Abgestimmt wird zuerst im Parlamentarischen Rat. Um buchstäblich fünf vor zwölf am 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes, steht das Ergebnis fest: 53-mal "Ja", zwölfmal "Nein". Vier Tage später endet – nach fast elf Monaten und 270.000 Hilfsflügen – die Berliner Blockade, und die Militärgouverneure erteilen ihr Plazet.

Abgestimmt wird sodann, vom 18. bis zum 21. Mai, in den Landtagen. Zehnmal "Ja", einmal "Nein". Das Nein kommt aus Bayern, aber es ist kein bedingungsloses. Sollten zwei Drittel der übrigen Länder das Grundgesetz annehmen, so sei das "Nein", herrje: ein "Ja".

23. Mai 1949: Verkündung, Unterzeichnung in der Pädagogischen Akademie. 65-mal werden die Füllfederhalter in das prunkvolle Tintenfass aus dem Kölner Ratssilber getunkt; Konrad Adenauer hat es eigens herbeischaffen lassen. Der Organist stimmt Motive der Nationalhymne an, doch Vorsicht, man sitzt im Glashaus. Carlo Schmid befiehlt eilig Händel statt Haydn. Zum Schluss steht man auf und singt unverfänglich das alte patriotische Bekenntnislied Ich hab mich ergeben.

So fängt sie an, die Bundesrepublik.

Im Anfang war das Wort

Doch im Anfang will es keiner hören.

"Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben."

Ein Präambelsatz, der nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil hier, wohl einzigartig in einem Verfassungstext, das Nationale schon transzendiert wird Richtung Europa, sondern weil man ihn lesend hören kann. Ein bisschen pastoral klingt er. Auf jeden Fall nicht wie Juristenprosa. Vielleicht ist er ja von jener "heiligen Nüchternheit" erfüllt, die Theodor Heuss sich mit Hölderlin für die Arbeit am Grundgesetz gewünscht hat.

Die ernüchterten Deutschen quälen andere Fragen: woher Wohnraum, woher Kleidung, woher zu essen nehmen? Bewegt hat sie nicht besonders, was da in Bonn vor sich ging, auch wenn sie hier und da zu mobilisieren waren – für die Rechte der Frauen, für das Elternrecht. Jenseits davon erreichen den Rat kaum Eingaben: Die Hauptstelle der Männer-Seelsorge der deutschen Diözesen bittet um "Verankerung der Sonntagsruhe in der Verfassung", der Bund der Hotelangestellten in Uelzen möchte den Kellnerberuf als Handwerk anerkannt wissen, ein Herr aus Holtorf wünscht sich die "Unantastbarkeit der Offiziers-Ehre" als Bürgerrecht.

Von Allensbach befragt, geben im März 1949 40 Prozent der Westbürger an, die künftige Verfassung sei ihnen "gleichgültig". Und hätten sie die Verhandlungen mitverfolgt, wären sie auch mit dem Ergebnis nicht einverstanden gewesen. Nur 23 Prozent wünschen sich damals ein starkes Parlament, 41 dagegen sind für einen möglichst mächtigen Präsidenten. Noch Mitte der Fünfzigerjahre, als das Besatzungsstatut endet, geben 51 Prozent der Bundesbürger zu: "Kenne die Verfassung nicht". Wäre das anders gewesen, hätte man die Deutschen 1949 abstimmen lassen? Oder war es gerade eine weise Idee, sie nicht zu befragen?

Skeptisch, skeptisch auch die Presse. Regelmäßig berichtet der Spiegel aus Bonn. Ende Mai beschreibt er die Verfassungsinhalte in distanziertem Ton; die Bedeutung des Moments wird ausschließlich in Zahlen gewogen: Während der Parlamentarische Rat, "PR" genannt, in den "profanen Hallen" der Akademie "amtete", seien "an deren Breitseite schätzungsweise 2,85 Milliarden Kubikmeter Wasser rheinabwärts" geflossen.

Wie viel der "PR-Restaurateur" verdient hat, wie hoch der Benzinverbrauch der Fahrerflotte pro Monat war: Die ZEIT ist an solcher Reporter-Statistik nicht interessiert. Sie treiben staatsmännische Bedenken um: "Das Bonner Grundgesetz ist kein Werk schöpferischer Phantasie", stellt der stellvertretende Chefredakteur Ernst Friedlaender am 19. Mai ein wenig herablassend unter der Titelzeile "Und neues Leben blüht aus den Ruinen" fest – "aber geben wir diesem Gesetz und denen, die es handhaben werden, zunächst einmal eine Bewährungsfrist!"

Die Aussichten schienen damals vielen nicht die besten zu sein: "Heute ist Deutschland etwas sehr Unglückliches", heißt es etwa, besonders düster, in der Deutschen Rundschau. "Es ist so komisch und so tragisch wie das Deutschland von Weimar: eine Demokratie ohne Demokraten." Im Rückblick mögen solche Sätze befremden. Dabei offenbaren sie eine gern verdrängte Wahrheit: wie gefährdet, wie zerbrechlich dieser Bonner Anfang war, dem selbst so viele Anfänge innewohnten. Die westdeutsche Geschichte nach 1949 war – das sagt sich heute leicht – eine "Erfolgsgeschichte". Doch nicht alles, was gelang, musste gelingen. Jahre und Jahrzehnte dauerte es, bis die Bundesrepublik im Geist ihrer Verfassung zu einer Demokratie mit Demokraten wurde. Sie war es nicht von Anfang an. Sie bleibt es nicht von selbst.