Im Anfang waren drei sibirische Wölfe, ein paar russische Bären und zwei Giraffen. Auch ein Elefantengerippe, heißt es, hätten die 65 Abgeordneten des Parlamentarischen Rats auf ihrem Weg in den überdachten Hof des Bonner Naturkunde-Museums Koenig passieren müssen. Ob die Bären, die ein Reporter entdeckte, wirklich russisch waren? Und die Wölfe, die sein Kollege erblickte, tatsächlich sibirisch – "die Lauscher aufrecht, die Seher funkelnd und die Schnauze auf einen gerissenen Hirsch gerichtet"?

Vielleicht war alles bloß gut ausgedacht. So wie die Geschichte von den zwei Giraffen, die der Eröffnungsfeier am 1. September 1948 angeblich beiwohnten, indem sie ihre Köpfe über die roten Tücher reckten, mit denen die zoologischen Ausstellungsstücke verhängt waren. Auf den Fotos vom Festakt sind sie jedenfalls nirgends zu erkennen. Zu schön aber illustriert die gern kolportierte Anekdote das Improvisierte dieses Anfangs.

Im eilig hergerichteten Lichthof des Museums Koenig – dem einzigen repräsentativen Saal dieser Größe im kriegsversehrten Bonn – versammelt sich an diesem Nachmittag viel Amt und Würde. Die Ministerpräsidenten der westzonalen Bundesländer sind da, Professoren, Unternehmer, Geistliche. Gleich im Anschluss soll der Parlamentarische Rat mit der Arbeit am Grundgesetz beginnen. Über Berlin fliegen währenddessen die Rosinenbomber der Alliierten. Auch in Bonn schaut man auf diese Stadt, die sich seit 70 Tagen in Stalins Würgegriff befindet. Wie Helden begrüßt man die fünf Berliner Abgeordneten, unter ihnen Oberbürgermeister Ernst Reuter. Sie nehmen ebenfalls am Verfassungsrat teil, aber ohne Stimmrecht, denn noch ist der Status der alten Hauptstadt ungeklärt. Während man in Bonn einen Auftakt feiert, sehen viele die Welt schon in den nächsten Abgrund taumeln.

Die Militärgouverneure der Westalliierten sind deshalb gar nicht erst erschienen. Sie wollen die Verhandlungen mit Moskau nicht gefährden und haben nachgeordnete Mitarbeiter und Verbindungsoffiziere entsandt. In ihren Uniformen blicken sie recht argwöhnisch drein auf den Bildern; Deutschland ist ein besetztes Land, neun Jahre zuvor hat die Wehrmacht mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfacht.

Bessere Deutsche als die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates könnten sich die Alliierten indes kaum wünschen. Treffend schreibt der Journalist Christian Bommarius 2009 in seiner "Biografie" des Grundgesetzes: "Wäre einige Jahre früher, bis Mai 1945, die Frage gestellt worden, wer da in Bonn zusammengekommen sei, hätte die Antwort der Mehrheit der Deutschen gelautet: Ehemalige Zuchthäusler und KZ-Häftlinge, Volks- und Staatsverräter, politisch Unzuverlässige, Defätisten und andere 'Charakterschweine'." In anderen Worten: viele erfahrene Demokraten und mehr oder weniger stille Gegner des NS-Regimes.

Elf Mitglieder des Parlamentarischen Rates saßen vor 1933 im Reichstag, 24 wurden nach Hitlers "Machtergreifung" aus ihren Ämtern entfernt oder entlassen, mehr als zwanzig waren während des "Dritten Reichs" zeitweise im Gefängnis oder in KZ-Haft, mindestens zehn leisteten Widerstand gegen das NS-Regime oder standen dem Widerstand nahe, acht gingen ins Exil. "Kaum ein Abgeordneter", resümiert der Historiker Michael Feldkamp, "blieb verschont vor machtstaatlichen Übergriffen, Denunziation und Verfolgung."

