"Ihr betet die Sonne an, das ist Sünde!"

Delberin ist zu den Seinen zurückgekehrt. Doch es ist, als würde er sie lieber nicht kennen. Der 13-Jährige hockt im Wohnzimmer seines Onkels in Baadre, einem Dorf im Nordirak, um sich herum Tanten und Cousins. Er blickt sie an und ruft ihnen zu: "Ungläubige! Ihr seid Ungläubige!"

Delberin Said Cheiro hat die Haare noch kurz geschoren. An diesem Tag im April ist es erst zwei Tage her, dass sein Onkel ihn an einem Grenzübergang in den Arm nahm. Delberin kam aus Syrien, aus dem letzten Gebiet unter Kontrolle des "Islamischen Staats" (IS).

Im August 2014 verschleppten schwarz vermummte Männer den Jungen, seine Eltern und Geschwister und alle aus seinem Dorf Hardan in der Region Sindschar, die sie nicht vorher getötet hatten. Delberin ist Jeside, Angehöriger einer religiösen Minderheit, die der IS häretisch nennt und seinen Anhängern zur Ermordung und Versklavung empfiehlt. Seine Entführer bläuten Delberin ein, dass jene Menschen, die er liebte, Ungläubige seien. "Ihr betet die Sonne an, das ist Sünde", sagt Delberin. Die Sonne ist neben einem Engel in Pfauengestalt eines der wichtigsten Symbole im Jesidentum. Zwar glauben die Jesiden an einen Gott, wie Muslime und Christen, aber für den IS sind sie Götzenanbeter.

Delberins Onkel Jasser Hayder, 35, der ihm gegenüber auf einem Kissen sitzt, legt nur den Kopf schräg und lächelt. "Sie haben dem Jungen das Gehirn gewaschen", sagt er. Seine Verwandten wollen geduldig mit Delberin und seinem kleinen Bruder Kasim, 7, sein. Nach allem, was sie wissen, wurden Mutter und Vater vom IS umgebracht.

Das Morden an den Jesiden schockierte vor fünf Jahren die Welt. Es waren zuerst wackelige Handyaufnahmen, die aus den Sindschar-Bergen kamen, von Menschen zu Fuß auf der Flucht in sengender Hitze, verdurstenden Kleinkindern. Nicht zuletzt diese Bilder bewogen den damaligen US-Präsidenten Barack Obama dazu, in den Krieg gegen den IS zu ziehen. Auch Deutschland schloss sich der Militärallianz an, einem Bündnis westlicher und arabischer Staaten mit den kurdischen Truppen im Irak und Syrien. Ende März hat diese Koalition dem IS das letzte Stück Land abgerungen. Erst jetzt wird das volle Ausmaß der Zerstörung fassbar, die er hinterlässt.

Bevor der IS 2014 die Region Sindschar im irakisch-syrischen Grenzgebiet angriff, lebten dort etwa eine halbe Million Jesiden, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Heute sind die meisten ihrer Dörfer zerstört, auch Delberins. Etwa 370.000 Jesiden leben in den Flüchtlingslagern im Nordirak, Zehntausende haben im Ausland Asyl gefunden. Nur wenige sind bislang nach Sindschar zurückgekehrt.

Es gibt inzwischen präzise Zahlen zu den Bildern, die 2014 um die Welt gingen. Nach Angaben der nordirakischen Behörden töteten die IS-Milizionäre damals 1293 Jesiden, meist Männer. 6417 Frauen und Kinder wurden von den Dschihadisten entführt und versklavt. Frauen und Mädchen wurden zur Arbeit gezwungen, viele von ihnen über Jahre vergewaltigt. Jesidische Jungen wie Delberin sollten lernen, mit dem IS in den Krieg zu ziehen.

"Ich will zurück nach Baghus", sagt Delberin. "Wie kannst du zu denen wollen, die deine Eltern ermordet haben?", fragt der Onkel. "Das mit meinen Eltern ist nicht meine Sache", sagt Delberin. Er blickt trotzig. "Ich will nicht bei Ungläubigen sein." – "Aber Delberin", sagt der Onkel. Sein Ton ist flehend. "Warum nennst du uns Ungläubige? Du sagst, Gott sei groß. Was kann denn größer sein als unsere Sonne?" – "Der Himmel", sagt Delberin wie aus der Pistole geschossen.

Der Onkel, die Tanten, die Gäste – alle lachen herzlich. Die Dschihadisten mögen Delberins Gehirn gewaschen haben, aber seinen Witz haben sie ihm nicht genommen. Man merkt ihm an, dass er einen wachen Verstand hat. Erst schaut Delberin zu Boden. Dann lacht er mit.

Eine neue, starke Stimme

"Es ist kein Problem, wenn du uns Ungläubige nennst", sagt sein Onkel. "Wir lieben dich. Du wirst zu uns zurückkehren." Sein kleiner Bruder Kasim ist von draußen hereingerannt und kuschelt sich dem Onkel schon auf den Schoß. Delberin will sich nicht umarmen lassen. Aber es wirkt so, als könnte er bald selbst die Umarmung suchen.

