Wer, wie dieser Rezensent, über der regelmäßigen Lektüre der kalifornischen Journalistin, Schriftstellerin, Essayistin und Drehbuchautorin Joan Didion alt geworden ist, der wundert sich, dass sie noch lebt. Nach all den Hektolitern scharfer Drinks und Zentnern von Pall Malls, die in ihrer elfenhaften, aber unzerbrechlichen Person tiefe Spuren hinterlassen haben. Nach ihren Jahrzehnten dynamischer Oberflächlichkeit auf dienstlichen Stehpartys in den Purpurhügeln von Beverly Hills. Sie und ihr Mann John Gregory Dunne – auch er ein Journalist und Hollywood-Autor – kannten sie alle: Elizabeth Taylor, Roman Polanski und Sharon Tate, Tom Wolfe und Andy Warhol, Steven Spielberg, George Lucas und Natalie Wood, die Beach Boys, Joan Baez und Bob Dylan, die Mamas und Papas und Jim Morrison, Patty Hearst und Barbra Streisand. Deren Friseur kannten sie auch. Harrison Ford war ihr Balkontischler in Malibu.

Didion hatte als Promi-Reporterin bei der Zeitschrift Mademoiselle angefangen. Mit ihren ersten Essays über die Hippie- und Drogenszene San Franciscos wurde sie weltberühmt. Doch ihre heimlichen Helden John Wayne und Barry Goldwater hatten nichts mit der kunterbunten LSD-Welt der Westküste zu tun. Old school. Ihre spätere politische Schlafwandelung von rechts nach links lief theorielos ab. Karl Marx blieb ihr so fremd wie Noam Chomsky. Ihre Heimat Kalifornien erlebte sie "auf gewisse Weise als unzugänglich, ein aufreibendes Mysterium". Der Bundesstaat litt seit den Nachkriegsjahren unter der höchsten Armutsrate im ganzen Land einerseits, mitten im größten Reichtum andererseits – eigentlich ein Anschauungsparadies für theorieverliebte Kapitalismuskritiker. Doch politische Ökonomie war und ist nicht Didions Stärke, im Gegenteil.

Ist sie eine Dichterin? Das auch. In der amerikanischen Mediengeschichte gilt sie außerdem neben Tom Wolfe als Begründerin des New Journalism, also jener problematischen Form der publizistischen Welterkundung, die mit viel Gefühl und Autoren-Eitelkeit haarscharf an altmodischer Dichtung entlangschrammt. Immerhin hat sie fünf Romane geschrieben, allerdings bieten sie von den ersten bis zu den letzten Seiten halbbiografische Selbsterforschungen, geschult an der kargen Schreibweise Ernest Hemingways. Die schönen Melodien ihrer Sätze waren ihre eigenen.

In dem Sachbuch Salvador (1983) entlarvte sie die blutigen Fingerabdrücke des amerikanischen Imperialismus, in dem Roman Democracy (1984) die Machenschaften der CIA – der Vietnamkrieg war da längst vorüber. Ihre politischen Einsichten überfielen sie stets mit einer gewissen Verspätung, insofern ist sie eine amerikanische Mainstream-Autorin.

Den amerikanischen Aufbruch in den Feminismus hatte sie verpasst, den brauchte sie nicht. Ihre Bücher blieben irgendwann Ende des 20. Jahrhunderts in den Buchgeschäften liegen. Als sie aber den Herztod ihres Mannes in einem Trauerbuch verarbeitete, Das Jahr magischen Denkens (2005), flogen der fast verstummten Schriftstellerin Hunderttausende alte und neue Leserinnen in aller Welt zu. Nach dem Tod ihrer Adoptivtochter Quintana stürzte die Mutter mit einem zweiten Totenbuch (Blaue Stunden, 2011) in eine existenzielle Ortlosigkeit, die sie allerdings schon einige Jahre früher als Wesenskern Kaliforniens beschrieben hatte – als wäre sie in der eigenen Heimat rettungslos verloren gegangen. Von ihrer eigentümlichen Ironie ist am Ende ihres Schriftstellerlebens wenig übrig geblieben. Alles wurde ernster und endgültiger.