Manfred Weber will das Gesicht Europas werden, Präsident der EU-Kommission. Aber wer kennt diesen 46-jährigen Europaabgeordneten einer deutschen Regionalpartei, der CSU, schon? Weber war nie Regierungschef, nie Minister, er hatte überhaupt noch nie ein Amt inne. Er ist weder glamourös noch skandalös. Seit 2014 ist er der Chef der größten Fraktion im Europaparlament, der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP). Für die meisten Europäer ist Weber ein Unbekannter.

Nicht nur deshalb begleitet Weber seit seiner Kür zum Spitzenkandidaten durch die EVP im November die Frage: Kann er das? Kann der höflich-zurückhaltende Bayer einen Apparat mit 32.000 Beamten leiten, darunter so manche, denen es an Selbst- und Sendungsbewusstsein nicht gerade mangelt? Als EU-Kommissionspräsident hätte er es zudem mit den Schwergewichten des EU-Rates zu tun, den (noch) 28 Staats- und Regierungschefs. Die wollen im Amt des Kommissionspräsidenten, sprich: des Vertreters des Integrationsprinzips, am liebsten jemanden aus den eigenen Reihen, jemanden, mit dem sie schon gearbeitet haben. Jemanden auch, der weiß, was es heißt, Regierungsverantwortung zu tragen.

Um Zweifel an seiner Befähigung zu zerschlagen, ging Weber auf Reisen. Noch vor der heißen Phase des Wahlkampfes brach er auf zu einer "Zuhör-Tour" quer durch Europa.

Sie führte ihn zum Beispiel nach Porto, der Hafenstadt im Norden Portugals, eines Landes, das schwer unter der Euro-Krise gelitten hat. Dort sagt Weber bei seiner Ankunft an einem sonnigen, klaren Märztag einen für ihn typischen Satz: "Ich will den Leuten das Gefühl geben, dass kein Land in der EU unwichtig ist, auch die kleinen sind es nicht." Bei Weber soll sich jeder aufgehoben fühlen. Keiner ist zu gering. Das ist zwar eine typische Brüsseler Floskel. Aber bei jenen, die Weber getroffen haben, kommt sie als ehrliche Botschaft an. Die Krebsforscherin Raquel Seruca saß mit ihm in der Universität von Porto zusammen, um über den Forschungsstand an ihrem Institut zu informieren. Seruca ist Sozialistin. Nach dem Treffen mit Weber sagt sie trotzdem: "Den könnte ich wählen."

Warum?

"Er war sehr aufmerksam, sehr offen." Zuhören, das ist eine der herausragenden Eigenschaften Webers. In einer Mediendemokratie, in der Politiker tönen müssen, ist sie zugleich eine schwer zu vermittelnde Tugend.

Hinzu kommt eine weitere, europaspezifische Schwierigkeit. Weber braucht die Hilfe aller konservativen Parteien aus 27 EU-Ländern, die in der EVP versammelt sind, um gewählt zu werden. Das wiederum bedeutet: Weber muss in den jeweiligen Mitgliedsstaaten mit Parteien auf Wahlkampf gehen, deren Positionen für ihn eigentlich unvertretbar sind. Es ist eine Slalomfahrt durch sehr unterschiedliche Politikwelten, und Weber muss dabei eine schwierige Ideallinie halten: Einerseits muss er alle für sich einnehmen, andererseits darf er sich nicht mit jenen gemeinmachen, die in anderen Ländern Wähler verschrecken könnten.

Im spanischen Málaga etwa tritt Weber mit Pablo Casado auf, dem jungen 38-jährigen Chef der konservativen Partido Popular. Gerade herrscht Wahlkampf um das spanische Parlament. Casados Rhetorik in der Migrationsfrage wird seit Wochen schärfer ("Wir können sie nicht alle aufnehmen!"), weil er glaubt, dass er der extrem rechten Partei Vox nur so das Wasser abgraben kann. Was ist da noch vernünftig und was schon enthemmt? Auch Weber hat eine bessere Kontrolle der Migration zu einer zentralen Forderung in seinem Wahlkampf gemacht, auch er spricht vom Grenzschutz.

EU - Sie verlieren den Überblick bei der Europawahl? Nicht doch! Wohin marschiert Macron? Wie stark wird die Rechte? Was passiert mit den britischen EU-Abgeordneten nach einem Brexit? Unser Video erklärt, wen und was wir wählen. © Foto: Zeit Online

Doch er sagt einen Satz, der den Unterschied zu rechts außen markiert: "Wir müssen hinter jedem Flüchtling den einzelnen, den konkreten Menschen sehen." Der gläubige Katholik Weber kann hart und klar über Migration reden, aber er redet nie hässlich über Migranten und Flüchtlinge. Die Versuchung christdemokratischer Parteien, sich zu radikalisieren, um Wähler nicht zu verlieren, kennt Weber aus der bayerischen Heimat. Die CSU rückte 2018 weit nach rechts, um die AfD einzuhegen. Es hat ihr bei der anschließenden Landtagswahl nicht geholfen, sie verlor über zehn Prozent der Wähler. Es wird auch, wie sich bei den spanischen Wahlen herausstellen sollte, für Casado nicht funktionieren.

In Athen tritt Weber mit Kyriakos Mitsotakis auf, dem Chef der dortigen konservativen Partei. Mitsotakis gehörte zu jenen, die bis zum Schluss gegen die Einigung im jahrelangen Namensstreit Griechenlands mit Mazedonien opponiert hatten – eine aus Sicht vieler deutscher Konservativer eher kleingeistige und nationalistische Auseinandersetzung. Trotzdem würde Weber Mitsotakis niemals offen kritisieren. Er braucht ihn für seine Wahl. Stattdessen sagt Weber: "Mitsotakis wird die Einigung nicht mehr infrage stellen."

Webers Gegner nennen solche diplomatischen Gratwanderungen Schlingern. Doch es ist wohl eher das Balancieren eines europäischen Politikers, der viele unterschiedliche Positionen respektieren und dennoch Konsens herstellen muss. Genau dies ist Webers Alltagsgeschäft als Fraktionsvorsitzender der EVP. Wer 218 Abgeordnete aus 28 Ländern zusammenhalten will, der muss zum Ausgleich neigen.

Aber gilt das auch gegenüber solchen Gruppenmitgliedern, deren Politik wichtigen Werten der Mehrheit der EVP eklatant zuwiderläuft? Gilt es, um Webers Hauptproblem beim Namen zu nennen, auch gegenüber dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der Leitfigur des europäischen Neonationalismus, dessen Partei Fidesz ebenfalls Teil der EVP ist?