Das größte Geschäft

Wenn man ganz am Ende darüber nachdenkt, was nun das Allertraurigste in dieser monumentalen und eigentlich auf jeder Seite und in jedem Absatz fürchterlich traurigen Geschichte über die Drogenwelt war, gibt es mehrere mögliche Antworten.

Da sind erstens die vielen Unschuldigen, all jene Mädchen und Frauen vor allem, die durch ihre Väter, Söhne, Ehemänner in diesen Krieg hineingezogen werden und niemals eine Chance auf so etwas wie ein Leben haben; da sind die Kinder, die zusehen müssen, als die Eltern gefoltert werden, und die Eltern, die zusehen müssen, wie die Kinder vergewaltigt werden, ehe sie alle sterben, Kinder und Eltern, es stirbt ja meist die gesamte Familie, damit die Botschaft der Mörder auch ankommt.

Und was für eine Einstiegsszene war das damals, dieses erste Massaker an einer Familie im ersten Band von Don Winslows Kartell-Trilogie. Was für ein erster Satz im Original: "The baby is dead in his mother’s arms." Damit begann die Geschichte, und jetzt, zu Beginn des dritten Bands, sind da wieder ein kleiner Junge und seine Mutter, sie stehen in Washington vor dem Denkmal für die Gefallenen von Vietnam, und dann fallen Schüsse.

Oder aber: Da sind zweitens die Journalisten, die es ernst meinen mit der Wahrheit, die bitterlich an ihren Auftrag glauben und opferbereit aufklären möchten und entführt, gefoltert, ermordet werden; und wenn also schon wieder die Körperteile eines Journalisten auf dem Marktplatz von Juárez verteilt werden, scheint das Opfer niemanden in dieser ganzen verdammten Stadt auch nur zu interessieren. Und als schließlich Ana beerdigt ist, die so knapp vor der Enthüllung aller Zusammenhänge stand, da schreibt der alte Chefredakteur Óscar Herrera den letzten Artikel, verkündet das Ende der Zeitung, nimmt den Gehstock, schaltet das Licht aus und geht heim.

Das wenigste im Leben endet gut, das wissen wir Leser.

Drittens: Die Heldin der ersten Jahre, Nora Hayden, war einst die coolste, selbstverständlich auch die im handwerklichen Sinne vielseitigste Prostituierte Amerikas und wurde die Begleiterin des grausamsten aller Paten. Diese Nora, die sich erst nach dem Mord an dem einen wahrhaft guten Menschen dieser drei Romane traute, zur Kronzeugin gegen die Drogenmafia zu werden, und die damit den Paten Adán Barrera tatsächlich stürzte, kam davon, verbrachte mit dem ersten Mann, den sie lieben konnte, glückliche Jahre in Bahia de los Piratas in Costa Rica – aber nun, im dritten Band, wird sie wieder hineingezogen in den niemals oder nur mit dem Tod endenden Wahnsinn.

Doch nein.

Nein: Das Traurigste von allem ist dieses durchaus lange und vergebliche Leiden und Leben unseres Helden.

Sein Idealismus, was ist daraus geworden? Seine Kraft auch, die Wahrheitsliebe, das begeisterte Glück mit den eigenen Kindern, die Fähigkeit, Kunst und andere Schönheit zu erkennen, wo ist all das nach den Jahrzehnten des Krieges geblieben, nach den Lügen und Deals und Morden im angeblichen Dienst der Sache, wo ist es in diesem Moment, als die Geschichte zu Ende gehen soll, Weihnachten in New York City?

Es ist eine im Sinne des Themas weiße Weihnacht: 40 Kilogramm Heroin sind auf dem Weg in die Stadt, und diesmal, endlich, sollen sie alle auffliegen, die Chefs der Kartelle, aber auch jene Männer, die in den USA mitlügen und mitverdienen, die Herren der Wall Street und womöglich der gerade gewählte Präsident und jedenfalls dessen Schwiegersohn, der die grotesken Geldmengen aus dem Drogenhandel dadurch wäscht, dass er sie in gefährdete Immobiliengeschäfte lenkt.

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, im realen Drogenkrieg und in Don Winslows drei Romanen. Zuerst waren da die Tage der Toten (im Original: The Power of the Dog, 2005), es folgte Das Kartell (The Cartel, 2015), und nun liegen die Jahre des Jägers vor uns (The Border), das Finale.

