Imam gesucht

Wer in deutschen Moscheen predigt, sollte auch in Deutschland ausgebildet werden. Warum klappt das nicht?

Der Eingang der Eyüp-Sultan- Moschee in Hamburg-Harburg liegt zwischen der Spielhalle Vulkan und dem Imbiss Kebap Welt. Ein Dienstag Ende April, kurz vor zwei Uhr, das Mittagsgebet ist gerade vorbei, die Sonne fällt durch ein Oberlicht auf den türkisfarbenen Teppichboden der Moschee. Ein Dutzend älterer Männer sitzt verstreut zwischen den weiß gestrichenen Säulen, an denen Lautsprecher hängen. In der Mihrab, der holzgetäfelten Gebetsnische, die die Richtung nach Mekka anzeigt, nestelt der Imam sein Mikro ab, mit dem er das Gebet geleitet hat. Eine ganz gewöhnliche Moschee in Deutschland. Und doch ist hier etwas anders, etwas neu. Das liegt an ihrem Imam.

Im Aufenthaltsraum der Moschee erzählt Abdulsamet Demir, 27 Jahre alt, wie er Imam wurde. An der Wand hängt ein gewaltiger Flachbildschirm, es läuft eine türkische Nachrichtensendung, der Ton ist leise gedreht. Auch die Infozettel an der Wand sind auf Türkisch. Der Sohn türkischer Gastarbeiter ist im Hamburger Stadtteil St. Georg aufgewachsen, nach dem Abitur wollte er Geschichte auf Lehramt studieren. Es kam anders, auf einer Informationsveranstaltung der Universität Osnabrück erfuhr er von einem neuen Fach, das besser zu ihm passte: Islamische Theologie. Schon als Schüler hat er dem Imam in seiner Gemeinde ausgeholfen.

Dann sagt Demir: "Ich bin Imam und Deutscher." Man muss hinzufügen: und damit eine große Ausnahme.

Zwischen 2.300 und 2.500 Moscheegemeinden gibt es nach Schätzungen in Deutschland. Ihre Imame stammen zu 80 bis 90 Prozent aus den islamischen Herkunftsländern, werden von dort finanziert – und beeinflusst.

Dieser Missstand war einer der Gründe, warum 2010 an deutschen Universitäten ein neues Fach eingeführt wurde: die Islamische Theologie. Religionsgelehrte sollten daraus hervorgehen, Lehrer für islamischen Religionsunterricht, eine islamische Wissenschaftscommunity entstehen; ein Islam deutscher Prägung. Annette Schavan, damals Bundesbildungsministerin und treibende Kraft des Projekts, erhoffte sich eine Theologie, die es schafft, Religion in die Gegenwart zu übersetzen. 20 Millionen Euro Förderung allein für die ersten fünf Jahre war es ihr wert. In Osnabrück, Münster, Tübingen, Frankfurt/Gießen und Erlangen/Nürnberg wurden Islamzentren eingerichtet. Damit verbunden war die Erwartung, dass viele der Absolventen einmal als Imame in Deutschlands Moscheen wirken und gleichzeitig als Schlüsselfiguren der Integration dienen würden. Diese Erwartung wurde enttäuscht.

Gut acht Jahre nach der Eröffnung des Islamischen Zentrums an der Universität Osnabrück sitzt Rauf Ceylan, Professor für gegenwartsbezogene Islamforschung, in seinem Büro und sagt: "Wenn ich meine Erstsemester frage: Will jemand von euch später Imam werden?, geht kaum eine Hand nach oben." Man verdiene nicht genug, sagen sie, oder die Moscheegemeinden würden einen Absolventen einer deutschen Uni nicht akzeptieren.

Derweil ruft die Politik immer lauter nach Imamen, die in Deutschland aufgewachsen und ausgebildet wurden. Die im Islam genauso bewandert sind wie im Grundgesetz. Sei es die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt, die Ende März eine "schwarz-rot-goldene Imamausbildung" forderte – Imame, die hierzulande lehrten, müssten Werte vermitteln, die ins 21. Jahrhundert passten –, oder Kanzlerin Angela Merkel, die im Bundestag betonte: "Wir brauchen eine Imamausbildung in Deutschland." Oder Horst Seehofer, Minister für Heimat und Inneres, der sich auf der Deutschen Islamkonferenz in Berlin für einen "Islam in, aus und für Deutschland" starkmachte und die Einrichtung von Ausbildungszentren von Imamen sowie Deutschpflicht für die Prediger forderte.

Die Mehrheit sind sogenannte Import-Imame

Warum ist das Interesse an den Predigern so groß, warum sind sie so wichtig?

