Die sonderbare Gelassenheit der Deutschen – Seite 1

Hinter den Datenbergen liegt das gelobte Land. Zufriedene Bewohner, stabile Institutionen, eine Heimat für Menschen aus aller Welt, die sich hier mit Familie und Freunden einrichten. Sie fühlen sich wohl, wenngleich sie wissen, dass es in ihrem Land nicht gerecht zugeht, dass bald Veränderungen anstehen, Umwälzungen. Doch sie haben keine Angst, sie sind bereit für das Neue. Denn die Deutschen besitzen eine innere Stärke, die sie gelassen auf die Welt blicken lässt – selbst wenn die aus den Fugen gerät. Stärke? Gelassenheit?

Es ist ein überraschendes Bild der deutschen Gesellschaft, das aus den Daten der Vermächtnis-Studie hervorgeht. Ein völlig anderes, als es von Medien, Politik, Wirtschaft, von den Bürgern selbst gezeichnet wird. Wenn in Talkshows, im Bundestag und anderswo über Deutschland geredet wird, geht es um ein Land, das Veränderung und Technik fürchtet, Angst vor Fremden hat und vor Abstieg, in dem Diskurs und Umgang verrohen, Gier und Geiz herrschen und es keinen Anstand mehr gibt. Die dazugehörigen Debatten werden von jenen mit den lautesten Thesen dominiert. Von Büchern wie Republik der Angst oder Magazin-Aufmachern wie "Es war einmal ein starkes Land". Unter diesem Titel komponierte der Spiegel vergangenes Jahr Dieselskandal, WM-Ausscheiden und Regierungszwist zum Deutschland-Abgesang.

Die Wissenschaftler der Vermächtnis-Studie debattierten nicht. Sie hörten zu. 2070 Menschen, jedem über anderthalb Stunden. 200 Interviewer fragten sich von Mai bis September 2018 durch das Land, um ein repräsentatives Bild der Gesellschaft zu bekommen. Wie leben die Menschen? Wie wollen sie leben? Was erwarten sie von der Zukunft? Was wollen sie an kommende Generationen weitergeben?

Die Ergebnisse sind eine Zumutung. Für die Leser, weil sie aushalten müssen, dass Wissenschaft sich endgültigen Antworten nur annähern kann, da ihrer Übersetzung in den Alltag immer eine Unschärfe innewohnt. Für die Deutschen, weil die Studie ihr Selbstbild herausfordert. Denn trotz aller Unschärfe: Die Vermächtnis-Studie vermisst exakt die innere Verfasstheit des Landes. Und weil dies nach Sommer 2015 die zweite Befragung ist und etwa 1200 Menschen zum zweiten Mal teilnahmen, lassen sich Veränderungen erkennen. Oder auch nicht. Denn nichts charakterisiert dieses Land besser als Kontinuität. AfD, Trump, Brexit, Flüchtlingskrise – die vergangenen drei Jahre mögen die Welt erschüttert haben. Aber nicht die Deutschen.

Arbeit bleibt für sie das Wichtigste. 86 Prozent sagen, dass ihnen Erwerbsarbeit sehr wichtig sei, 2015 waren es 85 Prozent. Zudem erklären 73 Prozent, dass sie einer Arbeit nachgingen, die sie auf jeden Fall machen wollten. Auch dieser Wert hat sich kaum verändert. Stabilität ebenso in anderen Bereichen. Trotz aller politischen Ereignisse bleibt das Interesse an Politik moderat, so wie an Kultur. Unverändert hoch dagegen der Wunsch, die Arbeit im Haushalt aufzuteilen. So stabil wie die Einstellungen sind auch die Erwartungen der Deutschen. Gefragt, wo sie sich in zehn Jahren sehen, sagen über 90 Prozent: Da, wo ich heute stehe. Sie rechnen nicht mit Abstieg, aber auch nicht mit Aufstieg. Selbst dann nicht, wenn sie ganz unten stehen – und obwohl sie die Gesellschaft ungerecht finden. Wenn die Vermächtnis-Forscher die Menschen baten, die Verteilung von Reichtum hierzulande zu malen, zeichneten die eine Pyramide.

