DIE ZEIT: Frau Allmendinger, angenommen, wir hätten Besuch von einem Marsmenschen: Wie würden Sie ihm die Deutschen beschreiben?

Jutta Allmendinger: Als Menschen, die das Behagliche und Maßvolle schätzen. Sie wären sicher nicht die Ersten, die diesen Besuch erwidern würden. Aber sollten sie mit einer sorgfältig gebauten Rakete ankommen, wären sie für die Marsmenschen fortan sehr fleißige und zuverlässige Gesellen. Selbst wenn sie Ungleichheiten in der Gesellschaft und sich selbst in der unteren Mitte der Einkommensverteilung sähen, würden sie sich als zufrieden bezeichnen.

ZEIT: Ist das nun eine gute Nachricht, die Sie da aus den Ergebnissen der Vermächtnis-Studie ableiten?

Allmendinger: Na ja. Zunächst sind die Deutschen schon mal keine Jammerlappen! Sie gehen in ihrer Arbeit auf und sorgen sich um ihre Nächsten. Sie haben keine großen Ängste und verfügen über etwas, das man Selbstgenügsamkeit nennen könnte. Da ist eine hohe Stabilität in den Daten zu beobachten im Vergleich zum ersten Durchlauf der Studie 2015. Die Menschen erwarten auch keine großen Veränderungen ihrer sozialen Lage in den kommenden zehn Jahren.

ZEIT: Angesichts dessen, was politisch in der Zwischenzeit los war, hätten wir einen Bruch erwartet: Die AfD ist erstarkt, viele Flüchtlinge kamen ins Land, Trump wurde gewählt ...

Allmendinger: ... und die Unwörter der Jahre waren "Gutmensch", "Volksverräter" und "alternative Fakten". Ich gebe Ihnen recht, man hätte annehmen können, dass etwa die Angst vor Überfremdung nach oben geht in den Skalen, dass das Interesse an Politik, das Engagement gegen Populisten gestiegen ist. Stattdessen sehen wir erneut ein hohes Maß an Unbeeindrucktsein, ein Weiter-so, eine Gelassenheit in Bezug auf die politischen Verhältnisse.

ZEIT: So wie Sie das sagen, klingt dieses Unbeeindrucktsein nicht nur positiv.

Allmendinger: Ich vermisse in den Daten jeden Funken des Aufstands der Menschen gegen die sie umgebenden Kräfte. Ob Erfolg oder Misserfolg – sie fühlen sich für alles selbst verantwortlich. Wenn ich mich als Planungsbüro meines Lebens auffasse, sage ich nicht, dass ich in die falsche Familie geboren wurde, dass ich keine Chancen auf bessere Bildung hatte – nein! Dann sage ich: Ich strenge mich halt nicht so an, ich habe halt nicht so viel gelernt.

ZEIT: Beim zweiten Durchlauf der Studie haben Sie die Menschen nicht nur gefragt, welche Normen ihnen wichtig sind, was wichtig sein sollte und was der Gesellschaft in Zukunft wichtig sein wird. Sie haben diesen Dreischritt um eine vierte Frage ergänzt.

Allmendinger: Ja, wir wollten zusätzlich wissen, wie die Befragten ihre Mitmenschen heute einschätzen.

ZEIT: Was kam dabei heraus?

Allmendinger: Bei manchen Themen entsprachen sich die Selbsteinschätzung und das, was man an anderen Menschen wahrnimmt, etwa wenn es um den Wunsch ging, die neueste Technik zu verstehen oder gut auszusehen. Spannend wurde es bei den Themen, bei denen sich eine Kluft zwischen Selbst- und Fremdbeurteilung auftat. Die größte Abweichung haben wir bei der Frage nach guter, sinnstiftender Arbeit festgestellt.

ZEIT: Sie wollten von den Befragten wissen, ob sie einer Beschäftigung nachgehen, die sie auch wirklich machen wollen.

Allmendinger: Das bejahten 73 Prozent für sich. Wenn die Befragten allerdings sagen sollten, wie das bei ihren Mitmenschen ist, ging der Anteil runter auf 9 Prozent. Sie unterstellten ihnen also, jedwede Arbeit zu akzeptieren – mag sie noch so sinnlos sein.

ZEIT: Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Allmendinger: Sie verrät uns eine ganze Menge. Was man auf andere überträgt, stellt ja vor allem eigene Ambivalenzen dar. Für das konkrete Beispiel heißt das: Die Menschen nehmen sehr genau wahr, dass Arbeit in diesem Land längst nicht immer gute Arbeit ist. Sie sind aber geschickt darin, sich von dieser Erkenntnis abzuschotten und die eigene miese Arbeit positiv aufzuladen, das Beste daraus zu machen. Für uns ist dieser Abstand eine Art Lügendetektor. Wo machen sich die Menschen, wo macht sich die Gesellschaft etwas vor?

ZEIT: Wo war der Abstand noch auffällig?

Allmendinger: Auch bei der Wichtigkeit eigener Kinder und beim Wir-Gefühl klafften Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander. Diese Distanz spricht für politischen Handlungsbedarf.