Ist das Christentum eine sexualfeindliche Religion? Fördert eine repressive Sexualmoral, wie sie im öffentlichen Bewusstsein insbesondere der katholischen Kirche angelastet wird, gar den sexuellen Missbrauch durch Kleriker? In einer vergleichenden religionsgeschichtlichen Perspektive lässt sich ein negatives Pauschalurteil über die im Lauf der Jahrhunderte entstandene kirchliche Sexualmoral nicht stichhaltig begründen. In jeder Epoche gab es nämlich religiöse Bewegungen wie die Gnosis und den Manichäismus in der Antike oder die Katharer im Mittelalter, von deren prinzipiellem Sexualpessimismus sich das Christentum durch eine schöpfungstheologisch begründete Bejahung der Sexualität abgrenzte. Dennoch liegt ein langer Schatten über der Beziehung zwischen Christentum und Sexualität, die in der europäischen Kultur weithin als eine Konfliktgeschichte wahrgenommen wurde.

© Illustration: Kati Szilágyi

Einen verhängnisvollen Einfluss, der die kirchliche Sexualmoral auf eine äußerst ambivalente Einstellung zur Sexualität festlegte, übte der Kirchenlehrer Augustinus aus. Einerseits berichtet er in seinen autobiografischen "Bekenntnissen" unbefangen über sexuelle Vorgänge wie eine Erektion, die er als Jugendlicher während eines Besuchs mit dem Vater in einer öffentlichen Badeanstalt erlebte. Andererseits nahm er seine Sexualität nach seiner Konversion nicht mehr als die ungetrübte Quelle von Lebensbejahung und Lebenslust wahr, als die er sie in seiner Jugendzeit, als er jahrelang mit seiner Konkubine Flavia zusammenlebte, empfunden hatte.

Der Makel der Erbsünde

Er erlebte es vielmehr als eine tiefe Demütigung, als eine Erniedrigung seines inneren Menschen, dass sein Körper von einer Macht beherrscht wurde, die sich seinem Willen entgegenstellte. Diesen Kontrollverlust deutete er als eine Rebellion des Fleisches gegen die Vernunft, als eine schändliche Folge der Erbsünde. Mit der Annahme, diese werde auf dem Weg der fleischlichen Zeugung an die Nachkommen weitergegeben, inaugurierte er eine theologische Neuerung, die sich als folgenschwere Hypothek für die christliche Sexualmoral erweisen sollte. Dafür nahm er sogar Ungereimtheiten und Widersprüche seines Denkens in Kauf. Denn wie können Eltern, die durch die Taufe vom Makel der Erbsünde reingewaschen sind, diesen im Zeugungsakt dennoch an ihre Nachkommen weitergeben?

© Sandra Meyndt

Augustinus, der große Theologe, entwirft ein vergiftetes Bild der Sexualität. Er führt einen theologischen Zweifrontenkrieg: Einerseits hält er gegenüber den Versuchungen seiner manichäischen Zwischenperiode, als er selbst Mitglied einer dualistischen, leibverachtenden Sekte war, daran fest, dass der Eros zu Gottes guter Schöpfung gehört. Zudem zählt die Ehe in der kirchlichen Praxis seiner Zeit zu den Sakramenten, durch die die Eheleute geheiligt sind. Andererseits bleibt die Sexualität auch bei ihrem Gebrauch innerhalb der Ehe durch die Wunde entstellt, die ihr durch die Konkupiszenz, die als Überrest der Erbsünde nach der Taufe verbleibende Begierde, anhaftet. Die Lehre von den sogenannten Ehegütern stellt einen theologischen Kompromiss dar, durch den Augustinus Schöpfungstheologie, Sakramentenlehre und das durch ihn verschärfte Erbsündendogma miteinander versöhnen möchte.

Der Preis dafür ist hoch: Die der Ehe innewohnenden Güter, also die Nachkommenschaft, die eheliche Treue und das Sakrament, können die Sexualität nicht innerlich heilen und heiligen. Sie stellen nur äußere Ausgleichswerte dar, die ihren ehelichen Gebrauch entschuldigen und von schwerer Schuld freistellen. Selbst diese eingeschränkte, auf den Raum der Ehe begrenzte Duldung der Sexualität bleibt an die Bedingung gebunden, dass die Liebenden ihre Intention auf die Erreichung der schöpfungsgemäßen Eheziele richten und nicht durch das Verlangen nach fleischlicher Lust von ihnen abgelenkt werden. Der gute Wille nimmt das Übel der Lust für den einzigen Zweck in Dienst, für den die Ehe durch den Schöpfer geschaffen ist: für die Zeugung von Nachkommen und für die Vermeidung der Unzucht. Nur solchermaßen gezügelt kann die sexuelle Lust toleriert werden.