Die Bilder von 2014 lösten im Westen auch eine Welle von Hilfsbereitschaft für die Jesiden aus. Die jesidische Aktivistin Nadia Murad, die in Deutschland Schutz fand, wurde mit einer Rede vor dem Europaparlament über ihre Zeit beim IS bekannt. 2018 wurde ihr für ihren Einsatz für die Opfer sexualisierter Gewalt der Friedensnobelpreis verliehen.

Meist jedoch haben jesidische Familien im Irak sich selbst geholfen. Über Jahre kauften sie über arabische Mittelsmänner Geiseln frei. Zwischen einigen Hundert und mehreren Zehntausend US-Dollar wurden dafür gezahlt. Die jesidischen Vertriebenen fanden zuerst bei Angehörigen ihrer Glaubensgemeinschaft Obdach. In Baadre, dem Dorf von Delberins Onkel, lebten zeitweise drei, vier geflüchtete Familien mit den Bewohnern in einem Haus.

Diese Wochen sind für manche jesidischen Familien eine Zeit der letzten Hoffnung. Anfang Mai 2019 werden nach Angaben von nordirakischen Behörden noch immer rund 3000 Frauen, Männer und Kinder vermisst. Vielleicht, so hofft nun mancher, finden sich doch noch Überlebende unter den Zivilisten, die aus dem letzten IS-Gebiet kamen und nun in Lagern in Syrien sind.

Der Mann, auf den die Familien setzen, erwartet Gäste in einem abgelegenen Dorf im Norden Syriens. Scheich Siad, Ende 30, leitet das "Jesidische Haus" in der kurdischen Selbstverwaltungszone. Siad ist Jeside aus Syrien und vertritt die Gemeinschaft seit 2012 in einem der kurdischen Räte, die hier regieren. Er und sein Team vom Jesidischen Haus haben in den vergangenen Wochen unter den Flüchtlingen aus IS-Gebieten nach überlebenden Jesiden gesucht. Etwa 200 Frauen und Kinder haben sie seit Jahresbeginn geborgen. Wen sie finden, den bringen sie bei einer jesidischen Familie in der Gegend unter, bis die Ausreise in den Irak organisiert ist. So retteten sie auch Delberin.

"Ihr betet die Sonne an, das ist Sünde!"

© ZEIT-Grafik

Siads Büro im Jesidischen Haus ist düster, rund um einen Ölofen stehen einfache Sofas an den Wänden. Auf einem sitzen die Schwestern Ghalia, 11, und Hariman, 5, Waisen. Sie wohnen bei einer Pflegefamilie und spielen manchmal im Garten des Jesidischen Hauses. Auf dem Sofa ihnen gegenüber steht ein Foto, vergrößert und auf Pappe geklebt, auch darauf zwei Kinder, blutverschmiert und leblos. "Fermana, 3. 8. 2014" steht darunter, Ort und Datum eines Massakers in der Region Sindschar, in der auch Ghalia und Hariman knapp dem Tod entgingen. Die beiden schauen das Bild nicht an. Siad will es nicht verdecken. "Warum?", fragt er. "Sie haben das doch in echt gesehen."

Dass ältere, "geschändete" Frauen und Mädchen nach ihrer Befreiung vom IS überhaupt wieder aufgenommen würden, war in der jesidischen Gemeinschaft nicht selbstverständlich. Frauen, die eine Beziehung mit einem Nichtjesiden eingehen, werden üblicherweise verstoßen; sogenannte Ehrenmorde sind nicht selten. Siad sagt, er sei froh, dass die religiösen Führer um das Oberhaupt der Jesiden, den Baba-Scheich, schon 2014 entschieden, dass die verschleppten Frauen zurückkehren dürfen. Anders ist es allerdings mit ihren Kindern, die nach Vergewaltigungen geboren wurden: "Es sind keine Jesiden, also können wir sie nicht aufnehmen", sagt Siad. So sehen es auch die religiösen Oberhäupter. Erst Ende April bekräftigten sie, dass diese Kinder von ihren Müttern in den Flüchtlingslagern in Syrien zurückgelassen oder im Irak in Waisenhäuser gegeben werden sollen. Die Nobelpreisträgerin im deutschen Exil, Nadia Murad, hat diese Haltung angeprangert: Die Entscheidung über die Kinder solle allein bei den Müttern liegen. Ihr weltweites Engagement hat Murad und anderen jesidischen Frauen eine neue, starke Stimme in der jesidischen Gemeinde gegeben. Sie könnten die Patriarchen dazu bewegen, ihr Urteil noch zu revidieren. Die nächsten Generationen wachsen nicht nur fern der alten Heimat, sondern womöglich auch mit neuen Regeln auf.

Am Ende des Gesprächs mit Scheich Siad greift Ghalia, die größere der Schwestern, nach einem Stift. Auf dem Papier, auf dem die Reporterin die Namen der Mädchen notiert hatte, malt sie einen Buchstaben nach dem anderen nach. Ghalia war noch nicht in der Schule, als der IS sie verschleppte. Jetzt schreibt sie zum ersten Mal ihren eigenen Namen. Bald sollen die Mädchen zu Verwandten in den Irak ausreisen. Der Junge Delberin wartet dort schon auf den Spätsommer. Dann beginnt das neue Schuljahr. Auch er will richtig schreiben lernen.