Man hat diese Verfassung viel gelobt und viel gescholten. Kurt Tucholsky wollte den 11. August zum Feiertag erheben, mit Volksfest im Lustgarten, der SPD-Politiker Eduard David frohlockte, Deutschland sei "fortan die demokratischste Demokratie der Welt". Im Nachhinein erspähte allerdings mancher im Verfassungstext schon den Anfang vom Ende 1933. War das wirklich so? Diese Frage bewegt den Bonner Rat wie kaum eine andere.

Welch Ironie, dass dieser Rat ausgerechnet in einem weimarianischen Gehäuse tagt! Die Pädagogische Akademie in Bonn wurde zu Beginn der Dreißigerjahre im Bauhaus-Stil errichtet: nüchterne Linien, eine hohe Fensterfront zum Rhein, ein Glashaus mit Tischen und Bänken. Da sitzen sie wie in der Schule, die "Väter und Mütter", um aus der Geschichte zu lernen.

70 Jahre später sind diese Lehren ein Katalog von Selbstverständlichkeiten: Der Präsident ist nur mehr Präsentant, um einen zweiten Hindenburg zu verhindern. Die Fünfprozentklausel (festgeschrieben, zunächst auf Landesebene, im Wahlgesetz vom 15. Juni 1949) beugt der "Zersplitterung der Parteienlandschaft" vor, das konstruktive Misstrauensvotum destruktiven Blockaden. Gestärkt gehen Parlament und Kanzler aus der Geschichte hervor.

Direkte Demokratie? Lieber nicht. Wer traut schon, kurz nach 45, dem "Volk"? Helene Wessel und einige wenige andere fordern plebiszitäre Elemente, wie es sie in Weimar gab. Die Mehrheit sieht es wie Theodor Heuss, der Volksabstimmungen für eine "Prämie für jeden Demagogen" hält, wobei gewiss auch Angst vor kommunistischen Verführern im Spiel ist.

"Wehrhaft", das vor allem soll die neue Demokratie sein. Notfalls müsse man, wie Carlo Schmid den Abgeordneten zuruft, "den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen".

Man konnte das aber auch alles ganz anders sehen. "Was schaffen wir hier anderes als das Wiederaufleben einer todkranken Demokratie?", wettert der konservative Liberale Thomas Dehler im Januar 1949. Er sieht – und damit ist er nicht allein – im Parlamentarismus selbst das Übel und empfiehlt statt Reparaturen am Falschen ein Präsidialsystem als das einzig Richtige. Theodor Heuss, sonst stets auf Ausgleich bedacht, entgegnet scharf: "Heute ist modern geworden, [...] von der Weimarer Verfassung gering zu reden. Das ist so ein bisschen noch die Suggestion der Hitlerpropaganda, (Lebhafte Zurufe: sehr richtig!) [...]."

Keineswegs ist 1949 ausgemacht, was aus der Vergangenheit zu lernen sei. Eindrücklich führt der Historiker Sebastian Ullrich dies in seinem Buch Der Weimar-Komplex vor Augen. Die Angst vor einer Wiederholung der Geschichte feite nicht davor, die Demokratie mit denselben Mitteln kurieren zu wollen, die sie eben noch zum Tode befördert hatten: Parteienfeindlichkeit und Antiparlamentarismus. Hätte das Grundgesetz also auch anders ausfallen können? Schon möglich. Eine Dehlersche Präsidialverfassung allerdings hätte wohl ebenso wenig die Zustimmung der Alliierten gefunden wie die sozialdemokratische Idee einer "Wirtschaftsdemokratie", eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Nein, Bonn wurde nicht Weimar. Im Bonner Grundgesetz aber steckt mehr Weimar, als damals vielen lieb war – und als die heute verbreitete Annahme erahnen lässt, das Grundgesetz sei in erster Linie ein Gegenmodell zur Verfassung von 1919. Tatsächlich sind die Kontinuitäten mindestens so ausgeprägt wie die Brüche. Und nicht nur Weimar lebt im Grundgesetz fort, auch Frankfurt. Und natürlich Paris.

Im Anfang war die Revolution

26. August 1789: "Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es." Der Freiheitsruf der Französischen Revolution hallt durch das gesamte 19. Jahrhundert, auch durch das deutsche, das so reich ist an Unfreiheit und Unterdrückung, an Untertanengeist und Machtvergötzung. Im Parlamentarischen Rat hat man das nicht vergessen, zumal es 1948/49 genau hundert Jahre her ist, dass ein deutsches Parlament erstmals eine demokratische Verfassung schuf, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main.

Natürlich hatte die Paulskirchenverfassung den Makel, nie in Kraft getreten und letztlich dem Königtum verhaftet geblieben zu sein. Ihr Grundrechte-Teil jedoch ist auch 1948 noch auf der Höhe der Zeit. Zensur und Todesstrafe sind abgeschafft. Vor allem aber sieht sie, anders als die Verfassung Weimars, eine Art Verfassungsgericht vor, um die Grundrechte zu schützen. In Bonn setzt man diese Idee mit zwei Weltkriegen Verspätung in die Tat um. Pate steht der amerikanische Supreme Court.

Rasch wird man sich einig über einen herausgehobenen Platz für die Grundrechte (im Gegensatz zur Weimarer Verfassung, wo diese eine Art Anhang waren) und über deren Verbindlichkeit als unmittelbar geltendes Recht (was auch in Weimar schon der Fall war). Für vieles weitere weist das Thesenpapier des Herrenchiemseer Konvents den Weg. "Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen", lautet Artikel 1 des Entwurfs vom August 1948. Richtig, aber was für ein "Saudeutsch", findet Heuss. Tatsächlich ist es so viel schöner: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Auch dieser Satz ist eine Revolution. Ein derart klares Bekenntnis zur Menschenwürde hat es in Deutschland noch in keiner Verfassung gegeben. In den konstitutionellen Fürstenstaaten des 19. Jahrhunderts wurden die Menschen- und Bürgerrechte, wenn überhaupt, gnädig von oben gewährt. Nun verpflichten sie den Staat und weisen ihn in die Schranken. Den "Schlussstein im Scheitelpunkt des Grundrechtsgewölbes" nennt der Politologe Karlheinz Niclauß deshalb den Artikel 1 GG. Er krönt das Grundgesetz nicht bloß, er hält es zusammen.