Schwesig kommt dabei zupass, dass die meisten ihrer Minister keine großen Ambitionen hegen. Drei von ihnen sind so lange im Geschäft, dass sie die Zielgerade ihrer Laufbahn in absehbarer Zeit erreichen werden: Till Backhaus (SPD, 60, Landwirtschaft), Lorenz Caffier (CDU, 64, Inneres) und Harry Glawe (CDU, 65, Wirtschaft). Die meisten anderen wissen, dass ihre politischen und taktischen Fähigkeiten denen Schwesigs bei Weitem unterlegen sind.

Die meisten – außer Mathias Brodkorb.

Der, studierter Philosoph und Altphilologe, hatte einst wohl gehofft, selbst Nachfolger von Erwin Sellering werden zu können. Er ist strategisch versiert, bringt die intellektuellen und fachlichen Kapazitäten fürs Amt eines Regierungschefs mit – und hatte auf seinem Weg nach oben nur ein Problem: dass es Manuela Schwesig gibt. Dass er jetzt aufgibt, wird von denen, die es gut mit der Regierungschefin meinen, als Erfolg im Kampf gegen ihren einzigen tatsächlichen Rivalen gewertet. Und so könnte Brodkorbs Rücktritt, auf den ersten Blick eine Niederlage für Manuela Schwesig, schon bald umgedeutet werden zum Erfolg der Machtpolitikerin Schwesig.

Oder doch nicht?

Zumindest die Opposition wittert im Brodkorb-Rücktritt die Chance, der Chefin erstmals einen politischen Fehler nachweisen zu können.

"Mit diesem Schritt verliert das Kabinett seinen klügsten Kopf", sagt zum Beispiel Bernhardt Wildt von den Freien Wählern. "Es steht zu befürchten, dass sich der 'Chefsache-Stil' weiter verstärkt." Die "offenen und anspruchsvollen Diskussionen" mit Brodkorb werde er persönlich sehr vermissen, sagt Wildt. Auch die Linke ist plötzlich voll des Lobes für Brodkorb, den "hochintelligenten Politiker".

Und Vincent Kokert, Vorsitzender der CDU Mecklenburg-Vorpommerns – also jener Partei, mit der Schwesigs SPD eine Regierung bildet – sagt, "menschlich, politisch und fachlich" sei er sehr angetan gewesen von Brodkorb. Was fast lustig ist, weil ebenjener Kokert seinen Kollegen Brodkorb noch kurz vor dessen Rücktritt als "Taschenspieler" geschmäht hatte. Schwesig hat jetzt sehr offensiv gezeigt, wie groß ihre Macht-Ambitionen sind. Das wird auch in Berlin, in der SPD-Spitze, registriert. Was hat sie, die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende, eigentlich in Zukunft noch vor?

Es stellt sich außerdem die Frage, ob ein derart geschätzter Politiker wie Brodkorb in nächster Zeit nicht weiteren Ärger verursachen kann. Denn er behält vorerst sein Mandat im Schweriner Landtag. Über seine Pläne für die Zukunft mag er öffentlich nicht sprechen, auch nicht über seinen Rücktritt: "Mit der Sache habe ich abgeschlossen", sagt er der ZEIT ein interessanter Satz angesichts des Umstands, dass er ihn am Tag nach seinem Ausscheiden aus dem Amt sagt. Vielleicht sollte man Manuela Schwesig nicht eben raten, allzu sehr daran zu glauben.