Selbst dieses nachsichtige Zugeständnis sollte sich in den kommenden Jahrhunderten nicht überall durchsetzen. Den meisten Theologen und Kanonisten der Frühscholastik galten die Empfindungen der geschlechtlichen Lust sogar als in sich sündhaft. Sie beriefen sich für die These von der inneren Schlechtigkeit auch des ehelichen Verkehrs auf das Psalm-Wort "In Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen" (Ps 51,7).

Die Ehe, der einzige Ort für Sex

Einen ausgesprochen rigoristischen Zug nahm die ausnahmslose Verurteilung der geschlechtlichen Lust bei Kardinal Huguccio (gest. 1210) an. Bei ihm und seiner einflussreichen Kanonisten-Schule galt der um der Befriedigung der Geschlechtslust willen erfolgende eheliche Verkehr, anders als noch bei Augustinus, immer als Todsünde. Erst bei Albertus Magnus und Thomas von Aquin wird diese extreme Abwertung der Sexualität wieder zurechtgerückt. Die moralische Bejahung der Sexualität folgt nun nicht mehr allein aus ihrer Ausrichtung auf die Nachkommenschaft, sondern aufgrund der personalen Beziehung und der ehelichen Lebensgemeinschaft als solcher. Die Prämisse allerdings, dass die Ehe der einzige Ort legitimer Sexualbeziehungen ist, wird in der traditionellen kirchlichen Sexualmoral nirgends infrage gestellt.

Dennoch verläuft die Geschichte der Vergiftung des Eros durch das Christentum in den kommenden Jahrhunderten nicht linear. Sie kennt auch Unterbrechungsphasen und Zwischenplateaus, die zu einer ausgesprochen unbefangenen Wertschätzung des Eros führen. Die Minnelieder des hohen Mittelalters, die die Freuden der höfischen Liebe besingen, haben außereheliche Verhältnisse im Blick; in ihnen artikuliert sich die Vorfreude des Minnesängers auf die an sich verbotene Lust. Gleichwohl hat diese Gattung erotischer Lieder in der mittelalterlichen Literaturgeschichte ihren festen Platz. Ebenso brachte die italienische Renaissance in Verbindung mit einem sinnenfreudigen Barock-Katholizismus auf dem Höhepunkt der machtpolitischen Entfaltung des Papsttums eine erotische Malerei von hoher Ausdruckskraft hervor, inklusive der unbekümmerten Inszenierung menschlicher Nacktheit. Nicht nur Venus und andere antike Gottheiten, sondern auch der junge Jesusknabe, christliche Märtyrer wie Sebastian oder die Muttergottes selbst wurden in unverfänglicher Weise in der erotischen Ausstrahlungskraft einer natürlichen Körperästhetik gezeigt.

Ein vorsichtiger Lichtblick

Die Reaktion dagegen ließ freilich nicht lange auf sich warten. Im Zuge der Gegenreformation wurde die nunmehr als verstörend empfundene Nacktheit den Blicken der Besucher der Sixtinischen Kapelle im Vatikan entzogen, indem die Päpste die entblößten Leiber der Geretteten und Verdammten in Michelangelos monumentaler Darstellung des Jüngsten Gerichts mit pastellfarbenen Tüchern übermalen ließen.

Zu einer weiteren Verschärfung der an den Ausbildungsstätten des Klerus gelehrten Sexualmoral führte die Ausbildung der Moraltheologie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin im 16. und 17. Jahrhundert. Sahen die mittelalterlichen Bußbücher noch eine Abstufung der subjektiven Sündhaftigkeit vor, die mit einzelnen sexuellen Verfehlungen verbunden war, so setzte sich nunmehr eine moraltheologische Sentenz durch, die die negative Bewertung jedweder sexuellen Betätigung außerhalb der normativen Ordnung der Ehe nochmals verschärfte. Im Bereich des sechsten Gebotes, so wurden die Beichtväter fortan geschult, könne es grundsätzlich keine geringfügige Materie geben, die eine sexuelle Verfehlung aufgrund ihrer besonderen Umstände als weniger schwer oder gar entschuldbar qualifizieren könnte.

