Kurz wiehert ein Pferd, dann beginnt die Erde zu beben, und der Himmel bebt mit ihr. Das Fundament erzittert und mit ihm das Firmament. Schwere, mächtige, dunkel funkelnde Bässe breiten sich aus und umhüllen die Ohren der Hörer und Hörerinnen und auch ihre Köpfe und die gesamten Körper; lange stehende Töne zerfallen zu Vibrationen, die einander überlagern und sich gegeneinander verschieben. In diesen Momenten, in denen es zittert und flirrt, kriechen die Bässe tief ins Skelett hinein. Es braust eine schwarze Gischt aus elektrisch verstärkten Gitarrenklängen und deren Feedbacks mit den Verstärkern: Das sind dann keck sich in die Schläfenlappen fräsende Fiep- und Pfeiftöne; sie blitzen wie kleine Lichter über dem dunklen Mulm oder wie das kurze Feuerwerk, das man sieht, wenn man eine Faust gegen die Stirn oder die Augen geschlagen bekommt.

So oder so ähnlich klingt die Musik, die das US-amerikanische Trio SunnO))) auf seinem neuen Album Life Metal darbietet; es ist das achte Langspielwerk in der zwanzigjährigen Karriere der Band. Seit Ende der Neunziger begeistern Greg Anderson und Stephen O’Malley, die beiden Gründungsmitglieder, die seit 2004 durch Attila Csihar ergänzt werden, eine erstaunlich große und immer noch wachsende Zuhörerschaft mit weitgehend melodiefreiem Gebrumm und Gedröhn. Bei ihren Konzerten posieren sie in grob gewebten Mönchskutten vor ihren gewaltigen Gitarrenverstärkern wie vor einem Altar. Sie umhüllen das Publikum mit blickdichtem Nebel, oft ist von der Bühne nichts mehr zu sehen außer den Funktionslampen der Verstärker, die wie böse rote Augen in den Saal starren. Der Krach ist laut bis an die Grenze dessen, was sich ertragen lässt. Doch wird diese Grenze auch nie überschritten, denn bei aller Lautstärke und Intensität wirken die Bässe und Feedbacks und Vibrationen nicht aggressiv oder brutal, sondern auf sonderbare Weise zärtlich und weich. Sie werden nicht maskulin aus den Gitarren gerissen, sondern liebevoll herausgekrault und -gestreichelt; es fehlt dieser Musik, die eigentlich ja keine ist, jede Überwältigungsgeste und jede Lust an der Unterwerfung des Publikums.

Wenn sich hier jemand unterwirft, dann sind es vielmehr die Gitarristen: Sie unterwerfen sich der erhebenden Kraft des reinen Geräuschs, sie huldigen den spirituellen Kräften der Elektrizität. "Mir ist die Transzendenz wichtig", sagt Stephen O’Malley im Interview: "den eigenen Körper verlassen und ganz mit dem Verstärker verschmelzen, dem Feedback, den Vibrationen. Irgendwann weißt du gar nicht mehr, von wem welches Geräusch gerade kommt." In ihren Studioproduktionen pflegen SunnO))) ihre Ästhetik mit Gastbeiträgen unterschiedlicher Künstler zu variieren; auf Black One aus dem Jahr 2005 konnte man etwa den US-amerikanischen Black-Metal-Sänger Malefic hören, der aus einem mikrofonierten Sarg in einem Leichenwagen herausröchelte. Für ihr bislang bestes Studiowerk, Monoliths and Dimensions von 2009, schmückten sie den Krachminimalismus mit Posaunenklängen, persischem Soprangesang und einer perlenden Harfe; auf Soused aus dem Jahr 2014 kombinierten sie das gequetschte Baritonbarmen des kürzlich verstorbenen Kunstknödlers Scott Walker mit dem Beat einer live ins Klangbild geschnalzten Bullenpeitsche.

Life Metal beginnt mit einem knapp dreizehnminütigen Stück, das dem achtbeinigen Götterpferd Sleipnir aus der nordischen Mythologie gewidmet ist – darum auch das Wiehern zu Beginn und am Ende. Über den sich dazwischen entfaltenden Krach murmelt die isländische Cellistin und Komponistin Hildur Gudnađóttir ein paar zarte pantheistische Verse. Später streicht sie aus ihrem Cello auch noch lange, sich tief ins Hirn sägende Borduntöne heraus, in denen die Gitarrengeräusche von Anderson und O’Malley erst versinken und über denen sie dann umso dramatischer wieder erblühen. In dem vierten und letzten, 25-minütigen Titel Novæ werden die elektrischen Vibrationen von schnaufenden, orgelartigen Klängen unterwühlt, die nach Angaben der Band von einem von Gudnađóttir selbst gebauten Instrument namens haldrophone kommen.

So sind auch auf Life Metal, wie bei SunnO))) oft, der strikte Minimalismus und die Ernsthaftigkeit des Spirituellen mit allerlei komischem Kokolores gekreuzt; gerade diese Kreuzung stiftet der Musik ihre gebrochene Größe und Erhabenheit. Wesentlichen Wert bei der Erläuterung des Albums legt Stephen O’Malley auf den Umstand, dass keinerlei digitale Gerätschaften zum Einsatz gelangten; alles wurde in komplex mikrofonierten Räumen live auf Tonband aufgenommen und dann mit Schere und Klebstoff montiert. Tatsächlich ist die Produktion (von Steve Albini) farbig, delikat und dreidimensional. Wer sich kontemplativ in die knapp einstündige Kakofonie versenkt, treibt durch fahl erleuchtete Räume, in denen es brummt und schnauft, bebt und lebt; in denen eine sonderbare Harmonie herrscht zwischen der reinen Materialität des elektrisch verstärkten Geräuschs und den Klängen des Atmens und der Präsenz. Stärker denn je, könnte man vielleicht sagen, rührt die Aura von SunnO))) auf diesem Album aus der Transformation ihres entsubjektivierten Krachs in einen Ausdruck von Echtheit und unmittelbarer Humanität.

"Life Metal" von SunnO))) ist erschienen bei Southern Lord Records.