Wir kriechen. Die Straße zieht sich in Schlangenlinien hinauf in die Berge. Immer wieder gibt es große Ausblicke auf die albanische Adria, während der Kleinbus auf den tausend Meter hohen Llogara-Pass zukeucht.

Ich komme aus dem Hafenstädtchen Saranda, im Süden Albaniens, und bin auf dem Rückweg nach Tirana. Der großartigen Aussicht wegen habe ich im Bus einen Platz auf der vordersten Bank ergattert, was ich jetzt bereue. Rechts steigt der Hang an, links klafft eine Schlucht. Ich habe Höhenangst. Dann kommt der Bus auch noch ins Stottern und bleibt schließlich stehen. Der Fahrer versucht zweimal, den Motor zu starten. Nichts geschieht. Er montiert den schwarzen Kasten unterm Schaltknüppel ab. Darunter erscheint das Getriebe. Er begutachtet es, als erwarte er Blut, aber da ist keines. Mir wird mulmig. Ich quetsche mich an ihm vorbei auf die Straße.

Vierzig Minuten lang klopfen der Fahrer und ein kundiger Passagier den Bus mit Werkzeugen so gründlich ab wie einen lungenkranken Alten. Um schließlich festzustellen: Der Tank ist leer.

Der Bus ist kein Verkehrsmittel, das Albaner ihren Gästen ans Herz legen. Man kann ihn nicht reservieren, außer man kennt den Fahrer oder seine Frau, seinen Onkel oder die Oma. Außerdem lässt sich nur am Ort sicher herausfinden, ob und wann ein Bus fährt. Ich aber wollte während eines mehrwöchigen Arbeitsaufenthalts in Tirana auch ein paar Tage ins Landesinnere vordringen, die Lieblingsgegenden der Albaner kennenlernen. Mit dem Transportmittel, das die meisten hier nehmen.

An Tag eins breche ich mit meinem Rucksack in Tiranas Zentrum auf. Ich gehe zu Fuß über den verkehrsberuhigten Skanderbegplatz, wo zwischen Theater, Nationalmuseum, Moschee und Regierungsgebäuden Jungs mit Skateboards cruisen und Menschen auf bunten Sitzmöbeln noch einen Kaffee trinken, bevor sie zur Arbeit müssen. Es riecht nach Abgasen, aber auch nach frischem Brot, es ist lauter als in Deutschland. Der Busbahnhof liegt am Stadtrand und sieht mit seinen in die Jahre gekommenen Personentransportern – den Furgons – aus wie der Parkplatz eines Gebrauchtwagenhändlers. Ich finde einen Bus nach Pogradec am Ohridsee. In die kleine Stadt im hügeligen Hinterland fahren Einheimische gern zum Baden.

Der Busfahrer setzt mich auf den Platz hinter sich, und ich lerne in den nächsten Stunden allein durch Zuschauen viel: Dass in Albanien keine ausgeschilderten Haltestellen existieren, dass der Bus dann stoppt, wenn jemand aussteigen will oder jemand am Streckenrand steht. Dass, wenn alle Sitzplätze belegt sind, aus irgendeinem Versteck Plastikschemel geholt werden, auf denen man sich in den Gang setzen kann. Und dass man erst nach der Beförderung bezahlt.

Als ich gegen Mittag aus dem Bus klettere, stehe ich sofort in einer ohrenbetäubenden Mischung aus Balkan und Ostblock, in welcher der Mensch alle Motoren und Musikanlagen vorführt, die er hat. Cafés spielen Balkanpop, aus Autos boxt der Technobass, Mopeds knattern. Doch nur fünf Minuten entfernt, am zweitgrößten Balkansee, fühle ich mich wie in einem Schweizer Luftkurort in der Nebensaison. Das Wasser ist klar, der Strand sauber, die Boote sind in einem Eins-a-Zustand, und die wenigen Menschen, die hier unterwegs sind, sprechen leise. Ein Ehepaar lässt sich von mir auf dem Steg am Wasser fotografieren, wir radebrechen ganzkörperlich. Im nahen Park sitzen Männer in Anzügen und spielen Schach. Mir begegnen kaum Frauen. Als mir eine Gruppe Schuljungen in einer Fünferkette entgegenkommt und keine Anstalten macht, auszuweichen, ist klar, dass die Schweiz doch weit weg ist. Vom Balkon meines Hotels an der Uferpromenade sehe ich am anderen Ufer die Bergketten Mazedoniens im Dunst.