Im Glashaus

Im Anfang waren drei sibirische Wölfe, ein paar russische Bären und zwei Giraffen. Auch ein Elefantengerippe, heißt es, hätten die 65 Abgeordneten des Parlamentarischen Rats auf ihrem Weg in den überdachten Hof des Bonner Naturkunde-Museums Koenig passieren müssen. Ob die Bären, die ein Reporter entdeckte, wirklich russisch waren? Und die Wölfe, die sein Kollege erblickte, tatsächlich sibirisch – "die Lauscher aufrecht, die Seher funkelnd und die Schnauze auf einen gerissenen Hirsch gerichtet"?

Vielleicht war alles bloß gut ausgedacht. So wie die Geschichte von den zwei Giraffen, die der Eröffnungsfeier am 1. September 1948 angeblich beiwohnten, indem sie ihre Köpfe über die roten Tücher reckten, mit denen die zoologischen Ausstellungsstücke verhängt waren. Auf den Fotos vom Festakt sind sie jedenfalls nirgends zu erkennen. Zu schön aber illustriert die gern kolportierte Anekdote das Improvisierte dieses Anfangs.

Im eilig hergerichteten Lichthof des Museums Koenig – dem einzigen repräsentativen Saal dieser Größe im kriegsversehrten Bonn – versammelt sich an diesem Nachmittag viel Amt und Würde. Die Ministerpräsidenten der westzonalen Bundesländer sind da, Professoren, Unternehmer, Geistliche. Gleich im Anschluss soll der Parlamentarische Rat mit der Arbeit am Grundgesetz beginnen. Über Berlin fliegen währenddessen die Rosinenbomber der Alliierten. Auch in Bonn schaut man auf diese Stadt, die sich seit 70 Tagen in Stalins Würgegriff befindet. Wie Helden begrüßt man die fünf Berliner Abgeordneten, unter ihnen Oberbürgermeister Ernst Reuter. Sie nehmen ebenfalls am Verfassungsrat teil, aber ohne Stimmrecht, denn noch ist der Status der alten Hauptstadt ungeklärt. Während man in Bonn einen Auftakt feiert, sehen viele die Welt schon in den nächsten Abgrund taumeln.

Die Militärgouverneure der Westalliierten sind deshalb gar nicht erst erschienen. Sie wollen die Verhandlungen mit Moskau nicht gefährden und haben nachgeordnete Mitarbeiter und Verbindungsoffiziere entsandt. In ihren Uniformen blicken sie recht argwöhnisch drein auf den Bildern; Deutschland ist ein besetztes Land, neun Jahre zuvor hat die Wehrmacht mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfacht.

Bessere Deutsche als die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates könnten sich die Alliierten indes kaum wünschen. Treffend schreibt der Journalist Christian Bommarius 2009 in seiner "Biografie" des Grundgesetzes: "Wäre einige Jahre früher, bis Mai 1945, die Frage gestellt worden, wer da in Bonn zusammengekommen sei, hätte die Antwort der Mehrheit der Deutschen gelautet: Ehemalige Zuchthäusler und KZ-Häftlinge, Volks- und Staatsverräter, politisch Unzuverlässige, Defätisten und andere 'Charakterschweine'." In anderen Worten: viele erfahrene Demokraten und mehr oder weniger stille Gegner des NS-Regimes.

Elf Mitglieder des Parlamentarischen Rates saßen vor 1933 im Reichstag, 24 wurden nach Hitlers "Machtergreifung" aus ihren Ämtern entfernt oder entlassen, mehr als zwanzig waren während des "Dritten Reichs" zeitweise im Gefängnis oder in KZ-Haft, mindestens zehn leisteten Widerstand gegen das NS-Regime oder standen dem Widerstand nahe, acht gingen ins Exil. "Kaum ein Abgeordneter", resümiert der Historiker Michael Feldkamp, "blieb verschont vor machtstaatlichen Übergriffen, Denunziation und Verfolgung."

Wenn diese Deutschen eines nicht waren, dann repräsentativ für die Nachkriegsbevölkerung, die Ende der Vierzigerjahre mehrheitlich der Aussage zustimmte, der Nationalsozialismus sei "eine gute Idee", bloß "schlecht umgesetzt" gewesen.

