In der Innenstadt von Basel verteilen Politiker und Aktivisten dieser Tage Gummibärchen an Passanten. In der Stadt, die auf Gedeih und Verderb auf ihre Pharmaindustrie angewiesen ist, reichen anscheinend ein paar Zuckerkalorien, um die Bürgerinnen dafür zu gewinnen, eine der größten Wetten einzugehen, auf die sich die Schweiz je eingelassen hat: die Vorlage zur Steuerreform und AHV-Finanzierung, kurz Staf. Am 19. Mai stimmen die Schweizer darüber ab.

In Basel wird sich, so ist zu vermuten, eine klare Mehrheit für den Steuer/AHV-Deal finden. Also dafür, dass Unternehmen künftig zwei Milliarden Franken weniger an den Staat abliefern und gleichzeitig – quasi als gesellschaftliches Gegengeschäft – der Rentenfonds jährlich mit zwei zusätzlichen Milliarden gefüttert wird.

Denn die Symbiose von Stadt und lokaler Weltwirtschaft reicht in Basel tief. Im vergangenen Februar wurde eine kantonale Mini-Staf von beinahe 80 Prozent der Bürger angenommen. Sie senkt die Gewinnsteuern für Firmen von 22 auf 13 Prozent, eliminiert aber gleichzeitig die Steuerprivilegien für sogenannte Statusgesellschaften. Und damit auch die Durchschnitts-Basler etwas von der Reform haben, werden die Einkommensteuern gesenkt, bezahlt der Staat höhere Familienzulagen, und er gibt zusätzlich 10 Millionen Franken im Jahr für die Verbilligung der Krankenkassenprämien aus.

Aber wird es der Staf auch in der restlichen Schweiz zum Sieg reichen?

Eigentlich kann die Vorlage auf eine breite Befürworterfront zählen: von links bis rechts. Die Gewerkschaften und die SVP sind gespalten, weshalb sie Stimmfreigabe beschlossen haben. Dagegen sind lediglich die Grünen und die Grünliberalen, allerdings aus unterschiedlichen Gründen: Die einen stört, dass multinationale Firmen in der Schweiz steuerlich entlastet werden sollen. Das befeuere den globalen Steuerwettbewerb und treibe die armen Länder in den Ruin. Die anderen stoßen sich daran, dass AHV- und Steuer-Reform zu einem großen Päckli geschnürt wurden. Damit werde die Neuordnung der Altersvorsorge unnötig verzögert.

Nötig ist die Steuerreform, weil die OECD, die EU und die G20 nicht länger akzeptieren, dass die 24.000 ausländischen Holdinggesellschaften in der Schweiz auf Gewinne, die sie im Ausland erwirtschaften, viel weniger Steuern bezahlen müssen als auf Gewinne, die sie hierzulande machen. In Basel waren das bisher 8 bis 11 Prozent. Aber ohne diese Privilegien drohen die betroffenen Firmen damit, sie würden ins Ausland abwandern. Denn sie müssten auf einen Schlag viel mehr Steuern zahlen. Im Fall der Pharma in Basel mehr als doppelt so viel.

Seit über einem Jahrhundert gehört die Vorzugsbehandlung von Holdings zum Geschäftsmodell der Schweiz AG. Nun soll damit Schluss sein. Deshalb wollen Bundesrat und Parlament die Multis mit neuen Steuerinstrumenten davon überzeugen, hier zu bleiben: mit einer sogenannten Patentbox, Steuerabzügen für Forschung und Entwicklung oder einer zinsbereinigten Gewinnsteuer. Gleichzeitig buhlen die Kantone untereinander mit niedrigeren Gewinnsteuern um die Firmen.

Eine erste Reform scheiterte vor gut zwei Jahren. Damals riet der Chefredakteur des Blick seinen Lesern : "Kauft die Katze im Sack". Nein, meinte eine klare Mehrheit der Schweizer. Sie sahen in der Patentbox eine Blackbox und in der zinsbereinigte Gewinnsteuer einen Euphemismus für: Macht, was ihr wollt, liebe Firmen, versteht eh keiner, was das genau ist.

Deshalb kommt es nun zur Päckli-Abstimmung. Aber nicht nur das Gegengeschäft ist neu, die Steuerreform wurde auch inhaltlich angepasst: Unter anderem werden die Patentbox kleiner und die Steuerabzüge für Forschung und Entwicklung geringer sein, und die zinsbereinigten Gewinnsteuer wird so ausgestaltet, dass sie nur noch der Kanton Zürich anwenden kann, um damit seinen Finanzplatz attraktiv zu halten. Unklar ist allerdings nach wie vor, was genau passiert, wenn das neue Steuerrecht greift. Der Pharmakonzern Novartis schreibt auf Anfrage: "Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Novartis auch bei einer Annahme der Staf gleich viel oder tendenziell leicht mehr Steuern bezahlen würde." Vor allem aber biete sie der Firma die lang ersehnte Rechtssicherheit.

Der Staat und die Steuerzahler müssen deutlich mehr Geduld haben als die Großkonzerne, die auf eine schnelle Lösung drängen. Fünf bis zwanzig Jahre wird es dauern, bis die Mehreinnahmen die erlittenen Steuerverluste überflügeln werden. In den ersten fünf bis zehn Jahren, so schätzte die Handelszeitung kürzlich, werden die Kantone und Gemeinden hingegen 10 bis 20 Milliarden Franken verlieren.

Erst dann dürften sich genügend neue ausländische Firmen angesiedelt und die heimischen Formen genügend Investitionen getätigt haben, dass der Staat jährlich 1,4 Milliarden Franken mehr einheimsen kann als heute. So berechneten es die Experten des Bundes.

Doch es kann, wie immer bei einer Wette, auch anders kommen. Wenn die Instrumente nicht greifen, wenn sich die Firmen nicht locken lassen – dann würde auch in zwanzig Jahren jährlich eine Milliarde Franken weniger in der Staatskasse und im Rententopf landen.

Da sind ein paar süße Gummibärchen ein schwacher Trost.