Kaum ein Wissenschaftler hat sich so intensiv mit Imamen in Deutschland befasst wie Rauf Ceylan. Er sagt: Sie sind die Multiplikatoren und die Schlüsselfiguren in der muslimischen Gemeinschaft. Sie prägen die religiöse Erziehung der muslimischen Kinder und Jugendlichen in Deutschland durch die Unterweisung in den Moscheegemeinden.

Genau dafür sind sie aber schlecht gerüstet. Die Mehrheit von ihnen sind sogenannte Import-Imame, vom türkischen Staat für vier bis fünf Jahre entsendet, sprechen kein Deutsch, denken in traditionellen Geschlechterrollen, sind geprägt von Obrigkeitsdenken und einem konservativen Islambild. Sollte Ceylan wie in der Schule eine Gesamtnote etwa für die Freitagspredigten geben, dann würde das Ergebnis "mangelhaft" lauten. Allzu oft geht es mehr um türkische Politik als um die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland, werden Märtyrer gerühmt oder werde der Schlacht an den Dardanellen gedacht.

Imame halten nicht nur die Freitagspredigt, zu ihren Aufgaben gehören auch Seelsorge, Gemeindearbeit, Jugend- und Sozialarbeit. Abdulsamet Demir von der Eyüp- Sultan-Moschee sagt, ein Imam sei von Geburt über Hochzeit bis zur Beerdigung gefragt. Immer in Rufbereitschaft, auch mitten in der Nacht. Er wohnt über der Moschee. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er als Imam, zwischendurch schreibt er noch an seiner Masterarbeit in Islamischer Theologie an der Uni Osnabrück. Seine Moscheegänger sind zwischen 7 und 77 Jahren alt, mit den über 45-Jährigen spricht er türkisch, mit den Jüngeren deutsch. Mit den Jugendlichen redet er auch über Probleme in der Schule oder Ärger mit Freunden. Sie kommen mit ihren Sorgen zu ihm, er ist Zuhörer, Vertrauensperson. Und darin besser als ein Imam aus der Türkei. Demir führt Schulklassen durch die Moschee und erklärt die Grundlagen seiner Religion. Auf Deutsch, sein Vorgänger konnte das nicht.

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Rund 4,7 Millionen Muslime leben hierzulande. Gut die Hälfte von ihnen hat türkische Wurzeln, auch die Mehrheit der Imame kommt aus der Türkei.

Ein Großteil der Gemeinden, über 900, gehören zu Ditib und werden von ihren Imamen betreut. Ditib steht für Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion. Gegründet 1984 in Köln, aber ein klarer Ableger der türkischen Religionsbehörde in Ankara. Im Gegensatz zu anderen Vorbetern, die mit den meist zu knappen Spendengeldern der Gemeindemitglieder über die Runden kommen müssen, sind die Import-Imame gut bezahlt – als Beamte des türkischen Staates. Viele von ihnen hätten eine rein materielle Motivation, sagt Rauf Ceylan.

Die Abhängigkeit Ditibs von der Türkei ist lange bekannt, und lange hatte man kein großes Problem damit. Galt der türkische Staatsislam doch als ausgesprochen moderat. Das änderte sich rasant mit der Machtübernahme Erdoğans und der Islamisierung der türkischen Politik. Ditib als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Erdoğan in deutschen Moscheen – das ging und geht nicht mehr. Die Liste der Verfehlungen wurde immer länger, nach dem Putsch im Sommer 2016 häufte sich die Vermengung von Nationalismus und Religion in den Freitagspredigten. Es folgte antisemitische Hetze auf den Facebook-Seiten einiger Gemeinden und die Spitzelaffäre: Imame sollen Gülen-Anhänger ausspioniert haben. Die Eröffnung der Kölner Ditib-Zentralmoschee im vergangenen Herbst, einmal geplant als Volksfest der Integration, geriet zu einer Erdoğan-Show. Man sprach türkisch, nicht deutsch.

Und nun? Köln-Ehrenfeld, Venloer Straße. Hier reckt sich die neue Zentralmoschee der Anstalt für Religion in den Kölner Himmel, ein Bau, der den Blick auf sich zieht, viel Glas, viel Licht, er soll Transparenz und Offenheit signalisieren. Die Architektur ist vorbildlich, die Gemeindepraxis sieht anders aus. Bund, Landesregierungen und Universitäten sind auf Distanz zu Ditib gegangen, der Verband könne kein Partner mehr sein für Islamunterricht und Imame. Die Forderung: Ditib muss sich abnabeln von der Türkei, wirklich unabhängig werden.

"Wir brauchen konstruktive Vorschläge"

Geht das? Und was heißt das für die Imame?