Und wenn der Aufbruch der Jahre 1948/49 eines nicht war, dann ein Aufbruch der Jungen: Die Jungen hatten im "Tausendjährigen Reich" das Sagen gehabt. Jetzt waren die Alten dran. Im Parlamentarischen Rat ist jeder Dritte über 60, im Schnitt zählt man 55 Jahre. Die Verfasser der Bundesrepublik sind im Kaiserreich aufgewachsen, haben drei Deutschlands untergehen sehen, um nun ein viertes zu gründen. Die meisten sind Beamte, die überwiegende Mehrzahl Akademiker, fast die Hälfte Juristen. Vier Frauen sind unter ihnen, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert (beide SPD), Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrum). Selbstbewusst posieren sie 1949 für ein Foto, ein Grüppchen älterer Damen in hochgeschlossenen dunklen Kleidern. Wüsste man nicht, wann das Porträt entstanden ist, man könnte sie für Suffragetten aus der Kaiserzeit halten. Der Jüngste im Rat, der 34-jährige Kaspar Seibold (CSU), sagt laut Protokoll während der gesamten Verhandlungen nur ein einziges Wort, und zwar bei der Abstimmung. Es lautet "Nein".

Seibold ist, wie viele Mitglieder des Parlamentarischen Rates, längst vergessen. Wer kennt noch Max Reimann (KPD), Kommunist im Widerstand, Überlebender des KZs Sachsenhausen, der bis zur Zermürbung auf eine gesamtdeutsche Lösung pochte, um einen Weststaat zu vereiteln? Weiß jemand noch, wer der CSU-Mann Anton Pfeiffer war, Bayerns unentwegter Streiter für einen konsequenten Föderalismus?

Interessierten sagt Thomas Dehler (FDP) noch etwas, Justizminister unter Adenauer. Dasselbe gilt für Hans-Christoph Seebohm von der nationalkonservativen Deutschen Partei (DP), der es im Verkehrsressort zum dienstältesten Minister der Republik brachte, oder Heinrich von Brentano (CDU), Außenminister von 1955 bis 1961. Überhaupt prägen viele der Ratsmitglieder die Bonner Politik, 36 von ihnen sitzen später im Bundestag.

Wirklich im Gedächtnis geblieben aber sind nur die ganz großen Namen: Der schwäbische Liberale Theodor Heuss, der erste Präsident der neu gegründeten Bundesrepublik. Der Jurist Carlo Schmid von der SPD, der maßgeblich an der Ausformulierung des Grundgesetzes beteiligt ist. Und "der Alte" natürlich, Konrad Adenauer von der CDU, Jahrgang 1876, den die Abgeordneten 1948 zum Ratspräsidenten wählen; in seinen ersten Monaten als Kanzler wird er just dort seinen behelfsmäßigen Dienstsitz haben, wo zwischen ausgestopften Wölfen und Giraffen der Parlamentarische Rat eröffnet wurde. Alle Übrigen hält man heute summarisch und umso zärtlicher als die "Mütter und Väter des Grundgesetzes" in Erinnerung – auch wenn sie durchaus nicht aus freien Stücken zueinanderfanden.

Am 1. Juli erteilen die westlichen Militärgouverneure den elf Ministerpräsidenten ihrer Zonen im US-Hauptquartier in Frankfurts I. G.-Farben-Haus den Verfassungsauftrag. Die Stimmung: frostig. Vor allem die Franzosen trauen den Deutschen nicht über den Weg. Föderal müsse die zu schaffende Verfassung werden und demokratisch, so lautet die Frankfurter Vorgabe. Und jetzt zügig: Spätestens am 1. September soll es losgehen.

Es gab keine "Stunde null"

Die Parteien stellen die Kandidaten für die Konstituante auf, gewählt werden sie von den Länderparlamenten. Eilig, um die alliierte Frist einzuhalten, beruft man vorab noch einen Fachkonvent ein, der, abgeschieden von Nachkriegsnöten, in einem ehemaligen Klostergebäude auf der Insel Herrenchiemsee den ersten Entwurf einer Verfassung formuliert. Am 23. August ist er fertig – und der Weg nach Bonn ist frei.

Nach Bonn, so haben es die Ministerpräsidenten zuvor beschlossen, weil die Stadt trotz Schäden genügend Unterkünfte anzubieten versprach. Allzu lange, denkt man, wird die Sache ohnehin nicht dauern. Weihnachten, heißt es, sind wir wieder zu Hause.

Aber es dauert. Die "Väter und Mütter" brauchen fast neun Monate, um ihr Kind zur Welt zu bringen. In der Pädagogischen Akademie am Rhein beraten sie immer von Dienstag 15 Uhr bis Freitagmittag, damit noch Zeit bleibt für die Familie und für andere parlamentarische und berufliche Pflichten. Am 23. Mai 1949 wird das Grundgesetz, 146 Artikel lang, in einem Festakt signiert. Ein Provisorium sollte es sein. Es ist eine Schöpfung auf Dauer geworden: erstritten von Eltern, die einander nicht liebten, mitunter Gegner waren, wenn auch niemals Feinde; die mit Spott nicht sparten, aber nie in den Hetzton verfielen, der in Deutschland zwölf Jahre lang geherrscht hatte.