Stabilität kann auch Resignation bedeuten. Ein Durchwursteln durch das eigene Leben nach dem Motto: lieber mäßige Stabilität als vielversprechendes Chaos. Es gibt Politiker, die haben so Wahlen gewonnen, als Verkörperung des kleineren Übels. Wäre dem so, wären die Deutschen nicht gelassen. Sondern würden in einer Angststarre verharren. Dafür müssten sie allerdings Angst haben. Haben sie aber nicht. Auch das zeigt die Vermächtnis-Studie.

Könnte die Gesellschaft mit wenig Mühe sehr viel besser sein? Fehlen die Ambitionen?

So sorgen sich nur 30 Prozent der Befragten um ihren Job. Genauso viele wie 2015. Nur drei Prozent glauben, dass ihre Arbeit auch von Computern erledigt werden könnte. Und das, obwohl beinahe täglich diskutiert wird, wie viele Jobs in Zukunft von Robotern übernommen werden. Auch von einer anderen Diskussion scheinen die Deutschen unbeeindruckt. Haben Sie Angst vor Überfremdung?, wollte die Vermächtnis-Studie wissen. 30 Prozent bejahten das 2015, vor Beginn der Flüchtlingskrise. Jetzt sind es 34 Prozent. Klingt viel? Zum Vergleich: Die größte Angst der Deutschen ist fast doppelt so stark. 69 Prozent befürchten, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben. Was übrigens zeigt, dass sie genau diese Kontrolle derzeit haben.

Wer die Kontrolle über sein Leben besitzt, ist zufrieden. Zwei Drittel der Deutschen sagen das von sich. Und sie fühlen es. Im Laufe des Interviews schnupperten die Vermächtnis-Teilnehmer an verschiedenen Düften. Welche davon passen zu Ihrem Leben?, fragten die Forscher. Die angenehmen, sagten die Teilnehmer. Ihre Schlagworte: "Sonne", "Gesundheit", "Blumengarten".

Ein überschaubares Glück, eine Idylle im Kleinformat. Ist das genug? Oder zu wenig? Einerseits braucht innere Stärke keine großen Gesten. Gelassenheit ist oftmals bei jenen zu finden, die wissen, wohin sie gehören. So klein dieser Ort auch sein mag. Ein sicheres Leben auf kleiner Scholle – für die meisten Menschen ein Traum. Oft unerreichbar. Andererseits kann eine Idylle auch zu überschaubar sein. Wenn das Glück zu klein zum Teilen ist und die Idylle zu ambitionslos für eine Gesellschaft, die mit wenig Mühe viel besser sein könnte.

Genug? Zu wenig? Die Vermächtnis-Studie beantwortet das nicht direkt. Empirie beschreibt nur. Die Deutung entsteht aus dem Zusammenspiel der Zahlen. Wer das versteht, kann Schwerpunkte ausmachen, die sich zu Themen verdichten. Drei davon haben die Forscher in der Studie gefunden. Alle drei werden in den folgenden Wochen in der ZEIT behandelt. Das erste Thema ist "Heimat".

Heimat ist ein Gefühl

Sie ist fast allen Menschen wichtig, 89 Prozent sind es in der Vermächtnis-Studie. Nicht erstaunlich. Doch wie die Befragten "Heimat" definieren, ist überraschend. Nationale Ideen spielen kaum eine Rolle. Nur knapp die Hälfte definiert Heimat über Kultur, nur 59 Prozent denken an Deutschland. Wirkliche Heimat finden Menschen bei anderen Menschen. Bei jenen, die ihnen etwas bedeuten. 68 Prozent nennen Freunde und Bekannten, 80 Prozent Familie und Lebenspartner. Die höchste Zustimmung, 88 Prozent, erreicht die Antwort: "Heimat ist, wo ich mich geborgen fühle". Heimat ist ein Gefühl. Kein Grenzzaun. Und zwar bei allen. Denn auch die Deutschen mit Migrationshintergrund sehen es so. Ebenfalls interessant: Eine gemeinsame Religion spielt die geringste Rolle. Hätte die Heimat, wie sie in der Vermächtnis-Studie erscheint, eine Hymne, es wäre Lennons Imagine.

