Von allen Versuchen, die Wärme und die Vielfalt des menschlichen Lebens mit klaren, kalten Regeln bis ins Intime hinein zu regeln, hat die katholische Sexualmoral die größten Verwüstungen in der Menschheitsgeschichte hinterlassen. Eine machtvolle Institution mit 2000-jähriger Tradition steht hinter dieser Moral: die katholische Kirche. Ihr Moralkodex ist nichts weiter als eine aufgeblähte Tyrannei. Geheime Gänge durchziehen den Untergrund dieser moralischen Landschaft. Es hat sie ganz buchstäblich schon im Mittelalter zwischen Mönchs- und Nonnenklostern gegeben. Das Priestergewand wurde und wird zur Camouflage. Heuchelei ist Alltag.

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Meine eigene Laufbahn in der katholischen Kirche begann mit der Taufe und erreichte ihren Höhepunkt im Amt des linken Ministranten (der rechte war mein zwei Jahre älterer Bruder). Das war vor der Pubertät. Bis dahin ging ich beichten, fürchtete die Hölle, empfing die Sakramente. Anfangs verstand ich den Beichtspiegel in meinem Gebetbuch nicht ganz, in dem als Anleitung zur Gewissenserforschung alle erdenklichen Sünden aufgezeichnet waren. Die Messe versäumen, naschen, lügen, solche Sünden waren fassbar. Aber was waren unkeusche Gedanken? Handlungen? Allmählich wurde die Sache klarer; ich beichtete beispielsweise, dass ich das Plakat des Films "Die Sünderin" betrachtet hatte, auf dem eine verführerische Hildegard Knef angedeutet war. Das war 1951, ich war zehn Jahre alt. Vier Jahre später hörte ich auf zu beichten.

Während des Psychologiestudiums wurde ich aufgeklärt, dass mit zirka 14 Jahren die menschliche Intelligenz ausgereift ist (in manchen Tests erreicht keine andere Altersgruppe so gute Ergebnisse). Ich glaubte schon nicht mehr an die Hölle, ich wusste, dass es viele Religionen gibt. Nach einem Umzug war es auch mit dem Ministrieren vorbei.

Ich hatte Glück. In dem Identifizierungsangebot meiner Mutter überwog das Ideal der Rationalität. Ich war ermutigt worden, meinen Verstand zu gebrauchen, ich gewann sicheren Abstand zu den Ängsten vor ewiger Verdammnis, die meinen Kinderglauben so viel stärker geprägt haben als das Bild eines liebenden Gottes. Von meiner damaligen Hybris, wer in der Kirche bleibe, der könne nicht denken, ist nichts geblieben. Ich habe zu viele kluge und warmherzig Gläubige kennengelernt, auch wenn ich nicht zu ihnen gehöre. Vermutlich hilft ihnen ebendieses Bild des liebenden Gottes, mit ihrer Fleischeslust angemessen umzugehen und die papierenen Regeln der Kirche geflissentlich zu ignorieren.

Als Psychoanalytiker und als Dozent in der Ausbildung katholischer Eheberater habe ich später viele Blicke hinter die Kulissen und in die unterirdischen Gänge der Kirchenmoral werfen können. In ihnen gedeiht manchmal auch das, was ekklesiogene Neurose genannt wird – psychische Störungen, die durch das Scheitern einer Integration eigener Bedürfnisse in das Korsett der kirchlichen Moral (mit-)bedingt sind.

Die Erfahrung lehrt, dass die katholische Moralpredigt ganz und gar nicht die erwünschten inhaltlichen Folgen hat. Wer in einer katholischen Klosterschule erzogen wurde, bleibt manchmal prüde – und ebenso oft ganz und gar nicht. Ein Patient, früher Kaplan, verliebt sich in die Leiterin einer Jugendgruppe. Sie beginnen ein sexuelles Verhältnis. Er geht zu seinem Bischof und schildert ihm die Situation. Die Auskunft: Solange es nicht öffentlich wird, die beiden nicht heiraten, kann er Priester bleiben. Er ist nicht einverstanden, will heiraten – und muss einen neuen Beruf lernen. Es gibt Subkulturen in der katholischen Kirche, etwa im Bereich der Klinikseelsorge, in denen sich der Teilnehmer einer Selbsterfahrungsgruppe so vorstellt: Ich bin katholischer Priester und ich habe eine Freundin.

Unter den Eheberaterinnen, die an kirchlichen Beratungsstellen tätig sind, hat sich großenteils die psychologische Einsicht durchgesetzt, dass gelebte, lustvolle Sexualität ein wichtiges Element jeder liebevollen Bindung ist, ganz und gar keine Sünde.

Aber was geschieht eigentlich mit einer Psyche, die es sich zur Aufgabe macht, die Regeln der katholischen Sexualmoral komplett zu verwirklichen? Sex ist nur innerhalb einer heteronormativen Ehe erlaubt, es darf ausschließlich um Zeugung von Nachwuchs gehen, Selbstbefriedigung ist Unzucht, und jede sexuelle Verbindung nach der ersten ist verboten?

Nach einer vorsichtigen Schätzung sind laut dieser Sicht 99 Prozent aller sexuellen Handlungen unkeusch und unzüchtig; und wer sie nicht rechtzeitig beichtet, kommt zu allem Übel auch nicht ins Himmelreich. Wer glaubt denn so was? Die katholische Wikipedia, kathpedia.de, verdeutlicht die Lehre noch einmal, zum Beispiel im Artikel "Selbstbefriedigung": "Das kirchliche Lehramt hat in seiner langen und stets gleichbleibenden Überlieferung (...) niemals gezögert, die Selbstbefriedigung als eine in sich schwere ordnungswidrige Handlung und als Verstoß gegen die Keuschheit zu brandmarken." Realitätsferner kann im Grunde die autoerotische Entdeckung des eigenen Körpers, die eine wichtige Vorstufe zur gelingenden erwachsenen Sexualität ist, nicht aufgefasst werden.