14 voluminöse Bände füllen die Akten und Protokolle des Parlamentarischen Rates. Das Ergebnis von Ausschüssen und nochmals Ausschüssen, von Lesungen und Sitzungen – erstellt, vervielfältigt und verteilt von einem ganzen Apparat an Zuarbeitern und Helfern, Stenografen und Bürokräften. Sie zählen vielleicht nicht zu den "Müttern und Vätern" der Verfassung, aber waren zweifelsohne deren Geburtshelfer. Die Fotografin Erna Wagner-Hehmke, die das Entstehen des Grundgesetzes begleitete, verewigte sie, wie die Ratsmitglieder, in elegantem Schwarz-Weiß: vor papiergefüllten Ablagen, in kargen Büros, an wuchtigen Fernschreibern und formschönen schwarzen Telefonen. Die Fahrer der Abgeordneten spielen Karten; im Restaurant der Pädagogischen Akademie sind die Tische weiß gedeckt.

Draußen, in den Städten und Dörfern des besiegten, besetzten, befreiten Restdeutschlands, haben die Menschen Hunger. Nicht nur nach Kultur, nach Licht und neuem Leben – es herrscht selbst nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 immer wieder Nahrungsknappheit. In den Straßen liegen nach wie vor Trümmer. Bonns Studenten hausen in Bunkern. Die Proteste gegen überhöhte D-Mark-Preise gipfeln in einem Generalstreik. Von einem "Wirtschaftswunder" spricht noch niemand, frühestens in den Achtzigerjahren, lautet eine Prognose, werde man wieder Vorkriegsniveau erreichen. Aus Osteuropa drängen unterdessen mehr als zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in das Land, das einmal Deutschland war und dessen Fortexistenz nach 1945 eine knifflige Frage für Staatsrechtler geworden ist. Die Deutschen, sie seien "erlöst und vernichtet in einem", so fasst es Theodor Heuss in Worte.

Wie konnte unter solchen Umständen eine Verfassung wie das Grundgesetz entstehen? Als "Sternstunde", als "Wunder" ist es oft gerühmt worden. Fast als seien höhere Mächte im Spiel gewesen. Schöne Elogen sind das. Doch klingen sie zu sehr nach einer "Stunde null". Als sei das Grundgesetz in genialischer Eingebung aus dem Nichts heraus erschaffen worden.

Doch so war es nicht. Es gab keine "Stunde null" – nicht nur, weil die Deutschen anders als die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates in ihrer Mehrheit keine Nazi-Gegner waren. Sondern auch, weil die Demokratie 1948 nicht bei null beginnen musste. Das Grundgesetz hatte nicht nur einen, sondern viele Anfänge, nicht nur Mütter und Väter, sondern auch Großmütter und Großväter.

Im Anfang war Weimar

Januar 1919: Die Throne sind gestürzt, in Versailles beginnt die große Konferenz der Sieger, in Deutschland wird gewählt. Erstmals dürfen Deutschlands Bürger, nun keine Untertanen mehr, ein Parlament bestimmen, das ihnen eine freiheitliche Ordnung gibt. Und erstmals sind die Frauen mit dabei. Lange Schlangen vor den Wahllokalen, die Zukunft ist offen.

Anders als nach 1945 verfallen die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg nicht in Apathie; sie sind besiegt, aber nicht besetzt oder gar "vernichtet", und so feiern die einen das glücklich Erreichte, während sich andere nach Kaiser und Krone zurücksehnen; so kämpfen die einen für ein sozialistisches Morgen und die anderen für ein nationalrevolutionäres Übergestern. Im Februar tritt die verfassunggebende Versammlung zusammen – im lichten Weimar, nicht im preußischen Berlin.

Viele von jenen, die 30 Jahre später im Parlamentarischen Rat sitzen, sind Zeugen dieses Neubeginns: Der Journalist und spätere Reichstagsabgeordnete Theodor Heuss begrüßt die Revolution skeptisch, um die Republik dann umso entschiedener zu verteidigen (wenngleich er 1933 mit seiner Fraktion für das Ermächtigungsgesetz stimmt). Konrad Adenauer ist seit zwei Jahren Oberbürgermeister von Köln – und wird es bleiben, bis die Nazis ihn im März 1933 aus dem Amt jagen. Zwei Väter und eine Mutter des Grundgesetzes, Wilhelm Heile von der Deutschen Partei, der Sozialdemokrat Paul Löbe und die Christdemokratin Helene Weber, gehören sogar der Nationalversammlung an.

Am 11. August 1919 ist deren Werk vollbracht: Die Weimarer Verfassung macht das Volk zum Souverän, den Präsidenten, vom Volk gewählt, zum starken Mann und überträgt dem Parlament die demokratische Verantwortung. So soll der Übergang gelingen vom Reich zur Republik.

