Ich habe neulich Donald Trump lieb gewonnen. Nicht den Politiker, den Sportler. Trump, so las ich in einer Zeitung, hält sich selbst für einen hervorragenden Golfspieler. Er glaubt, sein Handicap liege bei 2,8, was offenbar sensationell gut ist; ich kenne mich mit Golf nicht so aus. Diesen Wert hat er erreicht, so ein neues Buch, weil er beim Golfen betrügt. Schlägt Trump einen Ball beispielsweise in einen Teich, sieht man ihn danach angeblich in der Nähe des Teiches rumlaufen, und zack – taucht der Ball neben dem Teich wieder auf. Einen gut geschlagenen Ball eines Gegners soll er in einen Sandbunker geworfen haben. "Es geht nur um ein Spiel, und Trump betrügt dennoch bei jeder Gelegenheit, weil er nicht verlieren kann", sagte Rick Reilly, Autor von Commander in Cheat.

Ich glaube, es handelt sich um ein Phänomen, das größer ist als Trump. Wir alle belügen uns selbst. Wir halten uns für größer, schöner, besser, als wir es wirklich sind. Das fängt mit den kleinen Sachen an.

Ich golfe nicht, aber ich habe eine Skat-App auf meinem Handy. Wenn ich warten muss, zum Beispiel am Flughafen, spiele ich gegen den Prozessor. Bekomme ich ein richtig mieses Blatt, lasse ich mir von der App neue Karten geben. Manchmal nehme ich einen falschen Zug einfach zurück. Ich gewinne dadurch fast immer. Obwohl ich von meinem Betrug weiß, glaube ich, dass ich eine sehr gute Skatspielerin bin. Ein Freund von mir baggert gern Frauen an. Wenn eine mit ihm flirtet, sagt er: Die mochte mich. Wenn ihn eine abblitzen lässt, sagt er: Die mochte mich sehr, ist aber leider vergeben. Dass ihn eine nicht mögen könnte, kommt in seiner Vorstellung nicht vor. Er glaubt, er ist der König der Anbaggerer.

Wir glauben auch alle, dass wir ganz anders aussehen, als wir aussehen. Im Fahrstuhl bei der ZEIT ist eine Wand ein Spiegel. Die meisten Kollegen, ich wahrscheinlich auch, verändern ihren Gesichtsausdruck, bevor sie sich darin betrachten, sie machen ein Spiegelgesicht, eines, das ihnen besonders gut gefällt. Meine These: Wenn alle immer so freundlich und gnädig gucken würden wie vor einem Spiegel, gäbe es keine Kriege mehr.

Ein Thema, bei dem wir uns fast alle selbst betrügen, ist das Alter. Ich zum Beispiel. Wenn jemand ein paar Jahre jünger ist als ich, habe ich meist das Gefühl, dass wir ungefähr gleich alt sind. Erst wenn jemand wirklich sehr viel jünger ist als ich, nehme ich ihn als jünger wahr, so ungefähr ab einem Abstand von zehn Jahren. Ich habe also ein Alters-Handicap von 10.

Wenn jemand allerdings älter als ich ist, kenne ich die Differenz genau. Eine meiner Freundinnen wurde einen Tag vor mir geboren. Wenn jemand sagt: "Hey, ihr zwei seid ja gleich alt", denke ich: "Sie ist einen Tag älter."

Lästig am Selbstbetrug ist bloß dieses Ding namens Realität. Neulich ging eine Gruppe von uns nach der Arbeit zusammen essen, alle im gleichen Alter. Dachte ich. Gegen Ende wollten wir einem Kollegen helfen, sein Car to go zu finden. Wir starrten auf sein Handy, und ein Kollege, der, wie mir dann bewusst wurde, ungefähr acht Jahre jünger ist als ich, sagte: "Halt es mal näher an Brittas Gesicht. Sie ist schon älter, sie braucht eine Brille."

Er meinte das nicht böse, es war einfach ein Scherz. Ich kann auch mal verlieren, ich bin ja nicht Trump. Ich habe nicht die Herrschaft über Atomraketen, will keine Mauer bauen, ich bin viel toleranter und nicht so menschenfeindlich. Mein Golf-Handicap liegt wahrscheinlich bei 1000. Außerdem wirke ich, im Gegensatz zu Trump, mindestens zehn Jahre jünger, als ich bin.