Die neue moraltheologische Lehrmeinung befand sich in Übereinstimmung mit zeitgenössischen medizinischen Anschauungen, denen zufolge jede leichtfertige Erregung der Geschlechtslust zum Samenerguss führen muss. Da die weibliche Eizelle noch unbekannt war und die gesamte Formkraft, aus der ein neuer Mensch hervorgehen sollte, dem männlichen Samen zugeschrieben wurde, wog dessen absichtliche Vergeudung besonders schwer. Alle Sexualdelikte verstießen unter dieser Voraussetzung nicht nur gegen die rechte Ordnung der ehelichen Liebe, sondern zugleich gegen das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten". (Sie stellten somit auch eine Infragestellung der gesellschaftlichen Ordnung dar. Sexualität war keine Angelegenheit des privaten Lebens mehr, sie unterstand der öffentlichen Ordnung des Staates, dessen Fortbestand von der geregelten Einhaltung der Moralvorschriften im Bereich des sechsten Gebots abhing.)

Aus den Engführungen, in die sie in der Spätantike, im frühen Mittelalter und in der Neuzeit geraten ist, konnte sich die katholische Kirche in ihren amtlichen Lehrmeinungen zu den Phänomenen von Sexualität, Partnerschaft und Ehe bislang nicht befreien. Obwohl die theologische Wissenschaft die Erkenntnisse der modernen Humanbiologie und Anthropologie über die vielfachen Sinndimensionen der Sexualität (Lustfunktion, Beziehungsfunktion, Identitätsfunktion, Fortpflanzungsfunktion) längst rezipiert und die der stoischen Philosophie entlehnte Rede vom Naturzweck der Sexualität überwunden hat, hält der Weltkatechismus unbeirrt an den Verboten der außerehelichen und gleichgeschlechtlichen Sexualität sowie der künstlichen Empfängnisregelung fest.

Johannes Paul II. und die Theologie des Leibes

Ebenso betont das Lehrschreiben Familiaris consortio von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1983, dass jede Art von sexueller Betätigung außerhalb der Ehe als "Unzucht" missbilligt werden müsse. Dieses pauschale Verdikt unterläuft sogar die in moralischer Hinsicht wichtigste Differenzierung, die sexuelle Handlungen und Ausdrucksweisen danach bemisst, ob sie im Rahmen einer von Liebe, Freundschaft und Treue geprägten Beziehung verortet sind oder allein durch ein beiderseitiges Interesse an kurzfristigem Lustgewinn vollzogen werden.

Auch die viel gepriesene Theologie des Leibes, die der spätere Papst Johannes Paul II. noch in seiner Zeit als Moralphilosoph in Krakau entwickelte, kann die Aporie nicht überwinden, in der die kirchliche Sexualethik in ihrer lehramtlichen Form gefangen bleibt. Er anerkennt zwar, dass der Mensch aufgrund seiner Leiblichkeit und ihrer spontanen körperlichen Ausdrucksgestalt ein sexuelles Wesen ist. Doch bleibt auch in seiner personalistischen Anthropologie die Warnung vorherrschend, die Ehepartner – und nur sie geraten überhaupt in den Blick – sollten sich nicht als Objekte ihres sexuellen Verlangens missbrauchen. Zwar kann es auch in der Ehe eine selbstbezogene Fixierung auf eigenen Lustgewinn ohne die Bereitschaft zur Rücksichtnahme auf die Partnerin oder den Partner geben. Doch verrät die Penetranz, mit der Johannes Paul II. diese Warnung bei passender und unpassender Gelegenheit regelmäßig vortrug, dass die Theologie des Leibes das sexuelle Begehren und den Triebcharakter des Eros nicht als einen positiven Ausdruck menschlicher Körperlichkeit und Lebenslust würdigen kann.

Einen vorsichtigen Lichtblick inmitten dieser von Abwehr, Misstrauen und Zurückhaltung geprägten lehramtlichen Verlautbarungen zur Sexualität stellt das nachsynodale Apostolische Schreiben von Papst Franziskus, Amoris laetitia, dar, das sich bereits im Titel zur spielerischen Freude bekennt, die mit dem sexuellen Erleben verbunden ist. Zwar warnt auch Franziskus vor einer "giftigen Mentalität" (Nr. 153) des Gebrauchens und Wegwerfens, die sexuelle Körper wie Gegenstände gebraucht, die man verschmäht, sobald sie ihre Attraktivität verlieren. Doch zugleich anerkennt er die erotische Dimension der Liebe als eine selbstzweckliche Bereicherung und Ausdrucksform des gemeinsamen Lebens der Ehepartner, wobei er auch den triebhaft-verlangenden Charakter des sexuellen Begehrens als Quelle menschlicher Daseinsfreude unbefangen würdigt.