Der Autor Winslow, 1953 in New York geboren und in dem Dorf Perryville an der Ostküste aufgewachsen, hat Journalismus und Militärgeschichte studiert und war einst Privatdetektiv und Reporter. Er war auch Schauspieler, Kinobetreiber, Unternehmensberater in den USA, Safarileiter in Kenia und Bergführer in China, doch seit über 30 Jahren lebt er in Kalifornien und schreibt Romane, die von Volten und Tempo leben, mit vielen Verben, wenigen Adjektiven.

Und ein Lebenswerk ist nunmehr komplett, das man leicht im Krimi-Regal versenken könnte, da es sich zweifellos um eine Thriller-Reihe handelt – doch es ist größer, weil dieser rasende Text aus schwierigen und präzisen Recherchen eine Geschichte formt, die gleich fünf der wichtigsten Themen Amerikas fühlbar und erfahrbar macht und kristallscharf durchdenkt.

Die nächste Generation der Gangster ringt um die Macht, es sind dumme Jungs

Die Kraft und das Elend von Migration, die niemals enden wird, solange es lebenswichtige Gründe gibt, die Heimat zu verlassen. Die Absurdität des Wegsperrens von Kleinkriminellen und Junkies in kommerzialisierten Gefängnissen. Die Korrumpierbarkeit vieler, der meisten, mutmaßlich so gut wie aller Menschen. Am Rande: die Wut der Männer auf die Frauen. Und im Mittelpunkt: die Drogen und ihre Städte und Länder zerstörende Wucht.

Winslow erzählt mit intellektuellem Anspruch

Wir hatten nach der Lektüre Fragen. Die Antworten kamen per Mail. Jener traurige Krieger, Art Keller, der im ersten Roman ein Drogenfahnder war, im zweiten (zunächst) ein Aussteiger im Kloster und der nun der Chef der Drug Enforcement Administration (DEA) geworden ist – lieber Don Winslow, mögen Sie diesen Mann eigentlich? Bewundern Sie Art Keller?

Winslow schreibt zurück: "Keine Ahnung, ob ich ihn mag oder nicht. Die Antwort hängt vermutlich davon ab, an welchem Tag Sie mich fragen."

Keller ist ein literarischer Held – mit fulminanten Schwächen.

Winslow schreibt: "Ja, er hat Qualitäten, die ich bewundere: seine Leidenschaft, seinen Mut, seine Moral. Aber es gibt eine Kehrseite – seine moralische Starrheit, seine Obsession, seine Unbarmherzigkeit."

Sein größter Fehler?

Winslow antwortet: "Sein größter Fehler ... nun, er opfert sein besseres Ich für sein Streben nach Revanche, die er wiederum als Gerechtigkeit missversteht. Er zerstört seine erste Ehe und die Beziehung zu seinen Kindern durch dieses Streben. Seine erste Ehefrau, Althea, versucht es ihm zu erklären, aber er hört es nicht. Und dann, irgendwann, bereut er es. Seine zweite Ehefrau, Marisol, ist dann eine Schlüsselfigur dieser Saga. Wissen Sie, ich habe es nie geschafft, den schieren Mut der mexikanischen Frauen dieser Ära zu begreifen ... Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass sie sein Gewissen sei – er hatte schon vorher eines, ein überaktives –, aber sie fordert ihn auf eine Weise heraus, wie es sonst niemand vermag."

Der erste Teil der Trilogie beginnt 1975, ein Mohnfeld wird verbrannt, der junge DEA-Agent Art Keller und der junge Adán Barrera, zu jener Zeit noch Boxmanager, begegnen sich; Keller lässt sich im Ring verdreschen, um dem Mexikaner nahe zu kommen. Die Romanfigur Barrera und das im Roman wie in der Wirklichkeit existierende Sinaloa-Kartell steigen auf, es geht schmutzig, verlogen, mörderisch zu, aber im Vergleich zu dem, was folgen wird, sind es die guten, die romantischen Narco-Zeiten. "Unputdownable" war das Wort der New York Times für diesen Roman, "unniederlegbar".

Der zweite Teil setzt 2004 ein, die Kartelle führen nun Krieg gegeneinander. Flugzeuge werden vom Himmel geholt, Bomben gelegt, alle Spielregeln und Tabus sind abgeschafft. Adán Barrera sitzt im Gefängnis in den USA, doch Art Keller kann die Auslieferung nach Mexiko nicht verhindern, und in Mexiko ist Adán schnell wieder frei. Parallelen zum real existierenden Joaquín Guzmán Loera, "El Chapo", sind kein Zufall.

