Josef Wirges marschiert die Venloer Straße entlang. Sie ist die Lebensader des Kölner Stadtteils Ehrenfeld. Der Bezirksbürgermeister geht vorbei an Gründerzeithäusern, Nagelstudios, Dönerläden und Ein-Euro-Paradiesen. Türkische Gemüseläden und Frauen mit Kopftuch, nebenan Hipster beim veganen Imbiss. "Mir gefällt die Mischung", sagt Josef Wirges, "das Chaos und die Vielfalt."

Am Ende der Straße, am Rande der Innenstadt, erhebt sich ein kolossales Gebäude. "Ist das nicht ein wunderschöner Bau?", schwärmt Wirges. Er zeigt auf die Zentralmoschee. Zwei 55 Meter hohe Minarette, in deren Mitte sich die Kuppel aus Sichtbeton wie eine Blüte öffnet, dazu ganz viel Glas als Symbol für Transparenz. So hatte es sich der renommierte Kirchenarchitekt Paul Böhm einst ausgedacht. Doch gekommen ist es ganz anders.

Zwischen der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), der die Moschee gehört, und Bürgermeister Wirges herrscht Eiszeit. "Die Tür ist erst mal zu", sagt Wirges. "Ich habe alles versucht, aber es ist einfach zu viel passiert."

Jahrelang hatten Bund und Länder die Hoffnung, mit der Ditib endlich einen Kooperationspartner zu finden, mit dem man ähnlich zusammenarbeiten kann wie mit den beiden großen christlichen Kirchen. Mit 1000 Moscheegemeinden und mehr als 100 Kulturvereinen ist die Ditib der größte islamische Dachverband in Deutschland. Die Hoffnung ist inzwischen aber dahin: Ein Bundesland nach dem anderen setzt die Zusammenarbeit aus. Vor wenigen Monaten erst beendete Hessen die Gespräche mit der Ditib über den islamischen Religionsunterricht. An keinem zweiten Ort in Deutschland aber lässt sich die Entfremdung zwischen Politik und Ditib so gut verstehen wie in Köln, Stadtteil Ehrenfeld, und keiner kann sie so gut erklären wie Bezirksbürgermeister Josef Wirges.

Seit der Eröffnung der Moschee durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im September 2018 hat das Verhältnis zwischen der Ditib, die in Köln ihre Deutschlandzentrale hat, der Stadt und ihren Bürgern massiven Schaden genommen. Einsam trottete Wirges an jenem sonnigen Samstag, dem Tag der Eröffnung, vor der Moschee auf und ab und diktierte seine Enttäuschung in die Blöcke der Reporter, während sich Erdoğan vor einigen Hundert von der Ditib sorgfältig ausgesuchten Gästen feiern ließ. Tausende Erdoğan-Fans waren angereist und schwenkten die türkische Halbmond-Flagge. An den Absperrbändern seien Hetzparolen gegen die Ungläubigen skandiert worden, erinnert sich Wirges. Manche zeigten den Rabia-Gruß, das Erkennungszeichen der extremistischen Muslimbrüder.

"Der Despot aus der Türkei hat an diesem Tag einen gewaltigen Scherbenhaufen hinterlassen", sagt Wirges, der die Veranstaltung wie auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Oberbürgermeisterin Henriette Reker boykottierte. "Er hat die Moschee endgültig zur Außenstelle Ankaras gemacht, zu einer türkischen Behörde auf exterritorialem Gebiet."

Josef Wirges, 66 Jahre alt, ist eine sozialdemokratische Bürgermeisterlegende. Seit 40 Jahren macht der ehemalige Normungskoordinator beim Deutschen Städtetag Kommunalpolitik, seit 22 Jahren steht er an der Spitze der Ehrenfelder Verwaltung. Den "Jupp" kennt eigentlich jeder hier. Wirges, in seinem Stadtteil geboren und aufgewachsen, sieht sich als leidenschaftlicher Demokrat, Europäer, Verfechter von Toleranz und Meinungsfreiheit. Der Jupp will, dass jeder zu seinem Recht kommt. Auch die Muslime sollten gemäß Grundgesetz ihre Religion frei ausüben dürfen. "Die Moschee zu bauen war deshalb richtig", sagt er noch heute – trotz aller Verwerfungen.

Doch der einstige Kämpfer für die Moschee ist über die Jahre zum wohl größten Kritiker der Ditib geworden. Als nach langem Streit um die Höhe der Minarette der Bau des größten muslimischen Gotteshauses in Deutschland endlich konkret wurde, formierte sich abermals massiver Widerstand aus der Bürgerschaft. Vertreter der rechtsextremen Partei "Pro Köln" marschierten, boten ihren Anhängern sogar eine Sightseeing-Fahrt zur Baustelle an. "Wir haben dagegengehalten", erinnert sich Wirges. "Das sollte ja unsere Moschee werden." Untergehakt, Arm in Arm, standen er und die Befürworter der Moschee regelmäßig vor der Baugrube, um als Zivilgesellschaft für die Muslime einzutreten und den Rechten die Stirn zu bieten. "Wir standen im Feuer. Ich habe meinen Arsch hingehalten für die Ditib, das kann ich schon sagen."

In dieser Zeit musste Wirges erleben, wie unmenschlich Menschen werden können. Rechtsextremisten hetzten im Internet, bedrohten ihn per Mail und am Telefon, die Reichsbürger verurteilten ihn zum Tode, und das gleich zweimal: einmal durch Hängen, das andere Mal durch Erschießen. Die Urteile wurden ihm schriftlich zugestellt.