ZEIT: Zunächst dürften sich die Politiker freuen, dass die Deutschen so wenig Ängste haben und dass ihre Lebenszufriedenheit so hoch ist.

Allmendinger: Politik ist nicht dazu da, einzelne Menschen glücklich zu machen. Sie hat es mit einem Gemeinwesen zu tun und muss sich um Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts kümmern. Was diesen Punkt betrifft, dürften sich die Politiker beim Blick in unsere Daten nicht freuen.

ZEIT: Was würden sie sehen?

Allmendinger: Dass die Menschen ihre kleinen Kokons haben. Sie haben oft wenige Verbindungen zu Menschen aus anderen Schichten, keine Netzwerke mit ihnen, da ist kein Austausch über feste Familien- und Freundeskreise hinaus. Insbesondere Menschen mit einer niedrigen Bildung sind oft nur in diesen Kokons unterwegs.

ZEIT: Liegt das an mangelndem Antrieb oder suchen die Menschen Schutz?

Allmendinger: Es ist eine Unbeholfenheit. Man weiß, dass sich die Welt verändert. Klima, Digitalität, die Segregation unserer Städte, die hohe soziale Ungleichheit. Was haben die Leute dem schon entgegenzusetzen? Das, was sie vor Jahren in der Schule, in der Lehre, in den Unis, im Job gelernt haben?

ZEIT: Warum nicht?

Allmendinger: Das Problem ist doch, dass es keine Institutionen auf der Höhe der Zeit gibt, die Halt bieten, die unterstützen, die Hilfe anbieten, die Wege, Orientierung, Möglichkeiten anbieten und bei der Umsetzung helfen.

ZEIT: Was meinen Sie damit konkret? Was bedeutet diese Diagnose etwa für die Bildungsministerin?

Allmendinger: Dass sie schleunigst Altersgrenzen bei Ausbildungsgängen aufbrechen sollte. Weiterbildung und lebenslanges Lernen – das sind Ausdrücke von gestern. Wir müssen über eine zweite und dritte Ausbildung reden, Jobwechsel sollten längst eine Normalität sein. Wir brauchen eine Umstrukturierung unseres Bildungssystems und Arbeitsmarktes.

ZEIT: Trauen Sie den stabilitätsverliebten Deutschen denn überhaupt zu, sich auf solche neuen Lebensläufe einzulassen?

Allmendinger: Ja. Denn in einem wichtigen Feld sehen wir tatsächlich einen Aufbruchswillen bei den Befragten. Und zwar, wenn es darum geht, Neues zu lernen, Neues zu erfahren, Neues überhaupt anzugehen. Da sind die Menschen wirklich gierig, vermissen aber, dass man ihnen Möglichkeiten an die Hand gibt. An dieser Stelle kann die Politik doch wunderbar ansetzen. Sie muss den Menschen helfen auf dem Weg in die Gesellschaft von morgen.

ZEIT: Die meisten Politiker würden behaupten, dass sie genau daran arbeiten.

Allmendinger: Tatsächlich betreiben sie aber sehr oft Klientelpolitik. Ein bisschen mehr Rente für Mütter von Kindern, die vor 1992 geboren sind, ein bisschen mehr Unterstützung für die Bauern, das Festhalten am Soli für den Osten. Unsere Daten belegen übrigens eindeutig, dass die Menschen sich ein solidarisches Gesundheitssystem wünschen, sie lehnen es ab, dass derjenige, der mehr zahlt, eine bessere medizinische Behandlung bekommt.

ZEIT: Wenn wir die Vermächtnis-Studie als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen verstehen und Sie auf die Ergebnisse von 2018 und von 2015 blicken: Welche Veränderungen sind schon im Gange? Welche sind nicht mehr zu stoppen?

Allmendinger: Ich glaube, dass Menschen in abgeschotteten Familien- und Freundeskreisen, den Kokons, innerhalb derer kommuniziert wird, den Anschluss verloren haben an andere Gruppen. Und das wird aufgrund der Zunahme von segregierten Schulen und segregierten Stadtteilen ziemlich schwer wieder aufzuholen sein. Ich bin überzeugt davon, dass wir viel zu wenig Interaktion haben mit Fremden.

ZEIT: Wozu führt das?

Allmendinger: Den anderen wird unterstellt, dass sie Werte vernachlässigen, die einem selbst wichtig sind. Die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung legt das offen. Die Menschen in Deutschland nehmen Veränderungen in der Gesellschaft sehr genau wahr, verneinen aber, dass sie selbst davon erfasst werden und überhöhen dabei den Einfluss von Veränderungen auf die anderen. Da ist sie doch, die Angst vor Verlust. Das ist ein heikler Punkt.

ZEIT: Was wäre Ihre Idee, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken?

Allmendinger: Wir brauchen gute Bildung für alle, ein Leben lang. Das ist die Grundlage für Vertrauen in die anderen. Wir brauchen Orte der Begegnung. Ein verpflichtendes soziales Jahr. Wir können darauf bauen, dass die Menschen gerne zur Arbeit gehen, sehr gerne. Aber sie wollen ihre Würde nicht verlieren, nicht jeden Job annehmen müssen. Wir müssen also gute Arbeit fördern. Und wir müssen die Risse in unserer Gesellschaft ernst nehmen, nicht warten, bis die Menschen auf die Straße gehen. Das wird so schnell nicht passieren. Auch da sind unsere Daten eindeutig: Ich sehe keine Revolutionäre. Das macht die Situation aber nicht besser, die Gesellschaft zerbröckelt im Inneren, Zusammenhalten können wir diese Inseln von Menschen nur mit gruppen- und sektorübergreifenden Politiken.