Bonn wurde nicht Weimar

Man hat diese Verfassung viel gelobt und viel gescholten. Kurt Tucholsky wollte den 11. August zum Feiertag erheben, mit Volksfest im Lustgarten, der SPD-Politiker Eduard David frohlockte, Deutschland sei "fortan die demokratischste Demokratie der Welt". Im Nachhinein erspähte allerdings mancher im Verfassungstext schon den Anfang vom Ende 1933. War das wirklich so? Diese Frage bewegt den Bonner Rat wie kaum eine andere.

Welch Ironie, dass dieser Rat ausgerechnet in einem weimarianischen Gehäuse tagt! Die Pädagogische Akademie in Bonn wurde zu Beginn der Dreißigerjahre im Bauhaus-Stil errichtet: nüchterne Linien, eine hohe Fensterfront zum Rhein, ein Glashaus mit Tischen und Bänken. Da sitzen sie wie in der Schule, die "Väter und Mütter", um aus der Geschichte zu lernen.

70 Jahre später sind diese Lehren ein Katalog von Selbstverständlichkeiten: Der Präsident ist nur mehr Präsentant, um einen zweiten Hindenburg zu verhindern. Die Fünfprozentklausel (festgeschrieben, zunächst auf Landesebene, im Wahlgesetz vom 15. Juni 1949) beugt der "Zersplitterung der Parteienlandschaft" vor, das konstruktive Misstrauensvotum destruktiven Blockaden. Gestärkt gehen Parlament und Kanzler aus der Geschichte hervor.

Direkte Demokratie? Lieber nicht. Wer traut schon, kurz nach 45, dem "Volk"? Helene Wessel und einige wenige andere fordern plebiszitäre Elemente, wie es sie in Weimar gab. Die Mehrheit sieht es wie Theodor Heuss, der Volksabstimmungen für eine "Prämie für jeden Demagogen" hält, wobei gewiss auch Angst vor kommunistischen Verführern im Spiel ist.

"Wehrhaft", das vor allem soll die neue Demokratie sein. Notfalls müsse man, wie Carlo Schmid den Abgeordneten zuruft, "den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen".

Man konnte das aber auch alles ganz anders sehen. "Was schaffen wir hier anderes als das Wiederaufleben einer todkranken Demokratie?", wettert der konservative Liberale Thomas Dehler im Januar 1949. Er sieht – und damit ist er nicht allein – im Parlamentarismus selbst das Übel und empfiehlt statt Reparaturen am Falschen ein Präsidialsystem als das einzig Richtige. Theodor Heuss, sonst stets auf Ausgleich bedacht, entgegnet scharf: "Heute ist modern geworden, [...] von der Weimarer Verfassung gering zu reden. Das ist so ein bisschen noch die Suggestion der Hitlerpropaganda, (Lebhafte Zurufe: sehr richtig!) [...]."

Keineswegs ist 1949 ausgemacht, was aus der Vergangenheit zu lernen sei. Eindrücklich führt der Historiker Sebastian Ullrich dies in seinem Buch Der Weimar-Komplex vor Augen. Die Angst vor einer Wiederholung der Geschichte feite nicht davor, die Demokratie mit denselben Mitteln kurieren zu wollen, die sie eben noch zum Tode befördert hatten: Parteienfeindlichkeit und Antiparlamentarismus. Hätte das Grundgesetz also auch anders ausfallen können? Schon möglich. Eine Dehlersche Präsidialverfassung allerdings hätte wohl ebenso wenig die Zustimmung der Alliierten gefunden wie die sozialdemokratische Idee einer "Wirtschaftsdemokratie", eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Nein, Bonn wurde nicht Weimar. Im Bonner Grundgesetz aber steckt mehr Weimar, als damals vielen lieb war – und als die heute verbreitete Annahme erahnen lässt, das Grundgesetz sei in erster Linie ein Gegenmodell zur Verfassung von 1919. Tatsächlich sind die Kontinuitäten mindestens so ausgeprägt wie die Brüche. Und nicht nur Weimar lebt im Grundgesetz fort, auch Frankfurt. Und natürlich Paris.

Im Anfang war die Revolution

26. August 1789: "Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es." Der Freiheitsruf der Französischen Revolution hallt durch das gesamte 19. Jahrhundert, auch durch das deutsche, das so reich ist an Unfreiheit und Unterdrückung, an Untertanengeist und Machtvergötzung. Im Parlamentarischen Rat hat man das nicht vergessen, zumal es 1948/49 genau hundert Jahre her ist, dass ein deutsches Parlament erstmals eine demokratische Verfassung schuf, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main.

