Frage: Was bringt eine Rocklegende, einen Hollywoodstar und ein Dutzend Anwälte in einem Gerichtssaal in Kalifornien zusammen? Antwort: die Bayer AG.

Zusammen bilden sie die Besetzung der dritten Runde eines juristischen Schlagabtauschs, der die Welt noch Jahre beschäftigen könnte: die Klagen gegen den Saatguthersteller Monsanto, der seit dem vergangenen Jahr Teil von Bayer ist. Umgerechnet 58,8 Milliarden Euro hat der Leverkusener Konzern für das umstrittene US-Unternehmen bezahlt. Und dafür nun 13.400 Klagen in den USA am Hals, die sich im Wesentlichen um eine Frage drehen: Macht der Unkrautvernichter Roundup, ein Bestseller aus dem Hause Monsanto, Menschen krank? Bayer bestreitet, dass das bei "sachgerechter Anwendung" der Fall ist, und beruft sich auf zahllose Studien und Zulassungsbehörden.

Alva und Alberta P. sehen das anders. Ihr Fall ist es, der an diesem Mittwoch Anfang Mai im vierten Stock eines grauen Verwaltungsgebäudes in Oakland verhandelt wird. Beide sind in ihren Siebzigern und leiden an Blutkrebs, ihre Ärzte haben das sogenannte Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert. Und nun machen sie Monsanto und damit Bayer dafür verantwortlich. Auf ihren Grundstücken haben sie, so schildern sie es, seit 1975 regelmäßig Roundup gesprüht. Dessen Hauptwirkstoff Glyphosat habe sie beide krank gemacht, so ihr Vorwurf.

Folgt das Gericht dieser Argumentation und verurteilt Bayer zu Schadensersatz, dürfte das die Krise des Konzerns noch verschlimmern. Ende April haben die Aktionäre Bayer-Chef Werner Baumann bei der Hauptversammlung des Konzerns die Entlastung verweigert; für Bayer und Baumann geht es inzwischen um alles. Haben die Geschworenen jedoch Zweifel, könnte das für Bayer und Baumann vielleicht sogar die Wende bedeuten.

Die beiden Kläger sind an diesem Mittwoch, dem 18. Verhandlungstag, nicht erschienen. Ein Blick in die Besucherränge zeigt, wie sehr die Monsanto-Prozesse Amerika beschäftigen. In der ersten Reihe sitzt ein grauhaariger Mann mit zerknittertem Gesicht und Filzhut, und die Geschworenen sind überrascht, als sie ihn erkennen: der Singer-Songwriter Neil Young. Die Frau neben ihm ist die Schauspielerin Daryl Hannah, bekannt durch den Achtzigerjahre-Film Wall Street. Vor vier Jahren hat Young ein Album produziert, das er Monsanto widmete: "Und Roundup kommt und bringt die giftige Flut von Monsanto, Monsanto", lautet eine Verszeile. Daryl gefielen seine kritischen Songs, bei einem Protestmarsch gegen ein Pipeline-Projekt wurden sie zum Paar.

Gleich hinter ihnen sitzt das Glyphosate Girl. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich eine Bloggerin, die in Wirklichkeit Kelly Ryerson heißt, an der Elite-Uni Stanford studiert hat und sich selbst zur Chronistin der Verfahren gemacht hat. Sie sei sehr krank gewesen, bis sie entdeckt habe, dass es an ihrer Ernährung und den Giftstoffen darin gelegen habe, sagt sie. Nun hat sie eine Mission: Sie will Glyphosat aus dem Leben der Menschen verbannen.

Klar, dass Glyphosate Girl sich schon beim ersten Roundup-Verfahren mit Neil und Daryl angefreundet hat. Geklagt hatte der Hausmeister einer Schule, DeWayne Johnson. Auch er gibt Roundup die Schuld an seiner Krebserkrankung. Die Geschworenen sprachen ihm im August vergangenen Jahres 289 Millionen Dollar zu. Die Richterin reduzierte den Betrag später auf 78 Millionen Dollar. Für Bayer und seine Aktionäre war auch das noch ein Schock. Dann verurteilte im März ein Gericht in San Francisco Bayer zu 80 Millionen Dollar Schadensersatz an dem Rentner Edwin Hardeman, der ebenfalls Roundup für seine Erkrankung verantwortlich macht.

An diesem Verhandlungstag in Oakland gibt es gute Nachrichten für Bayer. Die US-Umweltbehörde EPA hat erneut bestätigt, dass Glyphosat nicht krebserregend sei. Den Befund wollen die beiden Anwälte von Bayer nun den Geschworenen zeigen. "Oh Mann", sagt die Richterin, "der Arm von Monsanto reicht weit." Sie meint es als Scherz, doch die Bayer-Vertreter verziehen keine Miene. Zu ernst ist das alles hier, als das man darüber bei Bayer noch irgendwie lachen könnte.

Aber auch Michael Miller und Brent Wisner schauen finster. Sie sind die beiden Anwälte von Alva und Alberta P., und die Aussage der EPA widerspricht allem, was die von ihnen vorgeladenen Experten den Geschworenen bisher vorgeführt haben: Pathologen, Onkologen, Hämatologen, Toxikologen und sogar einen forensischen Ökonomen. Auch für die Anwälte hängt viel von dem Verfahren in Oakland ab, vor allem: viel Geld. Denn bezahlt werden sie von dem klagenden Ehepaar nur, wenn es vor Gericht gewinnt oder sich mit Bayer auf einen Vergleich einigt; dann erhalten die Anwälte einen Anteil des Schadensersatzes. "No Fees Unless You Win", heißt dieses Modell, das in dieser Form in Deutschland nicht zulässig ist. In den USA hat es so manchen Anwalt reich gemacht, denn 25 bis 30 Prozent Erfolgsbeteiligung sind üblich.

Wenn Miller und Wisner hingegen verlieren, dann tragen sie allein ihre Kosten: Hunderte Arbeitsstunden sind aufgelaufen, ihre Mitarbeiter haben Dutzende Zeugen befragt und Gutachten erstellen lassen. Allerdings vertreten die Anwälte rund 3.000 Kläger in Roundup-Prozessen, sie müssen nicht für jeden von ihnen den gleichen Aufwand treiben. Das Geschäftsmodell der Anwälte: Es wirkt wie eine große Wette, die sich umso mehr lohnt, je mehr erkrankte Kläger sie auf ihre Seite ziehen.