Im Bibliotheksgebäude neben der Moschee empfängt Zekeriya Altug, zuständig bei Ditib für Außenbeziehungen. Es gibt türkischen Tee und Baklava. Man übt sich in Diplomatie. Fragt man Altug, ob es bei der Praxis der entsendeten Imame bleibt, lautet die Antwort: "Die Kappung der Tradition, das wäre das Einreißen des Gebäudes. Stellt man ein neues Gebäude hin, kann es passieren, dass sich die Muslime darin nicht mehr wohlfühlen."

Altug stimmt zu, dass der Bedarf an deutschsprachigen und in Deutschland sozialisierten Imamen weiter steigen wird. Fakt sei aber auch, dass es in den vergangenen Jahren vor allem türkischsprachige Imame brauchte, weil viele Gemeindemitglieder nicht gut Deutsch sprachen. Erst die dritte und vierte Generation verlange jetzt immer mehr nach deutschsprachigen Imamen.

Ditib hat schon vor einigen Jahren einen Theologie-Studiengang in Ankara eingerichtet, der sich an türkischstämmige Deutsche richtet. Die Zahl der Absolventen, die tatsächlich in Deutschland arbeitet, ist noch überschaubar, um die 60, das will man jetzt ausbauen.

Auch zwei, drei weitere größere Islamverbände fangen an, auf eigene Faust Imame in deutscher Sprache auszubilden – so nehmen sie der Kritik an Import-Imamen die Wucht und müssen doch nicht auf das Angebot der akademischen Ausbildung zurückgreifen. Die Verbände fürchten um ihren Einfluss.

Auch in den Gemeinden gibt es Vorbehalte gegenüber den theologischen Instituten. Sie seien eingerichtet vom Staat, nur um den Islam nach eigenen Wunschvorstellungen zu formen. Abdulsamet Demir, der Imam aus Hamburg, sagt es so: "Stallgeruch spielt eine große Rolle. Die Gemeinde muss einen kennen, wissen, woher man kommt, einem vertrauen." Seine Moschee gehört zu Millî Görüş. Ein etwas schillernder Verband, der in Hamburg bis vor einigen Jahren noch vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Andererseits auch eine Organisation, die sich in manchen Regionen stark wandelt, mit einer Jugend, der Integration wichtig ist.

Wie schafft man es also, dass die Imame in Deutschland ausgebildet werden, nicht aus dem Ausland kommen und finanziert werden und doch allen Ansprüchen gerecht werden? Der Staat kann es nicht richten, er muss sich aus Religionsangelegenheiten heraushalten, so will es das Grundgesetz.

"Es hilft nicht, nur auf die Türkei und ihre Entsendepraxis zu schimpfen", sagt Bülent Ucar, "wir brauchen konstruktive Vorschläge." Ucar ist Leiter und Gründer der Islamischen Theologie in Osnabrück. Er hätte einen Vorschlag. Seit Jahren fordert er die Einrichtung eines Imamseminars, vergleichbar mit einem Priesterseminar. Denn die Hochschulen allein könnten die Ausbildung nicht leisten und dürften es auch nicht aus religionsverfassungsrechtlichen Gründen. Sie sind für die Theorie zuständig. Die Praxis, Gemeindepädagogik, Liturgie, Seelsorge, wie man richtig betet, wie man Verstorbene wäscht, das wäre Aufgabe eines Imamseminars. Dabei müssten die islamischen Verbände mit eingebunden werden. Zur Finanzierung könnte man etwa einen unabhängigen Träger einrichten, der vom Staat Gelder erhalte. Eine Quersubventionierung, ähnlich wie bei den Kirchen.

Auch Mouhanad Khorchide hat einen Lösungsvorschlag. Er leitet das Zentrum für Islamische Theologie in Münster. Mit 800 Studierenden ist es das größte. Khorchide hat ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass höchstens eine Handvoll der Studenten darüber nachdenkt, einmal als Imam zu arbeiten. Die meisten studieren auf Lehramt. Khorchide schlägt deshalb einen unkonventionellen Weg vor: Warum bringt man nicht die Schule in die Gemeinden und schickt islamische Religionslehrer in die Moscheen? Als Teilzeit-Imame. Durch ihr Theologiestudium hätten sie genügend Expertise, um auch eine Freitagspredigt halten zu können, für die religiöse Unterweisung der Jugendlichen wären sie bestens ausgebildet, und finanziell wären sie durch den Lehrerberuf abgesichert. Khorchide könnte sich auch eine Moscheesteuer für die Finanzierung der Imame vorstellen.

Bis nicht geklärt ist, woher das Geld kommt, wird Rauf Ceylan von seinen Erstsemestern in Osnabrück noch öfter hören: "Warum soll ich einmal als Imam arbeiten, da verdiene ich bei McDonald’s mehr."