Die Zukunft der Mobilität trägt einen sehr bürokratischen Namen: Elektrokleinstfahrzeuge. Gemeint sind damit elektrisch betriebene Varianten von Tretrollern, Skateboards, Scootern, Segways, Hoverboards und dergleichen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hält sie für "eine echte zusätzliche Alternative zum Auto" – vor allem für die letzten Meter von der U-Bahn- oder Bushaltestelle nach Hause oder zur Arbeit. Völlig offen ist allerdings, wo die neuen Flitzer künftig fahren dürfen.

Ursprünglich wollte Scheuer einige dieser Fahrzeuge – sofern deren Höchstgeschwindigkeit technisch auf 12 km/h begrenzt ist – auch auf Gehwegen und in Fußgängerzonen zulassen. Von diesem Plan distanzierte er sich am Dienstag wieder und kam so Kritik aus mehreren Bundesländern entgegen. Die hatten gedroht, sich bei der Abstimmung im Bundesrat Ende nächster Woche gegen Scheuers Verordnung zu stellen, weil sie Bedenken des dortigen Verkehrsausschusses teilten: "Die Gehwege sind insbesondere in gewachsenen Stadtlagen häufig sehr schmal und werden von vielen Menschen frequentiert. Hinzu kommt, dass Gehwege häufig durch aufgesetztes Parken weiter verengt werden. Schon jetzt haben Menschen mit Kinderwagen oder Rollatoren große Schwierigkeiten, sich dort zu bewegen."

Erfahrungen aus Frankreich, wo in den Großstädten bereits Zehntausende elektrische Kleinfahrzeuge unterwegs sind, lassen nichts Gutes hoffen. Von Herbst an will das dortige Verkehrsministerium Geldbußen in Höhe von 135 Euro gegen jeden verhängen, der mit einem E-Scooter auf dem Bürgersteig fährt. Hintergrund ist die gestiegene Zahl von Unfällen mit den lautlosen Rollern.

Scheuers Wende verlagert den Konflikt nun von den Gehwegen auf einen anderen, allerdings nicht weniger umkämpften Straßenabschnitt: die Radwege. Denn den Radfahrern wiederum sind besonders die kleinen elektrischen Tretroller zu langsam. Und überhaupt seien die Radwege auch jetzt schon zu eng, klagt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club und fordert nun "doppelt so viel Platz für Zweiradmobilität".

Ungefährlich sind die kleinen Elektrofahrzeuge auch nicht. Das legt eine Untersuchung aus den USA nahe. Die Gesundheitsbehörde CDCP hatte im Herbst vergangenen Jahres E-Scooter-Fahrten im texanischen Austin ausgewertet. Innerhalb von drei Monaten registrierte die Behörde dort 190 verletzte Fahrer, von denen jeder zweite Kopfverletzungen erlitt. Einen Helm hatte von allen verunglückten Fahrer nur einer getragen. Unfälle auf der Straße kamen häufiger vor als auf Gehwegen.

Derweil treiben Konzerne und Start-ups das große Geschäft mit den kleinen Elektrofahrzeugen voran und ringen um den schnellsten Markteintritt. Besonders umkämpft ist der Markt der Leihfahrzeuge. Der zu Daimler gehörende Anbieter MyTaxi vermietet unter dem Namen Hive E-Tretroller in mehreren europäischen Städten. Anfang der Woche kündigte Volkswagen eine Kooperation mit Niu an, einem chinesischen Hersteller von E-Scootern. Das Berliner Start-up Tier Mobility bedient bereits Brüssel, Helsinki, Paris, Stockholm und andere Metropolen. Ebenfalls in Berlin entsteht mit Flash ein weiteres Start-up der Verleihszene. Auch ausländische Unternehmen wie Voi aus Schweden oder Lime und Bird aus den USA warten darauf, dass die Politik hierzulande die Straßenzulassung klärt und damit den Markt öffnet.

In Kalifornien kann man schon sehen, was auf Deutschland möglicherweise zukommt. Anfang 2018 stellten drei Anbieter über Nacht Hunderte E-Roller auf die Straßen von San Francisco – ohne die erforderliche Genehmigung. Die Bewohner waren genervt von der Rollerschwemme, sodass die Stadtverwaltung die Unternehmen zum Aufräumen verpflichtete. Dann erlaubte sie einen Neustart – in geordneten Bahnen.