In Midlum (Ostfriesland) hat der Boden unter dem Kirchturm nachgegeben. © Jens Schulze/epd-bild

Bremerhaven, Stadtteil Lehe, 200 Meter vom Kaiserhafen entfernt. An einer Straßenecke steht ein Wohnblock aus den 1950er-Jahren. Wobei "stehen" nicht ganz zutrifft. "Das Gebäude ist gekippt, drinnen kann man Murmeln spielen", sagt Joachim Blankenburg. Beim Geologischen Dienst des Bundeslands Bremen ist er für die Begutachtung von Bodenbewegungen zuständig. Dass der Wohnblock schief steht, sieht auch der Laie. Was den Fachmann interessiert: Wird das Gebäude weiter absacken, und muss es geräumt und abgerissen werden?

Bisher müssen Blankenburg und seine Kollegen gefährdete Gebäude, Brücken oder Straßenabschnitte regelmäßig vor Ort kontrollieren. In Zukunft werden sie einen Großteil dieser Arbeit im Büro erledigen. Bis Mitte des Jahres will die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) eine Bodenbewegungskarte für ganz Deutschland online stellen. In hoher Auflösung wird darauf zu erkennen sein, wo sich der Boden hebt, senkt oder horizontal verschiebt.

Auf einer Testversion der Karte für Nordwestdeutschland sind die meisten Gebiete grün eingefärbt, das bedeutet: keine Bewegung. Es gibt aber auch einige wenige blaue Punkte. Dort hebt sich der Boden – zum Beispiel als Spätfolge der Gletscherschmelze nach der letzten Eiszeit oder über einem unterirdischen Gasspeicher, der gerade befüllt wird. Für Bremerhaven zeigt die Karte zahlreiche gelbe und rote Punkte, sie stehen für Absenkungen.

Dicke Sediment- und Torfschichten sorgen entlang der Nordseeküste für weichen Boden. Doch längst nicht überall gibt er nach. Bisher musste das mühsam vor Ort ermittelt werden. In Zukunft können die Geologischen Dienste Problemfälle auf der digitalen Bodenbewegungskarte vorab herausfiltern und ihre Mitarbeiter gezielt an verdächtige Stellen schicken.

Die Datengrundlage stammt von einem Gespann zweier europäischer Radarsatelliten: Sentinel 1A und 1B. Alle zwölf Tage überfliegt einer von ihnen in 700 Kilometer Höhe jeden Ort der Erde. Auch bei bewölktem Himmel werden die Radarwellen von festen Objekten am Boden reflektiert. Das können Straßen, Hausdächer, Fassaden oder Industrieanlagen sein. Aus der Laufzeit der Radarwellen kann der Abstand bis auf zwei Millimeter genau bestimmt werden. Vergrößert er sich an der gleichen Stelle über die Jahre, liegt der Verdacht nahe, dass der Boden dort absackt.

Dafür gibt es viele Ursachen. Neben leichten tektonischen Bewegungen oder Hangrutschungen sind es vor allem industrielle Aktivitäten: Bergbau, Tunnelbohrungen, Grundwasser-Entnahme, Erdgasförderung. Meist sind es winzige Verschiebungen. Nur auf 20 Prozent der Fläche Deutschlands machen sie mehr als einen Millimeter im Jahr aus. Doch über die Jahre summieren sich auch kleine Veränderungen. Das Bremerhavener Eckhaus ist in 60 Lebensjahren um 30 Zentimeter abgesackt, fünf Millimeter im Jahr, hinten etwas schneller als vorne. Auch viele Nachbargebäude sind betroffen, Schiefhausen heißt der Stadtteil im Volksmund.

Andere Länder waren schneller

Ein gründerzeitlicher Wohnblock musste abgerissen werden. In den Räumen hatten sich Höhenunterschiede von bis zu 50 Zentimetern gebildet. Selbst wenn ein Haus nicht einzustürzen droht, können Bodenbewegungen gefährlich werden, zum Beispiel wenn dadurch eine unterirdische Abwasser- oder Gasleitung unbemerkt Risse bekommt. Auch vor Gericht kann die Bodenbewegungskarte eine Rolle spielen – wenn es darum geht, die Ursache für Gebäudeschäden zu ermitteln, die zum Beispiel im Umfeld von Erdgasbohrungen oder Speicherkavernen auftreten.

Allerdings muss nicht jede Bewegung, die sich in den Satellitendaten zeigt, tatsächlich auf instabilen Boden hinweisen. Die Veränderung kann von einer frisch geteerten Straße, einem neu gedeckten Dach, einem parkenden Auto herrühren – oder sich als Messfehler herausstellen. Da die Sentinel-Radarsatelliten jeden Punkt in Deutschland 60-mal im Jahr abtasten, fallen kleine Unstimmigkeiten im Durchschnitt der Messungen jedoch kaum ins Gewicht. Wo die Daten am Ende des Jahres keine Bewegung zeigen, muss nicht vor Ort kontrolliert werden. "Das Personal kann sich auf die Bereiche konzentrieren, die tatsächlich Schäden verursachen", sagt Thomas Lege, der Leiter des Kartenprojekts bei der BGR.

Eigentlich sollte es Ende 2017 bereits online gehen. Doch der Termin musste mehrmals verschoben werden. Das Problem: Für die Abwehr von Bodengefahren sind die Bundesländer zuständig. Das erfordert Abstimmung mit 16 Geologischen Diensten. Andere Länder waren daher schneller. Italien, die Niederlande und Norwegen haben ihre Bodenbewegungskarten bereits online zur freien Verfügung gestellt. Eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2007 hatte alle Mitgliedsländer dazu aufgefordert. Und seit dem Start des ersten Sentinel-1-Satelliten im Jahr 2014 stehen die dazu nötigen Daten zur Verfügung.

Auch private Anbieter machen davon Gebrauch und kombinieren sie mit Messungen kommerzieller Radarsatelliten. Das ermöglicht besonders detailgenaue Darstellungen. Diese werden, im Unterschied zur öffentlichen Bodenbewegungskarte, dann aber verkauft – zum Preis von rund 200 Euro pro Quadratkilometer.