Besucher eines Welternährungs-Kongresses in Berlin erlebten Anfang Mai einen reumütigen Manager von Bayer. Demonstrativ stieg Liam Condon von seinem Rednerpodest herunter: Er wolle nicht von oben herab reden, sagte der Chef der Agrarsparte Crop Science. Sodann breitete Condon aus, wie sein Unternehmen zum Vorreiter der Nachhaltigkeit werden will.

Die Inszenierung sollte offenbar den dramatischen Image- und Kursverlusten entgegenwirken, die Bayer nach dem Kauf des US-Konzerns Monsanto erlitten hat. Doch genützt hat es erst mal wenig, denn kurz darauf sollte alles noch schlimmer kommen. Am Montag beschleunigte ein Gerichtsurteil über das krebsverdächtige Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat die Abwärtsspirale, die den Life-Science-Konzern nach unten zieht.

Fast 1,8 Milliarden Euro Bußgeld plus 49 Millionen Euro Schadensersatz soll Bayer an Alva und Alberta Pilliod bezahlen – so urteilte eine Jury im kalifornischen Oakland. Beide Ehepartner litten an Krebs, und beide hatten das auf ihren langjährigen Umgang mit Monsantos glyphosathaltigem Ackergift Roundup zurückgeführt. Die Entscheidung ließ Bayers Aktienkurs am Dienstag um weitere 2,3 Prozent auf den Tiefpunkt von 55,15 Euro sinken. Denn mit dieser Strafsumme stellte die Jury die jeweils rund 80 Millionen Dollar weit in den Schatten, die in zwei vorausgegangenen Prozessen den Klägern zugesprochen worden waren.

Wie in diesen Fällen, so will Bayer auch gegen das Pilliod-Urteil in Berufung gehen. Der Konzern bleibt dabei: Glyphosat sei sicher, das hätten zahlreiche Studien und Zulassungsbehörden bestätigt. Andere Faktoren im Leben des Kläger-Ehepaars hätten den Krebs auslösen können. Für die Schuld des Glyphosat-Produktes Roundup gebe es "keine verlässlichen wissenschaftlichen Nachweise".

Die Geschworenen beurteilten jedoch, wie verantwortungsvoll Monsanto mit einem Risiko umgegangen ist. Sie beschuldigen den Saatgutriesen, Indizien für einen Krebsverdacht unzulänglich nachgegangen zu sein. Zudem sei Roundup ohne angemessene Sicherheitshinweise verkauft worden.

Sogar "Arglist" und "Betrug" werfen die Geschworenen Bayer vor, und dass die Bayer-Anwälte schon zum dritten Mal bei ihrem Bemühen scheiterten, derart harte Vorwürfe zu entkräften, wirft kein gutes Licht auf ihre Aussichten in weiteren Verfahren. Mittlerweile sind in den USA 13.400 Klagen anhängig. "Baysanto", wie Kritiker spöttisch sagen, drohen Schadensersatzsummen in zweistelliger Milliardenhöhe.

Zwar müssten nach Einschätzung eines Analysten der Bank J.P. Morgan erst ein Dutzend Prozesse abgewartet werden, um die Belastungen für den Konzern abschätzen zu können. Jeder Einzelfall ist anders, und auch die Bußgelder werden im Fortgang des Verfahrens oft deutlich gesenkt. Aber auch in anderen Ländern prüfen Anwälte Klagen.

Je mehr der Aktienkurs nachgibt, umso größer wird die Sorge, die Leverkusener könnten selbst zum Übernahmekandidaten werden. Das neue Urteil dürfte überdies den angeschlagenen Bayer-Vorstandschef Werner Baumann noch stärker unter Beschuss bringen. 55 Prozent der Aktionäre hatten ihm bei der Hauptversammlung Ende April die Entlastung verweigert, weil er sich mit dem Kauf Monsantos verkalkuliert und den Ruf von Bayer aufs Spiel gesetzt habe.

Wie sehr, das zeigten am Wochenende dann auch noch peinliche Nachrichten aus Frankreich. Demnach hat Monsanto PR-Agenturen damit beauftragt, Politiker, Wissenschaftler und Journalisten in Gegner und Sympathisanten zu sortieren. Rund 200 Personen wurden danach benotet, wie positiv oder negativ sie Monsanto beurteilten. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der mutmaßlichen Erfassung privater Daten. In diesem Fall bemühte sich Bayer mit einer öffentlichen Entschuldigung um Schadensbegrenzung.

Doch solche Gesten werden nicht reichen. Letztlich muss Bayer seine Aktionäre überzeugen, dass die Klagerisiken durch jene Gewinne gerechtfertigt sind, die man sich von Agrar-Innovationen aus Monsantos Laboren verspricht. Außerdem müsste der von Liam Condon angekündigte "Dialog mit der Gesellschaft" wirklich ernst gemeint sein. Der Manager zitierte in Berlin Mahatma Gandhi: "Unsere Zukunft hängt von dem ab, was wir in der Gegenwart tun." Für Bayer allerdings wird die Zukunft wohl noch lange von der Vergangenheit Monsantos bestimmt.