Natürlich hatte die Paulskirchenverfassung den Makel, nie in Kraft getreten und letztlich dem Königtum verhaftet geblieben zu sein. Ihr Grundrechte-Teil jedoch ist auch 1948 noch auf der Höhe der Zeit. Zensur und Todesstrafe sind abgeschafft. Vor allem aber sieht sie, anders als die Verfassung Weimars, eine Art Verfassungsgericht vor, um die Grundrechte zu schützen. In Bonn setzt man diese Idee mit zwei Weltkriegen Verspätung in die Tat um. Pate steht der amerikanische Supreme Court.

Rasch wird man sich einig über einen herausgehobenen Platz für die Grundrechte (im Gegensatz zur Weimarer Verfassung, wo diese eine Art Anhang waren) und über deren Verbindlichkeit als unmittelbar geltendes Recht (was auch in Weimar schon der Fall war). Für vieles weitere weist das Thesenpapier des Herrenchiemseer Konvents den Weg. "Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen", lautet Artikel 1 des Entwurfs vom August 1948. Richtig, aber was für ein "Saudeutsch", findet Heuss. Tatsächlich ist es so viel schöner: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Auch dieser Satz ist eine Revolution. Ein derart klares Bekenntnis zur Menschenwürde hat es in Deutschland noch in keiner Verfassung gegeben. In den konstitutionellen Fürstenstaaten des 19. Jahrhunderts wurden die Menschen- und Bürgerrechte, wenn überhaupt, gnädig von oben gewährt. Nun verpflichten sie den Staat und weisen ihn in die Schranken. Den "Schlussstein im Scheitelpunkt des Grundrechtsgewölbes" nennt der Politologe Karlheinz Niclauß deshalb den Artikel 1 GG. Er krönt das Grundgesetz nicht bloß, er hält es zusammen.

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt"

Die übrigen Steine zu setzen war nicht immer leicht. Über die Abschaffung der Todesstrafe (Artikel 102) diskutiert man, während in Mainz schon die Guillotine zur Enthauptung einer Kindsmörderin geordert ist und man in Köln das Todesurteil für eine "Giftmischerin" erwartet. Beide Frauen werden ihren Kopf behalten.

Das uneingeschränkte Asylrecht (Artikel 16) verteidigen der CDU-Abgeordnete Hermann von Mangoldt und der Sozialdemokrat Carlo Schmid gemeinsam gegen Einwände.

Und dann ist da noch der schlichte, schöne Satz, den Friederike Nadig einbringt, "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" (Artikel 3) – ein Satz, an dem bis heute abzulesen ist, dass die tragenden Aussagen der Grundrechtsnormen nicht beschreiben, in welcher Verfassung das Land ist, sondern in welcher es sein soll. Die Mehrheit im Rat ist jedenfalls erst mal dagegen: Wo käme man hin? Soll man am Ende das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 umschreiben, das in so vielen Paragrafen das Weib dem Manne unterwirft?

Darauf läuft es hinaus – dank einer Frau, die sich selbst weder als radikal noch als feministisch empfand und deren Einzug in den Parlamentarischen Rat von missgünstigen Parteikollegen 1948 um ein Haar vereitelt worden wäre: Elisabeth Selbert, SPD, die Verfasserin des von Nadig beantragten Gleichberechtigungs-Artikels.

"Die Frau, die während der Kriegsjahre auf den Trümmern gestanden und den Mann an der Arbeitsstelle ersetzt hat, hat heute einen moralischen Anspruch darauf, so wie der Mann bewertet zu werden", sagt sie Anfang Dezember im Hauptausschuss. Niemand, wirklich niemand will dem widersprechen. Zumal Frauen nach dem Krieg eine diskriminierte Mehrheit sind: Auf 100 männliche Wähler kommen 170 weibliche, rechnet Selbert ihren Zuhörern genüsslich vor. Die stimmen – ein zweites Mal dagegen.

Wenig später quillt die Poststelle des Rates über: Mehrere Tausend Eingaben aus der Bevölkerung erreichen die Akademie. Wochenlang ist Elisabeth Selbert durch die Nochnichtrepublik gereist und hat Frauen zum Protest aufgerufen. Ein "männermordender Streit", beschwert sich Thomas Dehler. Doch am 18. Januar 1949 ist es geschafft. Der Hauptausschuss, erst vielstimmig dagegen, ist jetzt einstimmig für die unbeschränkte Gleichberechtigung.

Einen größeren Skandal verursacht nur der Zank um das Elternrecht in Artikel 7, den sie in Bonn die "böse Sieben" nennen. Mehr als 20.000 Zuschriften füllen am Ende einen ganzen Schrank in der Pädagogischen Akademie, und der Bischof von Münster droht, die Deutschen dazu aufzurufen, gegen das Grundgesetz zu stimmen, wenn es zum Referendum käme.

