DIE ZEIT: Herr Jung, in Leipzig wird es am 23. Mai, zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes, ein riesiges Fest auf dem Markt geben. Machen Sie das, damit das Verfassungsjubiläum keine rein westdeutsche Veranstaltung bleibt?

Burkhard Jung: Ja, denn auch die Ostdeutschen gehören zu dieser Verfassung, diese Verfassung gehört auch ihnen! Ich glaube, dass wir in ganz Deutschland nicht genug würdigen, was wir an diesem großartigen Grundgesetz haben. Ich glaube auch: Die Bundesregierung hat dieses Jubiläum verschlafen. Der Bund hat sich auf den letzten Metern noch am Verfassungstag beteiligt, der am 23. Mai in Karlsruhe gefeiert wird. Aber man hat es versäumt, das Land einzubeziehen.

ZEIT: Was genau hätten Sie sich gewünscht?

Jung: Dass wir dieses Jubiläum in ganz Deutschland nutzen, um über die Grundrechte und über unsere Republik zu diskutieren. Dieses Grundgesetz ist großartig!

ZEIT: Was passiert in Leipzig, am 23. Mai?

Jung: Wir werden hier das – soweit mir bekannt ist – einzige Verfassungsfest erleben, das von den Bürgern selbst organisiert wird. Es wird eine offene Bühne im Herzen der Stadt geben. Kleine Andockpunkte, Zelte um diese Bühne herum, die sich jeweils einem Grundgesetzartikel von besonderer Bedeutung widmen. Die Thomaner werden singen, es wird also durchaus feierlich! Aber vor allem soll es Raum für Diskussionen geben.

ZEIT: Viele im Osten hätten sich gewünscht, dass man 1990 eine gemeinsame, neue Verfassung entwickelt.

Jung: Ich dachte damals auch, dass das gut wäre. Aber es wäre schwierig gewesen, eine bessere Verfassung zu entwickeln. Das Grundgesetz ist so stark formuliert. Die Probleme, die es im Osten gibt, haben nichts mit dem Grundgesetz zu tun. Eine gemeinsame Verfassung hätte nichts daran geändert, dass die Dax-Konzerne im Westen sind.

ZEIT: Aber vielleicht am Gefühl.

Jung: Das Grundgesetz verwendet das schöne Wort Gleichwertigkeit. Das Gefühl, zweitrangig zu sein, hat eher etwas damit zu tun, nicht hinreichend ernst genommen zu werden. Ich glaube, man kann den Osten noch stärker ans Grundgesetz heranführen. Zum Beispiel versuchen wir das mit dem Forum Recht ...

ZEIT: ... einer Stiftung des Bundes, die derzeit in Karlsruhe und Leipzig aufgebaut wird.

Jung: Das Forum Recht wird über die deutsche Rechtsgeschichte informieren; wird ein Ort sein, an dem Recht erlebbar wird. Ursprünglich sollte das nur in Karlsruhe entstehen. Einige Bundestagsabgeordnete sagten dann: Das kann nicht sein. Wir können Justiz nicht nur im Westen diskutieren. Leipzig ist die zweite deutsche Hauptstadt des Rechts. Man vergisst schnell: Ohne die deutsche Teilung wäre Leipzig sogar die alleinige Hauptstadt des Rechts. Hier saßen über ein Jahrhundert die wesentlichen Gerichte.

ZEIT: Heute gibt es hier das Bundesverwaltungsgericht ...

Jung: ... und bald zwei Strafsenate des Bundesgerichtshofs. Zugleich sind wir die Stadt, in der sich die Menschen 1989 den Rechtsstaat erkämpft haben. Ein zentraler Ort der Rechtsgeschichte zu sein, das hat helle und finstere Seiten. Bis 1945 saß in Leipzig das Reichsgericht. Darüber zu sprechen, das aufzuarbeiten und erlebbar zu machen wird die Akzeptanz des Grundgesetzes stärken.