Wenn diese Deutschen eines nicht waren, dann repräsentativ für die Nachkriegsbevölkerung, die Ende der Vierzigerjahre mehrheitlich der Aussage zustimmte, der Nationalsozialismus sei "eine gute Idee", bloß "schlecht umgesetzt" gewesen.

Und wenn der Aufbruch der Jahre 1948/49 eines nicht war, dann ein Aufbruch der Jungen: Die Jungen hatten im "Tausendjährigen Reich" das Sagen gehabt. Jetzt waren die Alten dran. Im Parlamentarischen Rat ist jeder Dritte über 60, im Schnitt zählt man 55 Jahre. Die Verfasser der Bundesrepublik sind im Kaiserreich aufgewachsen, haben drei Deutschlands untergehen sehen, um nun ein viertes zu gründen. Die meisten sind Beamte, die überwiegende Mehrzahl Akademiker, fast die Hälfte Juristen. Vier Frauen sind unter ihnen, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert (beide SPD), Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrum). Selbstbewusst posieren sie 1949 für ein Foto, ein Grüppchen älterer Damen in hochgeschlossenen dunklen Kleidern. Wüsste man nicht, wann das Porträt entstanden ist, man könnte sie für Suffragetten aus der Kaiserzeit halten. Der Jüngste im Rat, der 34-jährige Kaspar Seibold (CSU), sagt laut Protokoll während der gesamten Verhandlungen nur ein einziges Wort, und zwar bei der Abstimmung. Es lautet "Nein".

Seibold ist, wie viele Mitglieder des Parlamentarischen Rates, längst vergessen. Wer kennt noch Max Reimann (KPD), Kommunist im Widerstand, Überlebender des KZs Sachsenhausen, der bis zur Zermürbung auf eine gesamtdeutsche Lösung pochte, um einen Weststaat zu vereiteln? Weiß jemand noch, wer der CSU-Mann Anton Pfeiffer war, Bayerns unentwegter Streiter für einen konsequenten Föderalismus?

Interessierten sagt Thomas Dehler (FDP) noch etwas, Justizminister unter Adenauer. Dasselbe gilt für Hans-Christoph Seebohm von der nationalkonservativen Deutschen Partei (DP), der es im Verkehrsressort zum dienstältesten Minister der Republik brachte, oder Heinrich von Brentano (CDU), Außenminister von 1955 bis 1961. Überhaupt prägen viele der Ratsmitglieder die Bonner Politik, 36 von ihnen sitzen später im Bundestag.

Wirklich im Gedächtnis geblieben aber sind nur die ganz großen Namen: Der schwäbische Liberale Theodor Heuss, der erste Präsident der neu gegründeten Bundesrepublik. Der Jurist Carlo Schmid von der SPD, der maßgeblich an der Ausformulierung des Grundgesetzes beteiligt ist. Und "der Alte" natürlich, Konrad Adenauer von der CDU, Jahrgang 1876, den die Abgeordneten 1948 zum Ratspräsidenten wählen; in seinen ersten Monaten als Kanzler wird er just dort seinen behelfsmäßigen Dienstsitz haben, wo zwischen ausgestopften Wölfen und Giraffen der Parlamentarische Rat eröffnet wurde. Alle Übrigen hält man heute summarisch und umso zärtlicher als die "Mütter und Väter des Grundgesetzes" in Erinnerung – auch wenn sie durchaus nicht aus freien Stücken zueinanderfanden.

Am 1. Juli erteilen die westlichen Militärgouverneure den elf Ministerpräsidenten ihrer Zonen im US-Hauptquartier in Frankfurts I. G.-Farben-Haus den Verfassungsauftrag. Die Stimmung: frostig. Vor allem die Franzosen trauen den Deutschen nicht über den Weg. Föderal müsse die zu schaffende Verfassung werden und demokratisch, so lautet die Frankfurter Vorgabe. Und jetzt zügig: Spätestens am 1. September soll es losgehen.