Worum es ging? Die Kirchen verlangen vom Staat, Bekenntnisschulen zu fördern, damit Eltern in freier Wahl über die Erziehung ihrer Kinder entscheiden können. In der konfessionell tief gespaltenen Nachkriegsgesellschaft rechnen die Kirchenoberen mit großem Zulauf zu katholischen und evangelischen Schulen und spekulieren auf die Hoheit in Bildungsfragen.

Geklappt hat es nicht. Folgen hatte die Sache gleichwohl: den verpflichtenden Religionsunterricht an staatlichen Schulen etwa (ein konfessionell gespaltenes Schulsystem will nicht zuletzt Theodor Heuss mit Blick auf die Integration von Millionen Flüchtlinge aus den einstigen Ostgebieten vermeiden). Und einen über Wochen zerstrittenen Rat, der seine Kraft eigentlich für anderes benötigt – vor allem für die heikle Frage, wie die Kompetenzen zwischen Bund und Ländern aufzuteilen seien.

Heikel ist sie, weil sie von Anfang an auch mit den Alliierten ausgefochten wird, unter deren Vorbehalt das Grundgesetz steht. Mehr als einmal drohen die Beratungen zu scheitern.

Im Anfang war der Kalte Krieg

Potsdam, im Juli 1945: Auf der Terrasse von Schloss Cecilienhof haben der britische Premier Winston Churchill, der amerikanische Präsident Harry S. Truman und Josef Stalin Platz genommen. Dessen Sessel ist ein Stückchen abgerückt von denen der Verbündeten. Unbewegte Mienen. Noch einmal will man Einigkeit demonstrieren. Zu erkennen ist aber das beginnende Zerwürfnis.

In den kommenden Jahren findet im Westen zusammen, was zusammengehört: Aus der Bizone (1947) wird die Trizone (1948), im Kleinen keimt das politische Leben und wächst von unten nach oben. Die Länder geben sich Verfassungen, die Westdeutschen wählen ihre Landtage. Der Ostteil gerät unterdessen unter sowjetisches Diktat, und im Vier-Mächte-Berlin spitzt sich die Konfrontation zu. Als die Westzonen die D-Mark einführen, erhebt sich der "russische Bär", blitzt es in den Augen der "sibirischen Wölfe". Stalin lässt die Stadt abriegeln. Die erste große Krise des Kalten Krieges.

"Grundgesetz" statt Verfassung

Kurz zuvor haben die Außenminister der Westalliierten und der Beneluxländer in London konferiert und sich auf die Gründung eines deutschen Staates verständigt. Am 1. Juli folgt die Einladung der Ministerpräsidenten aus den drei Westzonen ins US-Hauptquartier in Frankfurt.

Zwei Entwicklungen treffen nun aufeinander: das Auseinanderdriften von Ost und West und der politische Neubeginn in den Westzonen. Unter den Ministerpräsidenten herrscht deshalb nicht nur Aufbruchstimmung. Sie wissen: Mit jedem weiteren Schritt bewegen sie sich auf etwas zu, wofür sie nicht zur Verantwortung gezogen werden wollen – die deutsche Teilung.

Schon der Wortlaut der Frankfurter Dokumente behagt ihnen nicht. Eine "Nationalversammlung" soll es geben, die eine "Verfassung" beschließt? Das klingt zu sehr nach vollendeten Tatsachen, wo sie doch höchstens ein "Staatsfragment", ein Deutschland in Anführungszeichen gründen wollen. Wie wäre es also mit "Parlamentarischer Rat"? Und statt Verfassung mit "Grundgesetz"? Letzteres schlägt Hamburgs Erster Bürgermeister Max Brauer vor. Die Alliierten sind konsterniert. Am Ende aber lenken sie ein.

Das Kräftemessen zieht sich bis ins Frühjahr 1949. Gewiss: Die Alliierten geben die Generallinie für das Grundgesetz vor. Etliche Abgeordnete des Parlamentarischen Rats werden deshalb von anonymen Anrufern als "Knechte der Alliierten" beschimpft, einige erhalten sogar Morddrohungen. Doch wer meint, es handle sich beim Grundgesetz um eine oktroyierte Verfassung, der leugnet das Offensichtliche: wie beharrlich der Parlamentarische Rat immer wieder gegen Vorgaben der Militärgouverneure opponiert. Diesen Deutschen muss kein Amerikaner, kein Brite, kein Franzose beibringen, was Demokratie heißt. Mit dem Selbstbewusstsein erfahrener Parlamentarier schöpfen sie alle Spielräume aus.

"Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben" – diese Devise hat Walter Ulbricht für die Ostzone ausgegeben. Im Westen ist es umgekehrt: Es geht demokratisch zu, aber alle Seiten müssen aufpassen, dass nicht der gegenteilige Eindruck entsteht.

