1. Kunst oder Kitsch?

Was sitzt auf der Kommode, lacht, wackelt bei jedem Luftzug mit dem Kopf und den Armen und streckt zugleich die Zunge heraus? Das ist ein Pagode, auch Wackelpagode genannt. Unerschütterlich halten solche Porzellanfiguren ihre Stellung zwischen edlem Kunstgewerbe und Kitsch.

2. Eifrig nachgeahmt

Johann Joachim Kändler, der wichtigste Modelleur des frühen Meissen, hatte 1730/31 den Pagoden für das Japanische Palais Augusts des Starken geformt. Damals traten Pagoden männlich und weiblich auf. In vier verschiedenen Größen. Und weil Kändler damit so recht dem Hang der Zeit für Porzellane wie für Chinoiserien entgegengekommen war, ließen die Nachahmungen nicht lange auf sich warten. Ein ausgefallenes Beispiel dafür ist der Pagode aus Holz mit Lackmalerei, den Gérard Dagly, ein in den höchsten Tönen gerühmter Lackmeister und seit 1697 "Intendant der Ornamente" am preußischen Hof, für das Spiegelkabinett von Schloss Charlottenburg in Berlin schuf.

3. Missverständnisse

Die Bezeichnung "Pagode" ist eine Summe von Missverständnissen. Das verrät bereits das Grimmsche Wörterbuch: "pagode, f. m. das franz. pagode (aus sanskrit. bhagavati), indischer, chinesischer götzentempel, das darin verehrte götzenbild, sodann eine einem solchen bilde ähnliche figur, besonders mit wackelndem kopfe". Ursprünglich war das die Figur eines Bettelmönches, dessen Handflächen bittend nach oben zeigten. Diese Geste wurde von Kändler nicht erkannt. Bei seinen – und allen anderen – Pagoden ist der Handrücken oben. Dass dieser Nippes weit verbreitet war, verrät Heinrich Heine in seinen Berichten aus Paris, in denen er über "diese monotonen chinesischen Pagodenbewegungen" des (fast schon geschiedenen) Mannes von George Sand spöttelt.

4. Zehn Bajoden für Friedrich II.

In der Allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften und Künste von 1837 hieß es zum Schluss: "Man weiß, dass sie trotz ihrer hässlichen Gestalten bei uns als Zierathen verwendet, und je fratzenhafter, desto theurer bezahlt werden." Königlicher Zuspruch wurde ihnen deswegen nicht versagt. Friedrich der Große bestellte 1762 in Meissen "10 Bajoden mit wackelnden Köpfen à 1 Fuß hoch" für die Ausstattung des Schlosses Sanssouci. Und als 1915 der neue Leipziger Hauptbahnhof eröffnet wurde, gehörte dazu im Eckgebäude an der Ostseite – wie damals bei allen repräsentativen Bahnhofsgebäuden – ein "Raum für hochgestellte Reisende (Fürstenzimmer)", geschmückt mit zwei Bodenvasen und einem großen Wackelpagoden aus Meissen, den das Stadtmuseum noch bewahrt.

5. Noch heute zu haben

Dass Pagoden sich noch immer großer Beliebtheit erfreuen, zeigen die vielen Verkaufs- und Auktionsangebote im Internet. Und auch aus Meissen sind sie weiterhin zu haben: als limitierte "Exklusiv-Kollektion". 7.490 Euro kosten sie, wenn sie 16,8 Zentimeter groß sind. 9.990 Euro werden es bei 21 Zentimetern. Und bei den 38-Zentimeter-Versionen heißt es: "Preis auf Anfrage" – aber fünfstellig ist der gewiss.