Der dritte Teil nun, Jahre des Jägers, beginnt 2012, und Adán ist tot. Hat Keller ihn in Guatemala erwischt? Die nächste Generation der Mafiosi ringt um die Macht, es sind dumme, verzogene Jungs, "Los Hijos", die das ganze Geld und den Ruhm von Papa geerbt haben und töten und vögeln wollen, aber nicht denken können. Sie filmen ihre Verbrechen und stellen die Filme auf YouTube, doch damit fängt dieser Teil der Saga erst an, denn dann spielen die Erwachsenen mit.

Don Winslows Kartell-Trilogie erstreckt sich über 3000 Seiten. Sie erzählt bisweilen ganz zart und ganz klein, dann nämlich stellt sie Menschen wie Nico vor, der sich "Nico Rapido" nennt, weil er so schnell rennen kann. Nico ist chancenlos auf der Müllhalde El Basurero in Guatemala aufgewachsen, ist erst zehn Jahre alt und sucht im Abfall nach etwas Verkaufbarem, damit die Mutter die Schutzgeld-Erpresser bezahlen kann und nicht schon wieder vergewaltigt wird.

Nun soll der flinke Nico zum Kurier der Mafia gemacht werden; und darum schickt die Mutter ihn fort, gleich morgen früh und Richtung New York.

Dies allein ist von Elternliebe in diesem Guatemala noch übrig, anders kann eine Mutter ihrem Sohn nicht mehr helfen – und Nico muss, um jemals in die USA zu gelangen, die "Bestie" besteigen, diesen fürchterlichen Güterzug nach Norden, den so viele und vielleicht die meisten, wer weiß das schon, nicht überleben. Wer Nico Rapidos Geschichte liest, spürt und erlebt, was Flucht für die Fliehenden und die Bleibenden bedeutet.

Und wenn wir erst zu lesen begonnen haben, lesen wir weiter, weil wir wissen müssen, ob Nico morgen noch lebt. Und Keller? Nora? Marisol?

Dann wieder erzählt Winslow mit intellektuellem Anspruch. Wir verstehen Strukturen, historische Zusammenhänge, sehen auf einmal dieses monumental komplexe Desaster entschlüsselt vor uns, das aus dem Handel mit Kokain, Heroin und all den anderen illegalen Drogen über die Jahrzehnte geworden ist. Wir begreifen: Mexiko handelt nicht edler oder skrupelloser als Kolumbien, Honduras oder die USA, und Letztere sind eben nicht deshalb die Opfer, weil die Kinder von Staten Island, diesem trostlosesten Bezirk New Yorks, am Ende der Verwertungskette die letzten Käufer sind.

Nun sind die USA ein Land, das in Drogen versinkt

Der Autor hat recherchiert, wie in den mexikanischen Drogenkartellen regiert und gesprochen wird, welche Regeln warum gebrochen werden; er kennt die Welt der Junkies; er weiß, wie korrupt oder womöglich pragmatisch Polizisten im Osten und im Westen der USA agieren und wie zynisch in Washington, D. C., gespielt wird.

Die Anti-Drogen-Industrie sei längst selbst ein großes Geschäft, sagt Winslow

Die USA, das war die Ursünde, haben den Kalten Krieg einst auch in Südamerika ausgetragen. Regime gestürzt. Kommunisten gejagt. Es war, so erzählt es Winslow, eine Phobie, anfangs mit reinen Motiven: Bei der CIA dachten sie ja wirklich, dass die Sowjetunion nahe und alle Kommunisten teuflisch seien. Bald jedoch destabilisierte die CIA aus reinem Machtkalkül demokratische Regierungen, und sie lieferte Geld und Waffen an Diktatoren und Drogenkartelle. Staaten zerfielen. Korruption, Gewalt, die Drogen blieben.

Und dadurch erzeugten und befeuerten die USA jenen Drogenhandel und jene Migration, die sie heute so dringlich stoppen wollen.

Haben wir Sie richtig verstanden, Herr Winslow? Ist es das? Die Ursache von allem?

Winslow schreibt zurück: "Yeah, das trifft ziemlich genau den Kern meiner Überzeugung ... Freigegebene Dokumente belegen die ungeheuer zynischen Manöver der Nixon-Regierung, mit denen Minderheiten und jene Gegenkultur bekämpft wurden, die Nixon – vermutlich richtigerweise – für seine Feinde hielt. Das verstärkt meinen Glauben, dass der 'Krieg' gegen die Drogen von Anfang an ein Fehler war. Wir können das Drogenproblem auch nicht durch Prohibition in den Griff bekommen, es funktioniert einfach nicht. Es kann ausschließlich auf der Nachfrageseite angegangen werden – als jenes soziale und gesundheitliche Problem, das es nun einmal ist. Und nicht als ein kriminelles Problem – das es nämlich nicht ist."