Natürlich versuchen die Verbindungsoffiziere der Alliierten, die Abgeordneten zu beeinflussen. "We observe them, then we cocktail them, dine them and lunch with them", verrät der US-Offizier Anthony F. Pabsch einem Journalisten. Einige Abgeordnete kommen nach ein paar Gläschen ins Erzählen. Andere, wie Theodor Heuss, kommen zur Enttäuschung der Gastgeber bloß ins Philosophieren. Zur Sicherheit hören die Alliierten deshalb zusätzlich die Telefone von Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD ab.

Ende 1948 wird ihnen daher nicht entgangen sein, wie heftig sich der Rat über die zu schaffende Bundesarchitektur entzweit hat. Die süddeutschen Konservativen wollen eine radikal föderale Ordnung, vor allem die Bayern unter Anton Pfeiffer pochen auf maximale Eigenständigkeit. Der Adenauer-Flügel ist für etwas mehr Zentralismus, die SPD für sehr viel mehr. Über nichts ist man sich einig: Wie viele Kompetenzen soll der Bund in Gesetzgebung und Finanzverwaltung erhalten? Und wie soll die zweite Kammer aussehen? Ein Bundesrat, der den Parteienproporz der Länder abbildet? Ein gewählter Senat? Wie wäre es mit einer Mischung aus beidem? Oder mit drei Kammern?

Ende November intervenieren die Alliierten und legen in deutlichen Worten dar, was sie wollen: einen westdeutschen Staat, aber, nach der Kriegserfahrung, keinen mit allzu starker Zentralgewalt. Die Finanzhoheit soll im Kern bei den Ländern bleiben. Am rigorosesten sind die Franzosen, am mildesten gestimmt die Briten. Die Deutschen müssen nachsitzen. Und streiten weiter.

Als Ratspräsident Konrad Adenauer wenig später eigenmächtig Kontakt zu den Militärgouverneuren in Frankfurt aufnimmt, um die Abstimmung zu beschleunigen, stürzt der Parlamentarische Rat in seine tiefste Krise. Wollte Adenauer die Gouverneure hinter dem Rücken der Abgeordneten zu Schiedsrichtern berufen, um interne Konflikte in seinem Sinn klären zu lassen?

Noch Jahre später haftet ihm das böse Wort vom "Kanzler der Alliierten" an. Anfang 1949 aber glätten sich die Wogen zunächst, und in Bonn findet man eine Lösung, die im Wesentlichen dem entspricht, was bis heute im Grundgesetz steht. Allein, die Alliierten sagen abermals no und non – und drohen im März mit der Auflösung des Parlamentarischen Rates. Jetzt geht es nicht mehr vor noch zurück. Die Zeit aber arbeitet im Kalten Krieg für die Deutschen: Im April vereinbaren die westlichen Außenminister in Washington, den Grundgesetzentwurf, von kleinen Korrekturen abgesehen, so anzunehmen, wie er ist. Hauptsache, die deutsche Frage ist erst einmal entschieden – wenn auch nicht gelöst. Ebenfalls im April wird den Deutschen das Besatzungsstatut überreicht, das die Verfassung flankieren wird und klarstellt: Noch regiert sich die Bundesrepublik nicht allein.

Die "Mütter und Väter" gehen nun in die letzte Runde und gründen, was sich zunächst keiner von ihnen zu wollen traute: einen Weststaat, der nur das halbe Deutschland ist, aber doch die ganze Republik. Es gehört zu den Paradoxien des Grundgesetzes, dass seine Eltern es zwar als vorläufig begriffen, ihm aber zugleich eine Ewigkeitsklausel beigaben – in Artikel 79, zur Garantie der wichtigsten Grundsatzentscheidungen.

In einem Referendum, wie es sich die Alliierten wünschen, wollen sie ihr Werk allerdings nicht zur Wahl stellen: Wo es keinen vollendeten Nationalstaat gibt, soll sich auch keine Nation konstituieren. Das werde man, heißt es, nachholen, wenn Deutschland wieder ein einig Vaterland sei.

"Eine Demokratie ohne Demokraten"

Abgestimmt wird zuerst im Parlamentarischen Rat. Um buchstäblich fünf vor zwölf am 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes, steht das Ergebnis fest: 53-mal "Ja", zwölfmal "Nein". Vier Tage später endet – nach fast elf Monaten und 270.000 Hilfsflügen – die Berliner Blockade, und die Militärgouverneure erteilen ihr Plazet.

Abgestimmt wird sodann, vom 18. bis zum 21. Mai, in den Landtagen. Zehnmal "Ja", einmal "Nein". Das Nein kommt aus Bayern, aber es ist kein bedingungsloses. Sollten zwei Drittel der übrigen Länder das Grundgesetz annehmen, so sei das "Nein", herrje: ein "Ja".

