Mehr als drei Jahre haben mehr als 400 der besten Wissenschaftlerinnen und Forscher an diesem Bericht gearbeitet. Sie haben gesammelt, sortiert, gestritten und sich schließlich darauf geeinigt, was sie am Anfang dieser Woche in Paris der Welt vorlegten: die Essenz aus 15.000 Studien in einem Bericht. Er ist die Antwort auf eine Frage, die einfach zu stellen, aber schwer zu beantworten ist: Was wissen wir weltweit über den Zustand der Arten und der Ökosysteme und über ihre Funktionen? Was bedroht sie? Und welche Maßnahmen könnten den Verlust aufhalten?

Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) heißt das Gremium der über 400 Fachleute offiziell, es wurde ins Leben gerufen von den UN nach dem Vorbild des Weltklimarats IPCC. Und so wie dieser Weltklimarat genannt wird, kann man sich den IPBES als Vielfaltsrat vorstellen und seine neue Studie, den Global Assessment Report, als Weltvielfaltsbericht.

Er stellt eine gewaltige Leistung internationaler Forschungszusammenarbeit dar und macht in dieser Woche Schlagzeilen mit der Nachricht: Noch nie, seit es Menschen auf dem Planeten gibt, ging es der Natur so schlecht wie heute. Im Vergleich zu normalen Zeiten der Erdgeschichte sterben Pflanzen- und Tierarten heute Dutzende oder sogar Hunderte Male so schnell aus.

Der Ton ist maximal nüchtern, der Inhalt maximal alarmierend: Die globalen Gemeinschaftsgüter Land, Ozeane, Atmosphäre und Biosphäre würden vom Menschen auf "beispiellose" Art und Weise verändert. Mit Genen, Arten und Lebensräumen verliere die Menschheit ihr natürliches Erbe – und ihr Sicherheitsnetz. Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Eine gigantische Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass gerade einmal 1,9 Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben sind und die unterschiedlichen Schätzungen darüber, wie viele Spezies es überhaupt gibt, zwischen acht und zehn Millionen liegen.

Verantwortlich für diesen Niedergang der Natur, daran lässt der Bericht keinen Zweifel, ist der Mensch. Die fünf wichtigsten direkten "Treiber" dieses Zerstörungswerks zählen die Forscherinnen und Forscher auf:

  • Den größten Anteil hat eine veränderte Nutzung von Land und Ozeanen. Zwei Drittel aller Meeresgebiete sind heute durch menschlichen Einfluss beeinträchtigt und sechzig Prozent der Landoberfläche. Seit dem Jahr 1992 haben sich die von Städten bedeckten Gebiete verdoppelt, außerdem werden noch immer riesige Waldgebiete abgeholzt. So zeigen jüngste Daten von Global Forest Watch, dass Brände und Rodungen 2018 zwölf Millionen Hektar Tropenwald fraßen. Das entspricht der Fläche Bayerns und Niedersachsens.
  • Die direkte Ausbeutung von Tieren und Pflanzen ist der zweitwichtigste Treiber des Verlusts. Dazu zählt etwa die Fischerei. Zahlen der Welternährungsorganisation FAO zeigen, dass 93 Prozent aller Fischbestände bis an die Grenze des Verträglichen bewirtschaftet werden oder sogar darüber hinaus. Auch Wilderei bringt Arten wie Elefanten, Schimpansen oder Jaguare an den Rand des Zusammenbruchs.
  • Parallel dazu wird der Einfluss des Klimawandels größer. Inzwischen lässt sich klar nachweisen, dass viele Arten vor ihm zurückweichen: weiter in Richtung der Pole beziehungsweise in höhere Berglagen, weil ihr ursprünglicher Lebensraum zu warm geworden ist.
  • Die Abfälle des Menschen, von Schwermetallen über Umweltgiften und Plastik bis hin zu einem Übermaß an Dünger, überlasten viele Ökosysteme.
  • Als fünften Treiber benennt der Bericht eingeschleppte Arten. Globaler Handel und Tourismus ermöglichen ihnen, sich in fremden Gebieten auszubreiten, auf Kosten der dort heimischen Spezies.

Der Report listet bereits erlittene Verluste auf und warnt davor, was künftig alles verloren zu gehen droht. So haben die Fachleute nur noch wenig Hoffnung für die Korallenriffe. Sie sind die Kinderstube vieler Fische, Schildkröten und Meeressäuger, außerdem schützen sie die Küsten vor Wellen, Stürmen und Erosion. Daher hängen viele Hundert Millionen Menschen direkt oder indirekt von Korallenriffen ab. Selbst wenn es gelingt, die Erderwärmung bis 2100 auf zwei Grad zu begrenzen (was mittlerweile als recht ehrgeiziges Ziel erscheint, da seit Beginn der Industrialisierung die globale Mitteltemperatur schon um rund ein Grad gestiegen ist), würde nur ein Prozent der Riffe überleben. Diese einzigartigen Lebensräume zerstört der Klimawandel nämlich nicht nur in Gestalt von Wärme, sondern auch durch die Versauerung der Ozeane, ausgelöst durch CO₂.

Fünf Mal in der Geschichte des Planeten hat sich die Zusammensetzung des Lebens auf der Erde schlagartig verändert, weil es ein globales Massensterben gab. Die Geologen finden Spuren davon in den Gesteinsschichten. Die bekannteste dieser Auslöschungen ist das Dinosauriersterben, ausgelöst durch einen Meteoriten-Einschlag am Ende der Kreidezeit vor rund 66 Millionen Jahren.

Diesmal sind die Menschen der Meteorit.

In den Weltmeeren gibt es über 400 sogenannte Todeszonen, die wegen Überdüngung so sauerstoffarm sind, dass dort nichts mehr lebt. Die Menge an Plastikmüll hat sich seit dem Jahr 1980 weltweit verzehnfacht. Drei Viertel der Landfläche und zwei Drittel der Meere sind deutlich vom Einfluss des Menschen gezeichnet. Er hat sich ein Drittel des Landes und drei Viertel des verbrauchten Süßwassers genommen, um Tiere zu züchten oder Landwirtschaft zu betreiben.

Erschütternd lange ließe sich diese Aufzählung fortsetzen. Und bei jedem Punkt würden die jeweiligen Experten sagen: Kennen wir! Wer dagegen vorgibt, nicht über dieses Wissen zu verfügen, hat nun schlechtere Karten: Alles liegt klar gebündelt vor, erstellt im Auftrag der Vereinten Nationen, adressiert an die Regierungen der Welt und von 130 von ihnen unterzeichnet. "Nach diesem Bericht kann niemand mehr sagen, er hätte nicht gewusst, was da passiert", sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Der Agrarbiologe ist einer von drei Co-Vorsitzenden des IPBES.