Wie eigentlich konnte, über all die Jahrzehnte, die gesamte westliche Anti-Drogen-Politik derart wenig erreichen?

Winslow schreibt: "Es ist deshalb so schrecklich schiefgelaufen, weil die Anti-Drogen-Industrie längst ein ähnlich großes Geschäft geworden ist wie jene Drogen-Industrie, die angeblich bekämpft werden soll. Polizisten, Richter, Gefängnisse, die ganze Ausrüstung – es ist ein riesengroßes Geschäft. Außerdem gibt es einen moralischen Beharrungszustand – und seit 50 Jahren die gleichen reflexhaften Reaktionen. Wir müssen neu kalibrieren und neu denken."

Welchen Effekt wird nun Donald Trumps Mauer haben? Ihr Roman legt nahe, dass Sie von diesem Plan nichts halten.

Winslow: "Ja, klar, die Mauer wird nichts Gutes bewirken. Der Grund ist schmerzhaft simpel: Über 90 Prozent der illegalen Drogen, die über die südliche Grenze in die USA gelangen, kommen durch die legalen Grenzübergänge, die auch nach Vollendung der Mauer bestehen bleiben werden. Wir reden über die geschäftigsten Grenzübergänge der westlichen Welt. Die Drogen kommen in kommerziellen Lastwagen; davon gibt es 5000 pro Tag, die schlicht nicht allesamt durchsucht werden können, ohne den Volkswirtschaften beider Länder schwer zu schaden. Rund 105 Lastwagen pro Tag queren die Grenze an abgeschiedenen Orten, dort agieren meist kleine Drogenschmuggler. Wenn nun die Mauer gebaut wird, müssen diese Schmuggler auf die legalen Grenzübergänge ausweichen, die von den großen Drogenkartellen kontrolliert werden. Dort werden dann Steuern für die Kartelle fällig – weshalb die Drogenkartelle von der Mauer am Ende sogar profitieren werden."

Kunst hat nicht selten mit Größenwahn zu tun. Wie konnte, vor dem Notieren der ersten Note oder des ersten Buchstabens, irgendwer allen Ernstes glauben, dass am Ende seines Wirkens so etwas wie der Ring des Nibelungen stehen würde? Oder, um Winslow doch ein, zwei Kategorien niedriger einzusortieren: Der Herr der Ringe, Der Pate, Harry Potter, Game of Thrones?

Don Winslow sagt, er habe so etwas nie geglaubt und nie geplant, er habe einfach Krimi-Stoffe gesucht und das erste Buch geschrieben, aber danach sei die katastrophale Wirklichkeit noch katastrophaler geworden, weshalb er ein zweites Buch schreiben musste, und nun sind die USA ein Land, das in Drogen versinkt.

Wer heute durch die USA fährt, erlebt, wie ganze Städte und Bundesstaaten verfallen. Staten Island erinnert an Lagos, es gibt kein Geld für Krankenschwestern oder Schulen, also natürlich auch keines für Prävention oder Entzug oder Rehabilitation. In Bundesstaaten wie New Hampshire reden die Menschen von einer "Epidemie", die Junkies hocken überall.

Eigentlich müsste eine aufgeklärte, wohlhabende westliche Gesellschaft im Jahr 2019 über künstliche Intelligenz diskutieren, den Zustand der Demokratie oder die Klimakrise debattieren; so weit sind die USA nicht. Sie reden aber nicht einmal über die Drogen. Die Grenze zu Mexiko, die "Invasion" (Donald Trump) der Migranten und die Mauer sind im Frühling 2019 das Thema aller Talkshows. "Unser Land ist voll", sagt der Präsident und lässt an der Grenze Kinder von ihren Eltern trennen.

Das ist Sündenbock-Politik – die Wahrheit wäre kompliziert.

Literatur aber kann sie bewältigen. Und alle paar Jahre erscheint ein Buch und legt die Schwächen einer Gesellschaft offen, da es dorthin trifft, wo Erkenntnis auf die traurigste Weise schmerzt.

Lesen Sie hier das Email-Interview mit Don Winslow, das diesem Artikel zugrunde liegt (für Abonnenten).

Don Winslow: "Jahre des Jägers". Aus dem Englischen von Conny Lösch; Droemer Knaur, München 2019; 992 S., 26,– €, als E-Book 14,99 €