23. Mai 1949: Verkündung, Unterzeichnung in der Pädagogischen Akademie. 65-mal werden die Füllfederhalter in das prunkvolle Tintenfass aus dem Kölner Ratssilber getunkt; Konrad Adenauer hat es eigens herbeischaffen lassen. Der Organist stimmt Motive der Nationalhymne an, doch Vorsicht, man sitzt im Glashaus. Carlo Schmid befiehlt eilig Händel statt Haydn. Zum Schluss steht man auf und singt unverfänglich das alte patriotische Bekenntnislied Ich hab mich ergeben.

So fängt sie an, die Bundesrepublik.

Im Anfang war das Wort

Doch im Anfang will es keiner hören.

"Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben."

Ein Präambelsatz, der nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil hier, wohl einzigartig in einem Verfassungstext, das Nationale schon transzendiert wird Richtung Europa, sondern weil man ihn lesend hören kann. Ein bisschen pastoral klingt er. Auf jeden Fall nicht wie Juristenprosa. Vielleicht ist er ja von jener "heiligen Nüchternheit" erfüllt, die Theodor Heuss sich mit Hölderlin für die Arbeit am Grundgesetz gewünscht hat.

Die ernüchterten Deutschen quälen andere Fragen: woher Wohnraum, woher Kleidung, woher zu essen nehmen? Bewegt hat sie nicht besonders, was da in Bonn vor sich ging, auch wenn sie hier und da zu mobilisieren waren – für die Rechte der Frauen, für das Elternrecht. Jenseits davon erreichen den Rat kaum Eingaben: Die Hauptstelle der Männer-Seelsorge der deutschen Diözesen bittet um "Verankerung der Sonntagsruhe in der Verfassung", der Bund der Hotelangestellten in Uelzen möchte den Kellnerberuf als Handwerk anerkannt wissen, ein Herr aus Holtorf wünscht sich die "Unantastbarkeit der Offiziers-Ehre" als Bürgerrecht.

Von Allensbach befragt, geben im März 1949 40 Prozent der Westbürger an, die künftige Verfassung sei ihnen "gleichgültig". Und hätten sie die Verhandlungen mitverfolgt, wären sie auch mit dem Ergebnis nicht einverstanden gewesen. Nur 23 Prozent wünschen sich damals ein starkes Parlament, 41 dagegen sind für einen möglichst mächtigen Präsidenten. Noch Mitte der Fünfzigerjahre, als das Besatzungsstatut endet, geben 51 Prozent der Bundesbürger zu: "Kenne die Verfassung nicht". Wäre das anders gewesen, hätte man die Deutschen 1949 abstimmen lassen? Oder war es gerade eine weise Idee, sie nicht zu befragen?

Skeptisch, skeptisch auch die Presse. Regelmäßig berichtet der Spiegel aus Bonn. Ende Mai beschreibt er die Verfassungsinhalte in distanziertem Ton; die Bedeutung des Moments wird ausschließlich in Zahlen gewogen: Während der Parlamentarische Rat, "PR" genannt, in den "profanen Hallen" der Akademie "amtete", seien "an deren Breitseite schätzungsweise 2,85 Milliarden Kubikmeter Wasser rheinabwärts" geflossen.

Wie viel der "PR-Restaurateur" verdient hat, wie hoch der Benzinverbrauch der Fahrerflotte pro Monat war: Die ZEIT ist an solcher Reporter-Statistik nicht interessiert. Sie treiben staatsmännische Bedenken um: "Das Bonner Grundgesetz ist kein Werk schöpferischer Phantasie", stellt der stellvertretende Chefredakteur Ernst Friedlaender am 19. Mai ein wenig herablassend unter der Titelzeile "Und neues Leben blüht aus den Ruinen" fest – "aber geben wir diesem Gesetz und denen, die es handhaben werden, zunächst einmal eine Bewährungsfrist!"

Die Aussichten schienen damals vielen nicht die besten zu sein: "Heute ist Deutschland etwas sehr Unglückliches", heißt es etwa, besonders düster, in der Deutschen Rundschau. "Es ist so komisch und so tragisch wie das Deutschland von Weimar: eine Demokratie ohne Demokraten." Im Rückblick mögen solche Sätze befremden. Dabei offenbaren sie eine gern verdrängte Wahrheit: wie gefährdet, wie zerbrechlich dieser Bonner Anfang war, dem selbst so viele Anfänge innewohnten. Die westdeutsche Geschichte nach 1949 war – das sagt sich heute leicht – eine "Erfolgsgeschichte". Doch nicht alles, was gelang, musste gelingen. Jahre und Jahrzehnte dauerte es, bis die Bundesrepublik im Geist ihrer Verfassung zu einer Demokratie mit Demokraten wurde. Sie war es nicht von Anfang an. Sie bleibt es nicht von selbst.