Es heißt zwar Der Klang von Paris, aber dieses Buch handelt auch von Geruch und Geschmack, von den Geräuschen, den Lichtern und Irrlichtern und überhaupt Sensationen aller Art, die die "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" zu bieten hatte. Walter Benjamin hat einst Paris so genannt und der Stadt in seinem epochalen Passagen-Werk-Projekt ein Denkmal gesetzt, auch eines der Kulturgeschichtsschreibung. Doch er hat die Musik vergessen, findet der Musikpublizist Volker Hagedorn, der unter anderem für die ZEIT schreibt: ausgerechnet die Musik, die uns so viel erzählen kann von Sehnsüchten und Abgründen, vom Puls einer Zeit und eines Ortes, gerade von Paris, vor allem im 19. Jahrhundert. Hagedorn zielt auf dessen Mitte, in sechs chronologischen Etappen von 1821 bis 1867 und mit einer Reiseplanung en détail: "Den jungen Rossini werden wir zum Essen begleiten und den alten zum Fotografen, mit Flaubert werden wir Pauline Viardot in ihrer letzten Rolle bewundern und mit Balzac die erste Oper besuchen, die Berlioz sah. Liszt wird vor der Cholera in nächtliche Improvisationen fliehen, Wagner sich in Paris finden und es der Stadt nie verzeihen, Chopin nicht als Einziger eine große Liebe gewinnen und verlieren, am Klavier nur scheinbar fern von der Welt. Meyerbeer wird vollendet den riesigen Seismografen mitten in der Hauptstadt Europas beherrschen, die Grand Opéra, deren Besuch für die Mehrheit der Pariser nicht zu bezahlen ist."

So stimuliert man Neugierde. Große Namen, Liebe und Niedertracht, die Oper als Seismograf einer metropolen Erdbebenzone, drum herum Soziologie, Technikgeschichte, dazu Klatsch und Tratsch: Hagedorns Klang von Paris ist vielstimmig. Der Erzähler empfiehlt sich als Reisebegleiter in dieser komplizierten Zeitmaschine, und er wählt sich seinen Liebling klug: den großen, längst nicht mehr unterschätzten Hector Berlioz, Zukunftsmusiker, musikjournalistische Spottdrossel, romantischer Held seiner eigenen Memoiren, anschaulich gequältes Liebestier, außerdem 2019 150 Jahre tot, damit Jubilar des Jahres wie der andere Seismograf seiner Welt und ihrer Unterwelten, der vielleicht doch noch immer etwas unterschätzte Jacques Offenbach, dessen 200. Geburtstag ansteht. Ersterer kam aus der französischen Provinz, der andere aus Köln, Rossini aus Pesaro, Meyerbeer aus Berlin, Heine aus Düsseldorf, Wagner aus Leipzig – wobei Letzterer aber nicht in Paris starb und es nach zweimaligem gescheitertem Eroberungsversuch ja sowieso lieber abbrennen wollte.

Berlioz, beim Aufsägen eines Schädels, als Noch-Medizinstudent in der Sektionshalle: Das ist schon kein schlechter Anfang. Hagedorn ist ein gewiefter Ausmaler historischer Momentskizzen. Natürlich gehört das Ausmalen dessen, was man nicht wissen kann, weil man eben nicht dabei gewesen ist, zur biografischen Profession; anders als viele Kollegen aber legt er im Anhang seine Quellen offen. Und die sprudeln gerade bei Berlioz überreichlich, der sein Leben und seine Leiden an der Liebe und am Kulturbetrieb so ausführlich und so witzig mitgeschrieben hat wie keiner sonst. Wenn das junge Genie den alten Direktor des Conservatoire als meckernd radebrechenden Musikpolizisten von gestern karikiert, kann der Autor den Original-Textfluss einfach umleiten und vergisst nicht, klarzustellen, dass da dem alten Luigi Cherubini schwer unrecht getan wurde. Aber hat Rossini den Kollegen Salieri wirklich gefragt, ob er Mozart vergiftet habe? Da wüsste man gern mehr; gelegentlich kommen sich bei Hagedorn literarische Ambition und didaktisch notwendige Informationsvermittlung ein wenig ins Gehege, so wenn zum Beispiel in einem Nebensatz noch dringend ein wichtiges Datum untergebracht werden muss.

Doch das sind kleine Verluste an Eleganz, denen beträchtliche Erkenntnisrenditen gegenüberstehen. Da wären die Begegnungen der Großen: Wagners schändliche Bettelbriefe an Meyerbeer, die Speisekarte eines Banketts für den Gourmet Rossini, die Entfremdung des Liebespaars Chopin und George Sand, Liszt, wie er Mendelssohns g-Moll-Konzert im Klaviergeschäft Érard zum Entsetzen des Komponisten fehlerfrei aus dem Manuskript spielt, prominente Besuche in Heines Matratzengruft – das alles sind eher keine Neuigkeiten. In der souveränen Zusammenschau aber schärfen sie den Sinn für die Entstehungsbedingungen von Kunstwerken, an deren Gegebenheit wir uns gern gewöhnt haben. Lehrreich, zu erfahren, dass das bestens dokumentierte tout Paris der besseren Gesellschaft gerade einmal 2000 Köpfe zählte, unter 800.000 Parisern, die an den viel beleuchteten Kulturwundern ihrer Zeit keinen Anteil nahmen. Dafür wird man in der einschlägigen biografischen Literatur dem Pariser Mietpreisspiegel kaum begegnen, jenen offenbar ewigen Alltagssorgen auch der Erfolgreichen.

Ein schönes Gedenkblatt hat Hagedorn dem Tausendsassa, Luftschiffer und vor allem Fotografen Nadar gewidmet, in dessen Atelier die faszinierenden ersten Aufnahmen von Berlioz, Rossini und Liszt entstanden. Zu Hagedorns Symphonie der Großstadt gehört eben auch die fotografische Kunst. Ebenso der Blick auf den Eisenbahn fahrenden Chopin, das Manuskript seiner Cellosonate auf den Knien, oder auf die Sensation einer elektrischen Sonne in Meyerbeers Oper Le Prophète . Bald wird die Leiche des Gefeierten im Sonderzug nach Berlin gefahren werden; im Sonderzug kommt drei Jahre später eine gigantische Kruppkanone aus Essen zur Weltausstellung 1867 und wird bald darauf auch benutzt, allerdings von den Deutschen gegen die Franzosen.

Zum Sound von Paris gehört der Sound der Klaviere, auf denen Chopins Nocturnes und Liszts h-Moll-Sonate gespielt wurden: völlig neue Musik, komponiert mit einer Vorstellung im Kopf, die eben nicht in den Noten steht. Und auch das erfährt man: wie viel historische Detailmühe es macht, den Klang eines Pleyel-Pianos wirklich zu rekonstruieren. Ohne kaninchenfellfilzbezogene Hämmerchen, "0,24 Gramm pro Quadratzentimeter", kommt man da wohl nicht wirklich weiter.

Nicht selten in Hagedorns Buch, wie bei diesem Besuch in der Werkstatt des verrückten Pleyel-Klangforschers, verlöre man sich gern in noch mehr und weiteren Details. Aber das ist kein schlechtes Zeichen: Das Buch regt die Geschmacksnerven an, es macht musikhungrig.

Volker Hagedorn: Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts; Rowohlt, Hamburg 2019; 410 S., 25,– €