfalt unterschiedlicher Nutzertypen. Beide verzeichnen Millionen Besucher pro Tag, die sich immer freier bewegen. Auf diese Mischung von Senderbindung und wachsender Unabhängigkeit wollen wir gemeinsam besser antworten. Nutzer, die bei der ARD versehentlich die heute-show suchen, sollen ohne Umwege zum ZDF geschickt werden. Wer den Tatort in der ZDFmediathek sucht, wandert ohne Hürden zum ARD-Krimi mit Börne, Thiel, Lena und Co. Auch der Zugang über ein Log-in kann ein gemeinsamer werden, nach dem Motto: einmal anmelden und alle öffentlich-rechtlichen Angebote in einem Netzwerk geschützter Daten nutzen. Genau dahin wollen wir. "funk", das junge Netzwerk von ARD und ZDF, gehört hier ebenso dazu wie Deutschlandradio, 3sat, Phoenix und Arte. Auch von öffentlich-rechtlichen TV-Sendern aus dem Ausland gibt es Interesse, sich zu beteiligen – in Richtung europäischer Lösungen.

Viele kleine Feuerstellen

Vorbild für die Verbindung von ARD und ZDF: das junge Netzwerk funk © Richard Hübner/ ZDF

Dabei verbindet dieses Modell der Verlinkung die Sender wie bewegliche Gelenke. Es lässt den Sendern ihre Flexibilität und ihre Anpassungs- und Innovationsfähigkeit, die sie brauchen, um neue Trends am Markt schnell aufzunehmen. Ein Blick auf die Strategie von "funk" belegt, dass es funktioniert: Seinen beachtlichen Erfolg hat dieses Angebot für 14- bis 29-Jährige nicht über eine eigene zentrale Plattform, eine App eingefahren. Vielmehr sind 2018 über eine Milliarde "funk"-Abrufe allein auf YouTube durch eine professionelle Vernetzung der Inhalte zustande gekommen.

Je mehr die sprachgesteuerten Angebote zunehmen, umso wichtiger wird es, die Nutzer mit intelligenten Suchen und passenden Inhalten zu begeistern. ARD und ZDF sind längst dabei, ihre Angebote mithilfe datengetriebener Individualisierung zu personalisieren. So wie Amazon, Apple und Co. es betreiben, aber eben übersetzt in eine öffentlich-rechtliche Variante. Diese überlässt den Algorithmen nicht alles, sondern begleitet sie transparent und redaktionell gesteuert, um Vielfalt noch besser zu erschließen. Das sollten wir gemeinsam weiterentwickeln.

Dazu passt übrigens auch die Idee einer digitalen Infrastruktur für Europa mit transparenten Algorithmen und einem auf europäischen Werten basierenden Datenschutz. Der digitale öffentliche Raum in Europa ist in hohem Maße von einigen wenigen US-Unternehmen abhängig. Jeder, der heute eine große Zielgruppe im Netz erreichen will, kommt um Google, Facebook oder YouTube nicht herum. Bei allem Respekt vor dem technischen und unternehmerischen Können dieser Firmen – warum sollten europäische Länder nicht eine Alternative entwickeln, eine eigene Infrastruktur für Plattformen in Europa? Sie könnte unterschiedlichste Anbieter von Inhalten, öffentlich-rechtliche und private Sender, Verlage, Institutionen aus Kultur und Wissenschaft etwa, zusammenführen.

Einst brannte das große "Lagerfeuer", um das sich die TV-Nation allabendlich versammelte. Das stützte eine gemeinsame Wahrnehmung von Wirklichkeit. Noch gibt es das: zu großen Sport-Highlights, zu außergewöhnlichen Nachrichtenlagen und besonderen Spielfilmen und Serien. Und es hält die Gesellschaft zusammen.

Heute, in der Ära der Digitalisierung, sitzt die Gesellschaft im Alltag um viele kleine Feuerstellen herum. Der Auftrag des Öffentlich-Rechtlichen bleibt es, die Menschen in Verbindung zu halten und für ein Stück stabiles kulturelles Unterfutter zu sorgen. Unsere Idee des gemeinsamen Netzwerks kann dazu beitragen.