Dieser Artikel liegt in einer Langfassung vor.

In der Nacht auf den 3. Oktober 1990 feierten die Menschen in Berlin mit Fahnen und Sekt. Es war jene Nacht, in der die Einheit vollendet werden – und damit, so sahen es viele, auch die Abwanderung der Ostdeutschen in Richtung Westen enden sollte. Kaum jemand ahnte, dass vielen Regionen des Ostens eine neue Abwanderungswelle bevorstand, die in einer demografischen Krise münden würde.

ZEIT ONLINE hat Daten des Statistischen Bundesamtes über jeden der rund sechs Millionen Umzüge zwischen Ost und West ausgewertet, vom ersten durchgehend gesamtdeutschen Jahr 1991 bis 2017. Viele interaktive Grafiken und Geschichten, die daraus entstanden sind, sind von diesem Donnerstag an abrufbar unter www.zeit.de/ostwest – und werden hier, auf diesen Seiten, auszugsweise präsentiert. Die Zahlen zeigen eine der am wenigsten dokumentierten Nachkriegsgeschichten. Sie zeigen, dass nach der Wiedervereinigung fast ein Viertel der ursprünglichen Bevölkerung Ostdeutschlands in den Westen zog: 3.681.649-mal gingen Menschen fort. Und sie zeigen, dass die 2.451.176 Zuzüge aus dem Westen den Niedergang vieler Orte nicht aufhalten konnten.

Kurz nach der Einheit, im Jahr 1993, befragte das Emnid-Institut die Ostdeutschen nach ihrer Lebenssituation. Die Demoskopen stellten fest, dass unter den Ostdeutschen eine depressive Stimmung herrsche, wie sie "noch nie und nirgends zuvor" gemessen worden war. Mehr als ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung hatte das Gefühl, "in dieser Gesellschaft nicht mehr gebraucht zu werden". Der Soziologe Paul Windolf schätzt, dass in den fünf Jahren nach der Wende bis zu 80 Prozent der erwerbstätigen Ostdeutschen vorübergehend oder auf Dauer ihren Job verloren. Es gab schon damals Erfolgsgeschichten im Osten, aber an vielen Orten breiteten sich Angst und Resignation aus.

Welche Wucht die Abwanderung im Osten hatte, wird deutlich, wenn man sich alle Landkreise und kreisfreien Städte anschaut. Fast alle Landkreise verloren zwischen 1991 und 2017 Menschen an den Westen. Dabei gingen den ostdeutschen Bundesländern nicht nur Steuereinnahmen verloren. Es zerbrach auch vielerorts das, was man die soziale Infrastruktur nennt: Schulen, Krankenhäuser, Freizeitanlagen, kulturelle Einrichtungen mussten schließen.

Erst jetzt, 30 Jahre später, hat die Hälfte aller ostdeutschen Regionen eine positive Wanderungsbilanz mit den alten Bundesländern. Erstmals ziehen binnen eines Jahres mehr Menschen von West nach Ost als andersherum. Das liegt vor allem daran, dass immer weniger Menschen den Osten verlassen – auch weil in manchen Regionen kaum noch wanderungswillige Menschen da sind, die gehen könnten. Es liegt aber auch daran, dass einige Großstädte und Regionen im Osten wieder Menschen anlocken: Potsdam oder Leipzig etwa.

Wohin gingen die Millionen Menschen, die den Osten über die Jahrzehnte verließen? Ein Blick auf die Infografik (oben) zeigt einen breiten Strom, der von Sachsen nach Süddeutschland führt. Nach Erding und Freising in Bayern etwa, wo 1992 der Münchner Flughafen Franz Josef Strauß eröffnete und einen Wirtschaftsaufschwung entfachte, in dessen Folge bis in die Nullerjahre Tausende Arbeitsplätze entstanden (siehe Text auf der rechten Seite).

Gewinner waren auch die mittelgroßen Städte in Baden-Württemberg, Heilbronn oder Pforzheim. Betrachtet man hingegen nur die absolute Zahl der zugezogenen Menschen, sticht eine Stadt heraus: Hamburg. Keine andere Stadt im Westen hat mehr Menschen aus Ostdeutschland aufgenommen, insgesamt rund 190.000. Die meisten von ihnen kamen aus dem nahen Mecklenburg-Vorpommern. Doch nicht nur die Wanderung nach Westen hat die ostdeutsche Demografie verschoben. Die sozialen Verwerfungen nach der Wiedervereinigung ließen die Geburtenrate in Ostdeutschland drastisch einbrechen. Von 1990 bis 1994 sank die Geburtenziffer fast um die Hälfte. Am Beispiel der Kleinstadt Suhl kann man die Folgen wie unter einem Mikroskop beobachten, eine Grafik ist oben abgebildet. Keine andere Region hat seit 1991 relativ betrachtet so viele Menschen verloren wie die frühere Bezirksstadt in Thüringen. Zu Zeiten der DDR flossen große staatliche Investitionen in die Stadt. Suhl florierte unter anderem wegen seiner Fahrzeugindustrie. Heute ist davon wenig übrig. Mehr als ein Drittel der Einwohner ist gegangen. Zuletzt zog die Stadt allerdings wieder mehr Menschen aus dem Westen an.

Seit der Wiedervereinigung wanderte mehr als ein Viertel der Ostbevölkerung zwischen 18 und 30 in den Westen ab. Man kann darin einen Anpassungsprozess sehen, wie er in dynamischen Volkswirtschaften eben geschieht. Ein Nullsummenspiel, in dem westdeutsche Regionen davon profitierten, dass der Osten verlor. Doch Menschen leben in sozialen und politischen Zusammenhängen, und diese lassen sich nur schwer verschieben. Die jahrzehntelange Abwanderung hat Schäden im Osten hinterlassen, die so schnell nicht verschwinden werden. Selbst in den zurückliegenden deutschen Boomjahren ging es im Osten nur schleppend voran, weil der Mangel an sozialer und technischer Infrastruktur – Schulen, Bibliotheken, öffentlicher Nahverkehr – in vielen Regionen Menschen fernhält und damit einen nachhaltigen Aufschwung verhindert. Dadurch entsteht eine Frustration, die schon länger politisch spürbar ist.

Inzwischen leiden auch Westregionen in der Peripherie unter dem Verlust von Menschen. Und auch im Osten gibt es Städte, in denen es eng wird. Leipzig ist heute die am stärksten wachsende Stadt der Republik. Selbst der Wanderungsstrom zwischen Bayern und Sachsen hat sich umgekehrt: Heute ziehen eher Menschen aus Bayern in den Osten als andersherum. Doch für viele der entleerten Regionen im Osten hat sich nichts verändert. Es ziehen noch immer wenige junge Menschen zu, die Bevölkerung wird älter.

Was das alles den Westen angeht? Ein Blick in die alternden Regionen des Ostens könnte für manche westdeutschen Gegenden einer in ihre eigene Zukunft sein. Auch im Westen wächst der Graben zwischen Ballungsräumen und ihrer Peripherie, zwischen aufstrebenden und aussterbenden Regionen. Ost und West werden sich ähnlicher. Zumindest dort.

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