Die übrigen Steine zu setzen war nicht immer leicht. Über die Abschaffung der Todesstrafe (Artikel 102) diskutiert man, während in Mainz schon die Guillotine zur Enthauptung einer Kindsmörderin geordert ist und man in Köln das Todesurteil für eine "Giftmischerin" erwartet. Beide Frauen werden ihren Kopf behalten.

Das uneingeschränkte Asylrecht (Artikel 16) verteidigen der CDU-Abgeordnete Hermann von Mangoldt und der Sozialdemokrat Carlo Schmid gemeinsam gegen Einwände.

Und dann ist da noch der schlichte, schöne Satz, den Friederike Nadig einbringt, "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" (Artikel 3) – ein Satz, an dem bis heute abzulesen ist, dass die tragenden Aussagen der Grundrechtsnormen nicht beschreiben, in welcher Verfassung das Land ist, sondern in welcher es sein soll. Die Mehrheit im Rat ist jedenfalls erst mal dagegen: Wo käme man hin? Soll man am Ende das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 umschreiben, das in so vielen Paragrafen das Weib dem Manne unterwirft?

Darauf läuft es hinaus – dank einer Frau, die sich selbst weder als radikal noch als feministisch empfand und deren Einzug in den Parlamentarischen Rat von missgünstigen Parteikollegen 1948 um ein Haar vereitelt worden wäre: Elisabeth Selbert, SPD, die Verfasserin des von Nadig beantragten Gleichberechtigungs-Artikels.

"Die Frau, die während der Kriegsjahre auf den Trümmern gestanden und den Mann an der Arbeitsstelle ersetzt hat, hat heute einen moralischen Anspruch darauf, so wie der Mann bewertet zu werden", sagt sie Anfang Dezember im Hauptausschuss. Niemand, wirklich niemand will dem widersprechen. Zumal Frauen nach dem Krieg eine diskriminierte Mehrheit sind: Auf 100 männliche Wähler kommen 170 weibliche, rechnet Selbert ihren Zuhörern genüsslich vor. Die stimmen – ein zweites Mal dagegen.

Wenig später quillt die Poststelle des Rates über: Mehrere Tausend Eingaben aus der Bevölkerung erreichen die Akademie. Wochenlang ist Elisabeth Selbert durch die Nochnichtrepublik gereist und hat Frauen zum Protest aufgerufen. Ein "männermordender Streit", beschwert sich Thomas Dehler. Doch am 18. Januar 1949 ist es geschafft. Der Hauptausschuss, erst vielstimmig dagegen, ist jetzt einstimmig für die unbeschränkte Gleichberechtigung.

Einen größeren Skandal verursacht nur der Zank um das Elternrecht in Artikel 7, den sie in Bonn die "böse Sieben" nennen. Mehr als 20.000 Zuschriften füllen am Ende einen ganzen Schrank in der Pädagogischen Akademie, und der Bischof von Münster droht, die Deutschen dazu aufzurufen, gegen das Grundgesetz zu stimmen, wenn es zum Referendum käme.

Worum es ging? Die Kirchen verlangen vom Staat, Bekenntnisschulen zu fördern, damit Eltern in freier Wahl über die Erziehung ihrer Kinder entscheiden können. In der konfessionell tief gespaltenen Nachkriegsgesellschaft rechnen die Kirchenoberen mit großem Zulauf zu katholischen und evangelischen Schulen und spekulieren auf die Hoheit in Bildungsfragen.

Geklappt hat es nicht. Folgen hatte die Sache gleichwohl: den verpflichtenden Religionsunterricht an staatlichen Schulen etwa (ein konfessionell gespaltenes Schulsystem will nicht zuletzt Theodor Heuss mit Blick auf die Integration von Millionen Flüchtlinge aus den einstigen Ostgebieten vermeiden). Und einen über Wochen zerstrittenen Rat, der seine Kraft eigentlich für anderes benötigt – vor allem für die heikle Frage, wie die Kompetenzen zwischen Bund und Ländern aufzuteilen seien.

Heikel ist sie, weil sie von Anfang an auch mit den Alliierten ausgefochten wird, unter deren Vorbehalt das Grundgesetz steht. Mehr als einmal drohen die Beratungen zu scheitern.

Im Anfang war der Kalte Krieg

Potsdam, im Juli 1945: Auf der Terrasse von Schloss Cecilienhof haben der britische Premier Winston Churchill, der amerikanische Präsident Harry S. Truman und Josef Stalin Platz genommen. Dessen Sessel ist ein Stückchen abgerückt von denen der Verbündeten. Unbewegte Mienen. Noch einmal will man Einigkeit demonstrieren. Zu erkennen ist aber das beginnende Zerwürfnis.

In den kommenden Jahren findet im Westen zusammen, was zusammengehört: Aus der Bizone (1947) wird die Trizone (1948), im Kleinen keimt das politische Leben und wächst von unten nach oben. Die Länder geben sich Verfassungen, die Westdeutschen wählen ihre Landtage. Der Ostteil gerät unterdessen unter sowjetisches Diktat, und im Vier-Mächte-Berlin spitzt sich die Konfrontation zu. Als die Westzonen die D-Mark einführen, erhebt sich der "russische Bär", blitzt es in den Augen der "sibirischen Wölfe". Stalin lässt die Stadt abriegeln. Die erste große Krise des Kalten Krieges.