Sie hat das Glück in eine Reihenfolge gebracht. Einer der glücklichsten Momente ihres Lebens war es demnach, als sie spät in der Nacht die Lichter Venedigs in ihrem Zugfenster aufleuchten sah, im Jahr 1960. Die Grenzen zwischen dem Osten und dem Westen Europas waren geschlossen, es war ihre erste Italienreise, und ihr Pass wurde bald wieder eingezogen. Als die ungarische Philosophin Ágnes Heller, deren Werk die Aufmerksamkeit für das mögliche Glück durchzieht, diese Episode in ihrem Buch Eine kurze Geschichte meiner Philosophie aufschrieb, war sie fast achtzig. Jemand hatte sie nach dem glücklichsten Moment gefragt, doch sie bog ab und wählte stattdessen den "fünftglücklichsten", wie sie schreibt, die Lichter Venedigs.

Im Alter von 88 Jahren dann, in ihrem autobiografischen Buch Der Wert des Zufalls, erzählt sie aber doch noch vom "glücklichsten Augenblick meines Lebens", der am 16. Januar 1945 kam. Sie war in diesem letzten Kriegswinter 15 Jahre alt, drei Mal war sie als ungarische Jüdin der Deportation und den Erschießungskommandos am Ufer der Donau nur zufällig entkommen, und zuletzt war sie im Ghetto von Budapest dem Verhungern nah, als sie plötzlich einen Soldaten über den Hof kriechen sieht, mit einem roten Stern an der Mütze. Ein Russe! Für das Mädchen bedeutete der Einmarsch der sowjetischen Armee seine zweite Geburt. Ein jüdischer russischer General schloss ihr einen Kartoffelkeller auf und eine Wohnung mit Büchern. Später erfuhr sie, dass wohl am selben Januartag ihr Vater in Auschwitz starb. Von den engen Freunden der Budapester Kindheit, wird sich bald zeigen, ist sie die Einzige, die den Mord an den Juden überlebt.

Ágnes Heller hat das vergangene totalitäre 20. Jahrhundert am eigenen Leib ausgetragen, und nun wird sie ihren 90. Geburtstag begehen: die Geschichtsphilosophin aus Mitteleuropa, die vom Kommunismus abrückte, eine Leitfigur der kritischen Linken wurde und in New York den Lehrstuhl Hannah Arendts innehatte. Den Besuch hat sie ein paar Tage zuvor per E-Mail aus ihrer zweiten Heimat New York verabredet. Um Mitternacht erst ist sie aus Amsterdam zurückgekehrt, von einem Seminar über die Geschichte der Tragödie, der literarischen Gattung. Und nun steht sie zur Teezeit in der Tür ihrer Budapester Wohnung im fünften Stock eines Neubaublocks am Donau-Ufer und ist denkbar wach. Im Gegenlicht der Nachmittagssonne wirkt Ágnes Heller noch viel kleiner und zarter, als es nach den Fotos, die es von ihr gibt, zu vermuten war, und warm ist ihr Ton: "Kommen Sie herein, bitte!"

Ein paar Schritte nur ins helle Wohnzimmer, "dort sitzen immer die Journalisten", sagt sie routiniert mit einer Geste Richtung Sofa, "nehmen Sie doch Platz", unten ist glitzernd in der Sonne die Donau zu sehen, die von einer Budapester Brücke zur nächsten fließt. Dann aber zur Sache. Augenblicklich trägt der lebendigste Redestrom, der sich nur denken lässt, die Welt mit sich fort, taucht sie in Hellers Gedanken, in ihre feine Komik, und unweigerlich schwimmt man darin für eine Weile mit fort.

Sie entscheidet, wohin im Gespräch der Gedankenstrom fließt. Von den Fragen aus biegt sie bald ab. Von Anfang an: Was ist für die Philosophin das hohe Alter, Frau Heller, so sollte das Gespräch beginnen. Mit einer der klassischen "Was-ist-Fragen" also, die Hellers Werk lange bestimmt haben, zuletzt in ihrem Buch Was ist komisch?. Sie wendet ein, diese Was-ist-Fragen seien überholt. Heute sei alles Deutung. Philosophen schüfen nicht mehr aus sich heraus eine eigene Welt, auch Derrida und Foucault, die ihr viel bedeuten, hätten doch nur Texte und Institutionen interpretiert, Wittgenstein sei der Letzte gewesen, der es anders versucht habe, und sie selbst sei in ihren jüngeren Arbeiten über die Komik, die Bibel, Europa, die autobiografische Erinnerung, nun die Tragödie geradezu wider Willen ebenfalls zur Hermeneutin geworden, die denkt, indem sie andere deutet.

Dann die Nachfrage: aber das Alter? Sie winkt ab, es ist der Rede nicht weiter wert, einfach genetisch, "nicht mein Verdienst". Wohl aber, betont sie, entscheide sie auch im Alter selbst, dass sie nicht von ihrer Vergangenheit leben wolle, sondern in einer Gegenwart, die immer neu ist, in der nichts fertig ist oder feststeht und in der alles, was geschieht, das Denken inspiriert. "Man kann die Welt nicht ohne Vorurteile verstehen, und wir verstehen sie immer aus dem Blickwinkel unserer Gegenwart." Damit ist sie auch schon bei Hegel, es hat seit der Frage nach dem Alter keine zwei Minuten gedauert: Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht die Welt vernünftig an. Diese Rationalität bleibt uns, auch wenn wir nur in die Welt geworfen sind und sich die Erkenntnistheorie erledigt hat, weil wir gefangen sind in unserer Geschichtlichkeit.

Was also zeigt sich heute, Frau Heller, in der Gegenwart? "Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Es zeigt sich nichts als die absolute Gegenwart." Seit der ungarischen Revolution von 1956, sagt die alte Dame, sei dies zum Kern ihres philosophischen Denkens geworden: "Wir leben als Reisende auf dem Bahnhof der Gegenwart. Dort stecken wir fest. Es gab wohl eine Zeit, da meinten die Reisenden, sie würden gleich einen der Eilzüge in eine glänzende Zukunft besteigen und den Bahnhof also alsbald verlassen." Doch das sei vorbei, und nicht nur, weil die Züge nach Auschwitz oder in den Gulag fuhren. Die Idee des universalen Fortschritts, die großen Marxschen Erzählungen vom künftigen Paradies, vom besseren Menschen: alles gründlich vorbei. Der Homo sapiens lasse sich nicht perfektionieren. Er sei, was er ist. Was den Reisenden auf dem Bahnhof der Gegenwart bleibe, sagt Heller, sei das Gespräch, um des Gesprächs willen.