Konrad Adenauer bei der Unterzeichnung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949. © AP Photo/Archiv/Picture Alliance/dpa

Ein Gedankenexperiment: Was hätten wohl die Väter und Mütter des Grundgesetzes zu den religionspolitischen Debatten der Gegenwart gesagt? Zu schrumpfenden Volkskirchen, zu den schillernden Diskussionen über den Islam, zu Städten und Regionen, in denen religiös Ungebundene die Mehrheit bilden? Als das Grundgesetz vor 70 Jahren verabschiedet wurde, waren 95 Prozent der Westdeutschen Mitglied einer der beiden großen Kirchen. Unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Barbarei erlebte das christliche Naturrechtsdenken eine Renaissance; das Christentum erschien vielen als Antidot zum braunen – und roten – Totalitarismus.

Vor diesem Hintergrund steht die Gegenwart in scharfem Kontrast: Die beiden Kirchen binden heute nur noch 44 Prozent der Bevölkerung. Bis 2060 wird nochmals eine Halbierung der Mitgliederzahl prognostiziert. Wollte man alle religionssoziologisch relevanten Veränderungen seit 1949 aufzählen, wäre die Liste lang: Facetten der Pluralisierung und Individualisierung wären zu erwähnen, der vielschichtige Prozess der Säkularisierung zu beschreiben, wie die Arbeits- und Fluchtmigration Muslime in nennenswerter Zahl nach Deutschland brachte und heimisch werden ließ, wäre zu erzählen, eine Wiederbelebung jüdischer Gemeinden zu preisen, die verstärkte Präsenz des weltanschaulichen Säkularismus zu vermerken.

Was hätten also die maßgeblichen Autoren des Grundgesetzes, was hätten Ludwig Bergsträsser und Adolf Süsterhenn, was hätten Theodor Heuss, Carlo Schmid und Hermann von Mangoldt angesichts solcher Veränderungen gedacht? Hätten sie davon Abstand genommen, die Religionsartikel aus der Weimarer Reichsverfassung in das Grundgesetz zu übernehmen? Hätten sie das Grundrecht der Religionsfreiheit restriktiver gefasst? Hätten sie trotzdem den Religionsunterricht in öffentlichen Schulen garantiert? Hätten sie weiterhin die "Verantwortung" der verfassunggebenden Gewalt "vor Gott und den Menschen" in der Präambel erwähnt?

Das hier vorgeschlagene Gedankenexperiment des "Was wäre, wenn" hat seinen heuristischen Reiz und sollte seine Grenzen kennen. Wer sich auf das Spiel einlässt, müsste fairerweise in Rechnung stellen, dass nicht nur die Kirchen Mitglieder verlieren, sondern viele intermediäre Organisationen in der Krise stecken. Parteien, Gewerkschaften, Sportvereine und Kirchen leiden gleichermaßen in der "Gesellschaft der Singularitäten" (Andreas Reckwitz). Trotzdem halten wir an den Verfassungsbestimmungen zur Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit, an der Parteienfreiheit nebst staatlicher Teilfinanzierung fest. Man könnte auch sagen: Gerade wenn diejenigen weniger werden, die solche Rechte positiv nutzen, muss die Freiheit ihres Gebrauchs geschützt werden, zumal die gesellschaftliche Ordnungs- und Bündelungsfunktion der ehemals großen Korporationen sich nicht ohne Weiteres ersetzen lässt. Je mehr der bundesdeutsche Neokorporatismus schwindet, desto mehr trauert so mancher frühere Kritiker ihm heutzutage nach.

Der Reiz der Frage, wie der Parlamentarische Rat den Herausforderungen einer heutigen Religionsordnung begegnen würde, erwächst aus ihrer Gegenwartsfixierung. Doch seit 1949 hat sich so manches in dramatischer Weise verändert, ohne dass wir deshalb das Grundgesetz infrage stellen. Damals wusste man auch noch nichts von der Ökonomie der Globalisierung und der Digitalisierung unserer Arbeitswelt, von dem grundlegenden Wandel des Familienlebens und sozialen Medien als neuer Form publizistischer Öffentlichkeit. Trotzdem bleiben die Berufs- und Eigentumsfreiheit, der Schutz des Familienlebens und die Presse- und Meinungsfreiheit sinnvolle Institute des Verfassungsrechts.

Sozialer Wandel zieht eben nicht zwingend eine Änderung des Verfassungstextes nach sich. Im Vergleich zum Staatsorganisationsrecht fällt sogar auf, dass der Katalog der Grundrechte in den letzten 70 Jahren insgesamt weitgehend unangetastet blieb. Verfassungsrechtliche Anpassungen an veränderte Umstände erfolgten in der Bundesrepublik oft schlicht durch eine veränderte Norminterpretation, praktisch maßgeblich gemacht durch das Bundesverfassungsgericht. Daneben kommt dem Gesetzgeber die Aufgabe zu, für neue Herausforderungen passende Lösungen zu finden.

Beide Entwicklungen lassen sich auch für das Religionsrecht beobachten: Zunächst wurden die beiden Kirchen Anfang der 1950er-Jahre gleichsam als Ordnungsmächte auf Augenhöhe mit dem Staat begriffen. Manche gingen so weit, ihnen Quasi-Souveränität zuzugestehen. Mit dem Text des Grundgesetzes hatte das nicht viel zu tun. So erteilte das Bundesverfassungsgericht diesem Irrweg auch alsbald eine Absage. Die bundesdeutsche Verfassungskultur reifte und mit ihr auch das Religionsverfassungsrecht. Schon bald war allen selbstverständlich, dass auch die Kirchen "unter" dem Grundgesetz standen. Das Christentum ist hierzulande schon lange keine Staatsreligion mehr und will dies auch nicht sein. Rechtliche Privilegien für eine einzelne Religion passen schlecht zur egalitären Grundausrichtung einer freiheitlichen Demokratie.

Nach und nach adaptierte das Rechtssystem nach 1949 dann die Verweltlichung und religiös-weltanschauliche Pluralisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Das illustriert schon die Bezeichnung des Rechtsgebietes: Aus dem traditionellen "Staatskirchenrecht" wurde ein "Religionsverfassungsrecht". Damit hielt man der ursprünglichen Intention der Weimarer Reichsverfassung die Treue: Damals entschied sich die Nationalversammlung bewusst für ein Modell der Trennung von Staat und Kirche, in dem alle Religionen und Weltanschauungen "gleicher Ehre" sind, wie es damals hieß. Zugleich suchte man sich von Frankreich mit seinem rigiden Laizismus abzusetzen: Die Religionsfreiheit schützt selbstredend den Einzelnen darin, die religiöse Option der Lebensführung für sich abzulehnen. Sie schützt aber auch, eine Religion oder Weltanschauung zu haben und nach ihr privat und öffentlich zu leben. Die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates drückt sich darin aus, dass er für alle Religionen und Weltanschauungen seiner Bürger offen ist. Religion ist nach diesem Ansatz nicht bloß Privatsache, sondern hat, wenn die Bürger es wollen, auch einen Ort in der staatlich verfassten Öffentlichkeit. Deshalb gibt es, soweit Bedarf besteht, Religions- oder Weltanschauungsunterricht in öffentlichen Schulen, Theologie an staatlichen Hochschulen, Seelsorge in der Bundeswehr und in Gefängnissen oder die Einbindung religiöser Wohlfahrtsverbände in die Strukturen des Sozialstaates.