Die Idylle ist also nicht zu klein zum Teilen. Im Gegenteil, sie ist eine geteilte Idealvorstellung. Doch das wird in der Debatte ignoriert, Zusammenleben wird meist mit Blick auf die Gefahren diskutiert, die von Kultur und Religion ausgehen. Jene Bereiche, die am wenigsten bewegen. Beispiele? Ein Innenminister stellt zehn Regeln für eine deutsche Leitkultur auf, eine Talkshow fragt, ob junge Männer aus "archaischen Gesellschaften" integrierbar seien. Interessante Fragen, im Einzelfall sogar wichtige. Leider die falschen für dieses Land. Die richtigen finden sich in der Vermächtnis-Studie, bei den Themen Nummer zwei und drei – "Wir-Gefühl" und "Fortschritt".

Die Deutschen glauben an sich. Aber nicht mehr an ihre Institutionen

Wie auch "Heimat" ist den Menschen ein "Wir-Gefühl" wichtig. Fast 80 Prozent sagen dies. 85 Prozent wünschen sich noch mehr "Wir". Die Deutschen haben eine Sehnsucht nach Zusammenhalt. Bei jenen, die nur eine geringe Bildung haben, ist sie noch größer. Genau wie bei Menschen, die sich vor Kriminalität, Terror und Ausländern fürchten.

Diese Zahlen sind eine Aufforderung an die Politik, sich um das "Wir-Gefühl" zu kümmern. Das ist Chance und Gefahr. Denn wenn die etablierten Parteien das gewaltige Potenzial, das darin steckt, nicht erschließen, werden es andere tun.

Schon zeigen sich die ersten Risse in der Idylle. Denn das Wir-Gefühl übersetzt sich nicht in Engagement außerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises. Dafür fehlt es an Vertrauen untereinander, der Basis für ein gelebtes Wir. Nur ein Viertel der Befragten hat viel Vertrauen in die Mitmenschen, 40 Prozent haben wenig. Auch hier sind jene mit geringer Bildung besonders skeptisch. Außerdem glaubt nur ein Viertel, dass auch den Mitmenschen ein "Wir-Gefühl" wichtig ist. Ein Misstrauensvotum.

Um das zu ändern, müsste eine andere Politik gemacht werden. Keine kleine Aufgabe angesichts von Landflucht, eines Bildungssystems, das seit Jahren undurchlässiger wird, und Innenstädten, in denen Arme auf der einen Seite leben und auf der anderen die Reichen. Doch die Deutschen sind bereit für Veränderungen, auch für tiefgreifende. Das zeigt sich im vierten Teil der Vermächtnis-Studie, dem "Fortschritt". In den Daten taucht er zweimal auf, als technischer Fortschritt und als sozialer.

Ersterer beschäftigt sich mit der Digitalisierung. Die halten die Deutschen für unvermeidlich. 88 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Bildung daher ein lebenslanger Prozess sei, und glauben, dass es in Zukunft noch wichtiger sein werde, immer wieder Neues zu beginnen. Angst löst diese Vorstellung nicht aus. Drei Viertel der Befragten sagen, dass es Gewinner und Verlierer geben werde. Ein Blick von nüchterner Gelassenheit. Und das, obwohl die Deutschen ihr Land für technisch unvorbereitet halten. Die Hälfte glaubt, dass Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt. Nur 14 Prozent denken, dass Schulen, Universitäten und Ausbildungsbetriebe gut vorbereitet seien, nur 20 Prozent sagen dies von heimischen Firmen. Anders ausgedrückt: Die Deutschen haben sich emanzipiert. Von den Eliten in Politik und Wirtschaft, von deren Versprechungen. Sie glauben an sich. Aber nicht mehr an ihre Institutionen.

Das zeigt sich auch bei der anderen Form des Fortschritts, dem sozialen Aufstieg. Der werde zunehmend unwichtiger, sagen die Befragten in der Vermächtnis-Studie. Stattdessen pochen sie auf Sinn und Solidarität, wünschen sich mehr Zeit für Kinder, Freunde und Freizeit. Und ein Gesundheitssystem, das alle gleich behandelt. Das ist eine Absage an das Prinzip des "Schneller, höher, weiter", das jahrzehntelang die Gesellschaft prägte. Es ist aber auch eine Absage an Gerechtigkeitsdebatten, die nur um Tarifzuschläge und Rentenerhöhungen kreisen.

Die Mehrheit der Deutschen ist weiter – und zufrieden. Damit diese Idylle bleibt, müssen die politisch Verantwortlichen ihnen folgen. Der erste Schritt dazu ist diese ungeschönte Bestandsaufnahme.