Mit seinem 2013 erschienenen Roman The Circle traf der US-amerikanische Autor Dave Eggers einen Nerv: Er beschrieb darin die überbordende Macht eines Internetkonzerns, kurz nachdem Facebook und Google die Eine-Milliarde-Nutzer-Marke geknackt hatten. Eggers spann damals aktuelle Entwicklungen in einer Dystopie weiter: Der Konzern The Circle ist Servicefabrik, soziales Netzwerk und Demokratiemaschine zugleich, über 85 Prozent der Weltbevölkerung sind seine aktiven Nutzer. 2017 wurde der Roman verfilmt – und jetzt für das Deutsche Nationaltheater Weimar vertont. Ludger Vollmer ist der Komponist, Berliner, Jahrgang 1961, er schreibt Opern nach Bestsellern wie Tschick oder nimmt Kinoerfolge wie Lola rennt und Gegen die Wand zur Vorlage.

Zwar sei die Situation heute "nicht viel schlimmer", wie Eggers in einem Gespräch am Nachmittag der Uraufführung sagt. Eine Reihe seiner damaligen Ideen sind allerdings Realität geworden. Das kann für eine Oper, die sehr nah am Stoff bleibt, ein Problem sein – oder aber die Chance bergen, die Qualität dieser Dystopie subtil selbst zum Thema zu machen. Die Oper, das wird gleich in den ersten Szenen klar, nimmt sich selbst nicht so ernst wie Eggers sein Buch oder James Ponsoldt den Film. Sie ist überzeichnet und ironisch und hat eine gute Distanz zum Stoff. In Andrea Moses’ Inszenierung laufen die Darsteller in pastellbunten Sportklamotten herum, sie tragen Turnschuhe und Hipsterbrillen und das Smartphone am Halsband (Kostüme: Svenja Gassen). Die Bühne von Raimund Bauer ist meistens leer und bietet mitunter beeindruckende Bilder, etwa wenn Ray Chenez als der mysteriöse Kalden das Mädchen Mae (Sayaka Shigeshima) mit in die "Cloud" nimmt: In einem rotierenden Würfel aus Lichtlinien schwebt da ein echter großer Würfel, der den Laser bricht und umlenkt und aussieht wie ein dreidimensionales schwarzes Quadrat von Kasimir Malewitsch. Dagegen wirkt das Büro des Circle wie ein Briefaufdampf-Keller der Stasi, nur mit Computern statt mit beigen Maschinen und in grellem Licht. Alles ist unwirklich und entrückt. Auch Vollmers Musik schillert in einer reichlich überdrehten Harmonik, was Kirill Karabits mit der hellwachen Weimarer Staatskapelle sensibel herausarbeitet.

Dass hier gesungen wird, hochvirtuos, voller Koloraturen und Registerwechsel, wirkt angesichts so banaler Sätze wie "Ich muss aufs Klo, ich muss aufs Klo" albern, und das ist es auch: Vollmers Vertonung setzt dem Text einen klingenden Harlekinhut auf – ohne sich über ihn lustig zu machen. Denn selbst in dieser Welt der schiefen stilistischen Zitate, der schreienden Plakativität und des plärrenden Mickey-Mousings entfaltet die Musik eine emotionale und manipulative Kraft. Mitzuklatschen und mitzuschnipsen, gar im Call-and-Response einer der vielen Gospelparodien mitzusingen, wenn der Opernchor des Deutschen Nationaltheaters rechts und links der Parkettreihen aufgestellt ist und mit vollem Volumen den Circle-Vorstand wie Jesus preist: das sind Automatismen, denen sich im Publikum einige nicht so ganz entziehen können.

Und genauso sind die Figuren auf der Bühne samt der Protagonistin Mae nicht einfach nur doof, weil sie sich manipulieren lassen. Die Oper holt das, was in der Internet-Anonymität ständig passiert, auf die Bühne und gibt ihm gleichsam einen Körper: Sie zeigt den Online-Menschen als Reflektor, als Mitsänger im Like-, Share-, Repeat- und Hate-Chor, der so gedankenlos wie gerne mitbetet. Im Dauerrauschen der Musik und der Bilder, der umherfliegenden Projektionen, Zitate, Messages, Mails und dem ständigen Flackern der Extra-Bildschirme rechts und links der Bühne wird das, was man hier "real" nennen würde, übertönt: der Selbstmord von Maes Exfreund Mercer, der Moment, in dem ihre Freundin Annie ins Koma fällt, die Sorge um ihren krebskranken Vater. Alle diese emotional ergreifenden Situationen werden nicht breitgetreten, wie man es von einer Oper vielleicht erwarten würde, sondern geschehen ganz beiläufig: als scrollte man durch den Instagram-Feed eines fremden Menschen und klickte hier und da mal auf das "Like" oder postete da und dort einen traurigen Smiley.

Immer öfter lächelt auch Mae wie eine routinierte Influencerin in die Kameras, perfekt eingefroren – klick –, ruft "Daaaaankeeeee!" oder winkt hysterisch. Ihr Verhalten hat etwas Psychotisches, in ihr buhlen permanent zwei unterschiedliche Welten um Aufmerksamkeit, und sie muss sich ständig entscheiden, welcher von ihnen sie ihre Wahrnehmung schenkt. Das macht Sayaka Shigeshima so überzeugend, dass man selbst nach drei Stunden nicht glaubt, ihre Figur auch nur ansatzweise erfassen zu können. Sie lernt wie ein Roboter, was sich in der Circle-Welt gehört und was nicht, algorithmisch potenzieren sich Erkenntnis und Moral, und am Ende ist sie fertig: "Teilen ist Heilen", singt sie mit entleertem Fotoblick. "Und alles Private ist Diebstahl." Der transparente Mensch, "TransparentHuman", ist nur eine Innovation unter vielen im Circle.

Dabei kann diese Oper noch viel mehr, als aus einem eher schwachen Libretto tatsächlich gelungenes Theater zu machen. Zwischen die laufenden Live-Videos von der Bühne mischen sich nicht nur Bilder vom Publikum, sondern auch minutenlange Sequenzen aus dem Orchestergraben, vom Dirigentenpult aus direkt in Kirill Karabits Gesicht gefilmt. Und so stellt sich eine weitere Frage: Wie transparent ist das Genre Oper überhaupt? Die Musik wird im Graben versteckt, umgebaut wird hinterm Vorhang, das Publikum sitzt im Dunkeln und lässt sich – all dieser Dinge wohl bewusst – berieseln, verwirren, erschüttern und täuschen. Vielleicht ist ja das Theater – der Zauber der Illusion und der Verwandlung, dem man sich als Zuschauer so gerne hingibt – am Ende die einzige Oase, die selbst im Circle immer unerfassbar bleiben wird: ein stillschweigender Pakt aller Theatergänger und Musikliebhaber, ihre abendliche Entscheidung für eine existenzielle Intransparenz.