Falls es eines gedruckten Nachweises bedurfte, dass die Not auch Philosophen erfinderisch macht, so ist er nun in Buchform erbracht – was in diesem Fall eine Erklärung braucht. Denn es handelt sich bei dem Buch Twelve Stars um eine unübliche Form der Veröffentlichung, die sich als eine Antwort auf die Not des politischen Europas vor der Wahl versteht: Die intellektuellen Eliten, die in den europäischen Bevölkerungen wegen ihrer vermeintlichen Weltferne vielen ein Ärgernis sind, begeben sich öffentlich ins Gespräch. Das Buch führt also einen verdichteten Streit unter Europäern vor, der geradezu heimatlich wirkt.

Alles in allem darf man dies eine geistige Arbeit nennen, die sich nicht viele machen. Zwei Dutzend Philosophinnen und Philosophen aus allen Teilen des Kontinents wurden von einer Herausgeber-Gruppe um einen Denkanstoß gebeten, sehr konkret: ob nun zur Finanzregulierung, zu einem europäischen Grundeinkommen, zur Stärkung der Nationalparlamente oder zur Massentierhaltung, freie Wahl, alles dabei. Gemeinsam nur: Jeder sollte einen Gedanken vortragen, der sich normativ dem künftigen Leben der Europäer widmet und zudem in der europäischen Politik kurzfristig umsetzbar ist.

So sind 24 Essays mit angstlos guten Ideen entstanden, was allerdings für diese Berufsgruppe ja nur die gewohnte und leichteste Übung wäre, hätte nicht jeder dieser Vorschläge sich einem "Teufelsadvokatentest" unterziehen müssen, wie die Herausgeber ihr Verfahren nennen: Denn jede Idee hat sich auf der Plattform "Change my view" in einer offenen Online-Debatte den Einwänden europäischer Bürger gestellt, und alle Autoren haben die Gegenargumente wiederum in der Schriftform zu bedenken gehabt.

Ausgedacht hat sich diesen Vitalisierungsschub der Debatte die Initiative Twelve Stars, zusammengesetzt unter anderem aus der Kunsthistorikerin Stefanie Lenk, dem Schriftsteller Joachim Helfer, den Philosophen und Volkswirten Marco Meyer und Matthew Braham, dem Wissenschaftsjournalisten Ralf Grötker. Das Geld kam von der Bertelsmann Stiftung. Die Herausgeber haben nicht nur organisiert, sie haben selbst recherchiert: Jedem Denkanstoß wird hinzugefügt, was politisch tatsächlich geschieht und ob bereits ein Gesetzgebungsverfahren läuft. Wer wissen möchte, wie die Diskutierenden mit den Einwänden umgingen, kann im Netz der Debatte insgesamt nachgehen.

So lässt sich also dank der Idee wie dank des Verfahrens lesend nachvollziehen, wie der belgische Wirtschaftsethiker Philippe van Parijs mit seinem Votum für eine Eurodividende dem Einwand begegnet, ohne Gegenleistung solle es kein Grundeinkommen geben, oder jenem anderen Einwand, kein Politiker könne seinen Wählern verkaufen, er wolle Steuern erheben, um das Sozialsystem anderer Länder zu finanzieren. Man kann mit der Münchner Philosophin Lisa Herzog, die für eine europäische Förderung demokratischer Unternehmensführung argumentiert, dem Einwand begegnen, Eigentumsrechte ließen sich nicht teilen. Der Philosoph Mark Alfano stellt die Idee zur Debatte, Bewohnern von Inselstaaten, die bald überflutet werden, eine europäische Staatsbürgerschaft anzubieten, der Philosoph Rainer Forst hält ein Verbot religiöser Kleidungsstücke für unzulässig, und die Institutionenethikerin Ingrid Robeyns schlägt vor, die EU solle in allen Mitgliedsländern hohe Steuern auf den Flugverkehr einführen. Geistreich, diszipliniert, lebendig: So kann der Kontinent streiten, auf dem man die Wahl hat.

Twelve Stars Initiative, Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Twelve Stars. Philosophen schlagen einen Kurs für Europa vor; a. d. Engl. v. J. Helfer, K. Klatt, K. Schnier; Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2019; 262 S., 15,– €